« über die Kunst , die in gelehrtklingenden Schöngeist-Brochüren alles Moderne verdammen und den großen Stil der » Alten « Preisen , weil sie selbst gar keinen Stil besitzen und ihre nüchterne akademische Formfexerei niedlich weiterputzen - erklärte das freilich für verworrenes stilloses Nicht-Können . Doch die gestaltende Phantasie darin mußte wohl oder übel anerkannt werden . Bald vollendete Rother sein erstes Bild , eine beträchtliche beklexte Leinewand : » Nero an der Leiche seiner Mutter « , natürlich . Der » Schinken « , um im Künstlerjargon zu reden , wurde in der Malklasse ausgestellt . Die Makarterei der Farbe , deren Effekthascherei jenen Meister noch zu über-makarten strebte , und die unfertige Zeichnung wurden allseitig verdammt . Der Composition konnte man jedoch nicht eine gewisse Größe absprechen . Die phrasenhafte Attitüde der todten Agripina und das Grinsen des Nero-Kopfes mochten wohl affektirt erscheinen , aber eine gewisse dämonische Kraft der Auffassung schien nicht zu verkennen . Als ihm die guten Freunde und Collegen mit augenscheinlichem Hochgenuß die vernichtenden Urtheile der akademischen Herrn Lehrer darüber hinterbrachten , lauschte Rother stumm und regungslos , nur etwas bleicher wie gewöhnlich . Dann stand er plötzlich auf , musterte sein Bild mit einem kalten » Darin liegt viel Wahres ! « und wie man es verhindern konnte , hatte er die Leinwand mit dem Malmesser durchkratzt , zusammengerollt und in den Ofen geworfen . Vielleicht erwartete er , Jemand werde das Opfer retten . Es rührte sich aber Keiner - er kannte die Menschen noch nicht , wie jugendliche Pessimisten ja stets zu optimistisch denken . Ohne sich umzusehen , trat er nun ruhig an seine Staffelei und führte einen Studienkopf aus . » Na , daß Dich nur nicht niederschlagen ! Es wird ja schon besser werden ! « tröstete ihn wohlwollend ein sogenannter » talentvoller Schüler « - einer von jenen , die im späteren Frust-Kampf des Lebens spurlos verschwinden . Rother drehte sich um und warf ihm einen vernichtenden Blick zu : » Besser zu straucheln wie ich , als zu marschiren wie Du ! « Von der Stunde an galt es als unumstößliche Wahrheit , daß er an unheilbarem Größenwahn leide . Am selben Abend kneipte er mit einigen Verbummelten bis tief in die Nacht hinein und kam taumelnd nach Hause . Der Mond , der ihn gut kannte , mußte sich über ihn wundern . Sturmnacht , die Eichen des Humboldthains bebten . Er aber schritt immer fürbaß in die Finsterniß und wünschte , daß Einer ihn anfiele . Das wäre ihm gerade recht gewesen . Früh am Morgen stand er auf und begann sofort ein neues Bild . Da er gehört hatte , es gehöre zur künstlerischen Inspiration , daß man sich ernstlich verliebe , so suchte er nach einem Objekt . Dies fand er in einem hochaufgeschossenen Mädchen mit lebhaften sinnlichen Zügen , der Tochter eines Kommerzienrath Eisenbaum , der im Hause seiner Eltern verkehrte . Sie war eine sogenannte Jugendfreundin , mit der er sich viel herumgebalgt . Aber die kluge schnippische Ella , die ihn so herzlich verspottete , als er ihr einmal auf einer Landpartie eine Wasserblume pflücken wollte und dabei ins Wasser plumpste , mußte er ja jetzt als Dame behandeln mit ihren fünfzehn Jahren , um so mehr sie weit über ihr Alter entwickelt schien und schon Brüste ansetzte . Er schnitt ihr also die Cour , nur zu sehr . Denn er besuchte Eisenbaums unter allerlei Vorwänden viel zu oft , so daß es auffallen mußte . Ella absolvirte ihren zweiten Tanz-Cursus , dieses wichtigste Stadium im Leben der Höheren Töchter . Ihr Interesse lenkte sich merklich ab . Und einmal , als sie sich leicht zankten , fragte ihn die junge Schönheit : Er sei wohl fast nie zu Hause ? Er that , als merke er diesen wuchtigen Hieb mit dem Laternenpfahl nicht ; aber er beschloß sie schrecklich zu strafen - nämlich plötzlich ganz auszubleiben . Seine harmlose Einbildung spiegelte ihm vor , daß sie das schwer empfinden und durch seine scheinbare Gleichgültigkeit ihre Liebe geweckt werde müsse . Er glaubte an diese zweifelhafte Theorie , die er mal in dem spanischen Lustspiel » Donna Diana « ( Reklam ' sche Universalbibliothek , andere Bücher über 20 Pfennig las er als echter Deutscher nicht ) gefunden hatte . Die Eisenbaum ' sche Villa , nahe der Eisenbaum ' schen Fabrik am Rosenthaler Thor , lag in der Nähe . Auf seinem Weg zur Akademie fensterpromenirte hier der schmachtende Courmacher stets vorüber . Einmal sah er auf der andern Seite Herrn Eisenbaum mit seiner Tochter spazieren gehen . Der Athem stockte ihm und das Blut trat ihm zu Herzen . Doch er richtete den Blick gradaus und ging im Sturmschritt . Auf der andern Seite der Straße hörte er leises sichern . Sein Gehör war ungewöhnlich scharf , wie es bei abnorm nervösen Naturen häufig der Fall . Obwohl er sonst kein Wort verstand , vernahm er doch genau , wie Herr Eisenbaum seiner Tochter bemerkte : » Da geht Dein genialer Courmacher ! « Ella lachte . - Er that , als sähe und hörte er nichts , beschloß aber feierlich , dies Haus nie wieder zu betreten . Diese Selbstbestrafung führte er dann auch hartnäckig durch . Wie gewöhnlich in dieser Alterszone , unter dem Wendekreis des forschen Penälerthums , glaubte er durch doppelte Ungezogenheit zu imponiren . Spazierte er mit seinem glorreichen Intimus Eugen Wolffert stolz die Straße entlang und begegnete zufällig den Eisenbaums , so grüßte er von oben herab . Traf er Eisenbaums bei seinen Eltern , so stellte er sich tief beleidigt , daß Seiner Magniferenz nicht mehr Ehre erwiesen werde . Aber was half ihm das Gefühl seiner jugendlichen Erhabenheit ! Der Traum der ersten Liebe ließ sich nicht abschütteln . Als Kind und Knabe wird ein geistreicher Mensch von der unbestimmten Sehnsucht der Pubertät erzeugt . Es gilt sich selbst erziehn . Oft deklamirte sich der drollige Kunstjüngling damals