Sie beweisen aber , daß die Möglichkeit des Weltfriedens schon von altersher ins Auge gefaßt worden war . Nur vereinzelt , von großen Zwischenräumen getrennt , erhoben sich die Stimmen und verhallten - nicht nur unbeachtet , sondern zumeist auch ungehört . Mit allen Entdeckungen , allem Fortschritt , allem Wachstum geht ' s nicht anders : Naht von ferne sich der Frühling , Zwitschert ' s da und dort hervor , Rückt er weiter in das Land ein , Schmettert ' s laut im großen Chor . So im weiten Kreis der Zeit Flüstert ' s lang schon da und dort , Kommt der richtige Moment Stimmen Alle ein sofort . ( Märzrot ) Und wieder nahte meine schwere Stunde . Aber diesmal wie so anders , als zu jener Zeit , da Friedrich mich verlassen mußte - um des Augustenburgers willen . Diesmal war er an meiner Seite , auf des Gatten richtigem Posten : durch seine Gegenwart , durch seinen Mitschmerz der Gattin Leiden mildernd . Das Gefühl , ihn da zu haben , war mir ein so beruhigendes und glückliches , daß ich darüber das physische Ungemach beinah vergaß . Ein Mädchen ! Das war unseres stillen Wunsches Erfüllung . Die Freuden , die man an einem Sohne hat , die würde uns ja der kleine Rudolf bieten ; jetzt konnten wir dazu auch noch diejenigen Freuden erleben , welche so ein aufblühendes Töchterchen seinen Eltern verschafft . Daß sie ein Ausbund von Schönheit , von Anmut , von Holdseligkeit sein würde , unsere kleine Sylvia , daran zweifelten wir keinen Augenblick . Wie wir beide nun über der Wiege dieses Kindes selber kindisch wurden , was für süße Albernheiten wir da sprachen und trieben , das will ich gar nicht versuchen zu erzählen . Andere als verliebte Eltern verständen es doch nicht , und alle solche sind wohl selber grad ' so toll gewesen . Wie das Glück doch selbstisch macht ! Es folgte jetzt eine Zeit für uns , in der wir glücklich alles Andere - was nicht unser häuslicher Himmel war - gar zu sehr vergaßen . Die Schrecken der Cholerawoche nahmen in meinem Gedächtnis immer mehr die Gestalt eines entschwundenen bösen Traumes an , und auch Friedrichs Energie in Verfolgung seines Zieles ließ einigermaßen nach . Es war aber auch entmutigend : überall , wo man mit jenen Ideen anklopfte - Achselzucken , mitleidiges Lächeln , wo nicht gar Zurechtweisung . Die Welt will , wie es scheint - nicht nur betrogen , sondern auch unglücklich gemacht werden . So wie man ihr Vorschläge unterbreiten will , das Elend und den Jammer fortzuschaffen , so heißt das » Utopie , kindischer Traum « , und sie will nichts hören . Dennoch ließ Friedrich sein Ziel nicht gänzlich aus den Augen . Er vertiefte sich immer mehr in das Studium des Völkerrechts , setzte sich in brieflichen Verkehr mit Bluntschli und anderen Gelehrten dieses Zweiges . Gleichzeitig - und zwar mit mir in Gemeinschaft - betrieb er auch fleißig andere , namentlich naturwissenschaftliche Studien . Er plante , über den Gegenstand » Krieg und Frieden « ein größeres Werk zu schreiben . Doch ehe er sich an die Ausführung machte , wollte er durch lange und eingehende Forschungen sich dazu rüsten und schulen . » Ich bin zwar ein alter k. k. Oberst , « sagte er , » und die meisten meiner Alters- und Ranggenossen würden es verschmähen , sich mit Lernen abzugeben ... man hält sich gewöhnlich für unbändig gescheit , wenn man ein ältlicher Mann in Amt und Würden ist - ich selber , vor einigen Jahren , hatte auch solchen Respekt vor meiner Person ... Nachdem sich mir aber plötzlich ein neuer Gesichtskreis aufgethan , nachdem ich einen Einblick in den modernen Geist gewann , da überkam mich das Bewußtsein meiner Unwissenheit ... Nun ja , von alledem , was jetzt auf allen Gebieten an neuer Erkenntnis gewonnen worden , davon hat man ja in meiner Jugend gar nichts - oder vielmehr das Gegenteil gelernt . Da muß ich jetzt - trotz der Silberfäden an den Schläfen - wieder von vorne anfangen . « Den Winter nach Sylvias Geburt verbrachten wir in aller Stille in Wien . Im folgenden Frühjahr bereisten wir Italien . Weltkennenlernen gehörte ja auch zu unserm neuen Lebensprogramm . Frei und reich waren wir , nichts hinderte uns , es auszuführen . Kleine Kinder sind zwar auf Reisen ein wenig lästig , aber wenn man genügendes Personal von Bonnen und Wärterinnen mitführen kann , so läßt es sich schon machen . Ich hatte eine alte Dienerin zu mir genommen , welche einst meine und meiner Schwester Kindsfrau gewesen , dann einen Wirtschaftsbeamten geheiratet hatte und jetzt verwitwet war . Diese » Frau Anna « war meines vollsten Vertrauens würdig und in ihren Händen konnte ich meine kleine Sylvia mit voller Beruhigung zurücklassen , wenn wir - Friedrich und ich - auf mehrere Tage unser Hauptquartier verließen , um Ausflüge zu machen . Ebensogut war Rudolf bei Mr. Foster , seinem Hofmeister , aufgehoben . Doch geschah es häufig , daß wir den achtjährigen kleinen Mann mit uns nahmen . Schöne , schöne Zeiten ! ... Schade , daß ich damals die roten Hefte so stark vernachlässigte . Gerade da hätte ich so viel des Schönen , Interessanten und Heitern eintragen können : aber ich habe es unterlassen , und so sind mir die Einzelheiten jener Jahre meist aus dem Gedächtnis entschwunden : nur in großen Zügen kann ich mir noch ein Bild davon zurückrufen . In das » Friedensprotokoll « fand ich Gelegenheit , eine erfreuliche Eintragung zu machen . Es war dies nämlich ein Zeitungsartikel , gezeichnet B. Desmoulins , worin der französischen Regierung der Vorschlag gemacht wird , sich an die Spitze der europäischen Staaten zu stellen , indem sie das Beispiel gäbe , abzurüsten . » So wird sich Frankreich das Bündnis und die aufrichtige Freundschaft aller Staaten sichern , welche dann