sagen ! « Hierauf fing sie an zu plaudern und sagte : » Weißt du eigentlich , wie es mit dem guten Kinde steht ? « Als ich erwiderte , daß ich allerdings nicht klug daraus würde , fuhr sie fort : » Man sagt , daß das arme Mädchen seit einiger Zeit merkwürdige Träume und Ahnungen habe , daß sie schon ein paar Dinge vorausgesagt , die wirklich eingetroffen , daß manchmal im Traume wie im Wachen sie plötzlich eine Art Vorstellung und Ahnung von dem bekomme , was entfernte Personen , die ihr lieb sind , jetzt tun oder lassen oder wie sie sich befinden , daß sie jetzt ganz fromm sei und endlich auf der Brust leide ! Ich glaube dergleichen Sachen nicht , aber krank ist sie gewiß , und ich wünsche ihr aufrichtig alles Gute , denn sie ist mir auch lieb um deinetwillen . - Aber alle müssen leiden , was ihnen bestimmt ist ! « setzte sie nachdenklich hinzu . Während ich ungläubig den Kopf schüttelte , durchfuhr mich doch ein leichter Schauer , und ein seltsamer Schleier der Fremdartigkeit legte sich um Annas Gestalt , welche meinem innern Auge vorschwebte . Und fast in demselben Augenblicke war es mir auch , als ob sie mich jetzt sehen müsse , wie ich vertraulich bei der Judith stand ; ich erschrak darüber und sah mich um . Der Nebel löste sich auf , schon sah man durch seine silbernen Flöre den blauen Himmel , einzelne Sonnenstrahlen fielen schimmernd auf die feuchten Zweige und beglänzten die Tropfen , welche sich fallend ablösten ; schon sah man den blauen Schatten eines Mannes vorübergehen , und endlich drang die Klarheit überall durch , umgab uns und warf , wie wir waren , unser beider Schlagschatten auf den matt besonnten Grasboden . Ich eilte davon und hörte in dem Hause meines Oheims die Bestätigung dessen , was mir Judith mitgeteilt ; wohl aufgehoben in dem lebendigen Hause und beruhigt durch das vertrauliche Gespräch , lächelte ich wieder ungläubig und war froh , in meinen jungen Vettern Genossen zu finden , welche sich auch nicht viel aus dergleichen machten . Doch blieb immer eine gemischte Empfindung in mir zurück , da schon die Neigung zu solchen Erscheinungen , der Anspruch darauf mir beinahe eine Anmaßung zu sein schien , die ich der guten Anna zwar keineswegs , aber doch einem mir fremden und nicht willkommenen Wesen zurechnen konnte , in welchem ich sie jetzt befangen sah . So trat ich ihr , als ich abends zurückkehrte , mit einer gewissen Scheu entgegen , welche jedoch durch ihre liebliche Gegenwart bald wieder zerstreut wurde , und als sie nun selbst , in Gegenwart ihres Vaters , leise anfing von einem Traume zu sprechen , den sie vor einigen Tagen geträumt , und ich daher sah , daß sie willens sei , mich in das vermeintliche Geheimnis zu ziehen , glaubte ich unverweilt an die Sache , ehrte sie und fand sie nur um so liebenswürdiger , je mehr ich vorhin daran gezweifelt . Als ich mich allein befand , dachte ich mehr darüber nach und erinnerte mich , von solchen Berichten gelesen zu haben , wo , ohne etwas Wunderbares und Übernatürliches anzunehmen , auf noch unerforschte Gebiete und Fähigkeiten der Natur selbst hingewiesen wurde , so wie ich überhaupt bei reiflicher Betrachtung noch manches verborgene Band und Gesetz möglich halten mußte , wenn ich meine größte Möglichkeit , den lieben Gott , nicht zu sehr bloßstellen und in eine öde Einsamkeit bannen wollte . Ich lag im Bette , als mir diese Gedanken klar wurden und ich der Unschuld und Redlichkeit Annas gedachte , als welche doch auch zu berücksichtigen wären ; und nicht so bald befiel mich diese Vorstellung , so streckte ich mich anständig aus , kreuzte die Hände zierlich über der Brust und nahm so eine höchst gewählte und ideale Stellung ein , um mit Ehren zu bestehen , wenn Annas Geisterauge mich etwa unbewußt erblicken sollte . Allein das Einschlafen brachte mich bald aus dieser ungewohnten Lage , und ich fand mich am Morgen zu meinem Verdrusse in der behaglichsten und trivialsten Figur von der Welt . Ich raffte mich hastig zusammen , und wie man des Morgens Gesicht und Hände wäscht , so wusch ich gewissermaßen Gesicht und Hände meiner Seele und nahm ein zusammengefaßtes und sorgfältiges Wesen an , suchte meine Gedanken zu beherrschen und in jedem Augenblicke klar und rein zu sein . So erschien ich vor Anna , wo mir ein solch gereinigtes und festtägliches Dasein leicht wurde , indem in ihrer Gegenwart eigentlich kein anderes möglich war . Der Morgen nahm wieder seinen Verlauf wie gestern , der Nebel stand dicht vor den Fenstern und schien mich hinauszurufen . Wenn mich jetzt eine Unruhe befiel , Judith aufzusuchen , so war dies weniger eine maßlose Unbeständigkeit und Schwäche als eine gutmütige Dankbarkeit , die ich fühlte und die mich drängte , der reizenden Frau für ihre Neigung freundlich zu sein ; denn nach der unvorbereiteten und unverstellten Freude , in welcher ich sie gestern überrascht , durfte ich mir nun wirklich einbilden , daß sie mir herzlich gut war . Und ich glaubte ihr unbedenklich sagen zu können , daß sie mir lieb sei , indem ich sonderbarerweise dadurch gar keinen Abbruch meiner Gefühle für Anna wahrnahm und es mir nicht bewußt war , daß ich mit dieser Versicherung fast nur das Verlangen aussprach , ihr recht heftig um den Hals zu fallen . Zudem betrachtete ich meinen Besuch als eine gute Gelegenheit , mich zu beherrschen und in der gefährlichsten Umgebung doch immer so zu sein , daß mich ein verräterischer Traum zeigen durfte . Unter solchen Sophismen machte ich mich auf , nicht ohne einen ängstlichen Blick auf Anna zu werfen , an welcher ich aber keinen Schatten eines Zweifels entdeckte . Draußen zögerte ich wieder , fand aber den Weg unbeirrt zu Judiths Garten . Sie selbst