, und Sie können mit einem Bataillon den Aufruhr einer ganzen Stadt wie Grünwald zu Boden schmettern . Gegen die Zugeständnisse , welche der König in dem Frühling desselben Jahres durch die Zusammenberufung des versammelten Ständetages der liberalen Partei und dem Zeitgeist überhaupt gemacht hatte , sprach sich der Fürst wiederholt mit großer Entschiedenheit aus . Ich sehe nicht ab , sagte er , wohin dies Treiben führen soll . Wenn der König , wie ich gern glaube , nicht will , daß sich ein Blatt Papier zwischen ihn und sein Volk stelle , nach dessen Paragraphen er regieren muß , so dürfte er auch nicht einmal den Schatten des Constitutionalismus heraufbeschwören . Dem Schatten folgt der Körper . Ich gestehe , daß ich über die Langmuth des Königs , diesen frechen Schreiern gegenüber , empört bin und daß ich lange Zeit Anstand genommen habe , ob ich einem Monarchen , der so die ersten Pflichten eines gottbegnadeten Amtes verkannte , mit Ehren dienen könne . Wenn so der Fürst seine russisch absolutistischen Ideen zum Maßstab der Dinge machte , so geschah es wohl , daß sich in Helenens Herzen etwas wie ein Grauen gemischter Widerwillen gegen den , der in kaltem Ton so Unmenschliches behauptete , zu regen begann . Aber wenn sie auch zu einer andern Zeit vor den furchtbaren Consequenzen der Grundsätze des Fürsten zurückgeschaudert sein würde , so hatte jetzt die Wunde , die ihrem stolzen Herzen Oswalds Verrath geschlagen , sie schwer gereizt und in das andere Extrem gestürzt . Helene haßte Oswald ; sie meinte Thränen des Zorns und der Scham , wenn sie dachte , wie theuer ihr dieser Mann und wie nah sie der Gefahr gewesen war , ihm zu zeigen , wie lieb sie ihn hatte . An dem Verrath selbst zweifelte sie jetzt durchaus nicht mehr . Das Benehmen Emiliens war seit einiger Zeit so verändert , daß es auch den Unbefangensten auffiel . Die junge Frau floh jetzt die Gesellschaft ebenso , als sie dieselbe früher gesucht hatte , und wenn sie es nicht vermeiden konnte , in ihren alten Cirkeln zu erscheinen , hatte sie nur Spott und Hohn für Alles , wofür sie vormals schwärmte . Sie fand die Offiziere albern ; erklärte Tanzen für ein kindisches Vergnügen und einen Bal masqué für den Gipfel aller Lächerlichkeit . Sie behandelte die Damen mit unverhüllter Ironie und die Herren mit offener Verachtung , besonders ihren Gemahl , der bei dem Allem gar nicht wußte , wie ihm geschah . Die Meisten lachten und sagten : es ist eine Laune von der kleinen Frau ; sie wird schon wieder zur Vernunft kommen ; Andere , die weniger harmlos waren , meinten : dahinter steckt mehr . Wenn eine junge Frau die ganze Welt , ihren Gemahl nicht ausgeschlossen , in dieser Weise behandelt , so thut sie es sicher einem Mann zu Liebe , der für sie die ganze Welt ist . - Wer dieser Glückliche sein mochte , darüber zerbrach man sich vergebens die Köpfe . Die Einen riethen auf den jungen Grafen Grieben , der ihr früher den Hof gemacht hatte , die Andern auf Herrn von Sylow , wieder Andere sogar auf den Fürsten Waldernberg - und nur Helene Grenwitz wußte , daß Alle sich irrten und daß der Gegenstand von Emiliens Liebe nicht in den aristokratischen Kreisen Grünwalds zu finden war . Hätte Anna-Marie geahnt , welch trefflichen Bundesgenossen sie in diesem Augenblick für die Ausführung ihres großen Planes an Oswald Stein hatte , sie würde diesem » so überaus abscheulichen und gefährlichen jungen Mann « weniger gram gewesen sein . Jedenfalls schien sich das Verhältniß zwischen dem Fürsten und Helene ganz nach ihrem Wunsche gestalten zu wollen . Sie hielt es wenigstens für ein gutes Zeichen , daß Helene nicht darauf drang , die Unterhaltungen in dem kleinen Salon neben dem Spielzimmer durch Hinzubitten anderer junger Leute zu beleben , und als sie kürzlich die Bemerkung wagte : das wäre ein Schwiegersohn nach meinem Sinn , nicht die schönen Brauen verächtlich zusammenzog sondern die dunklen Wimpern auf die erröthenden Wangen senkte . Vierunddreißigstes Capitel In das wilde Allegro von Oswalds jetzigem Leben tönte wie Aeolsharfenklänge die Erinnerung an Alles , » was sein einst war ; « an seine schwärmerische Jugendzeit , wo rosige Wölkchen den Horizont umsäumten , hinter dem die geheimniß- und wundervolle Zukunft lag ; an die seligen Tage von Grenwitz , wo sich für ihn die alte Sage vom Paradiese wiederholen zu wollen schien ; an seine Freundschaften mit großen , zum mindesten guten Menschen : mit Berger , Oldenburg , Franz , Bemperlein - wohin , wohin dies Alles ? Die Jugend versunken für immer und mit ihr all ' die holden rosigen Träume der Jugend ; aus dem Paradiese nichts geblieben , als der bittere Geschmack der Frucht von dem Baume der Erkenntniß , daß Wankelmuth der Seele und treue Liebe nimmer Hand in Hand gehen können . Und seine Freunde ? - Von Berger hatte er am Thor des Irrenhauses wohl auf ewig Abschied genommen ; in Oldenburg haßte er jetzt seinen Nebenbuhler und den reichen Aristokraten , den Sohn des Glücks , der sich leicht hinwegschwingt über die Hindernisse , an denen Andere ihre Kraft ausgeben ; - gegen Franz , der sich seiner in einer der verwickeltesten Lagen seines Lebens so brüderlich angenommen , hatte er sich der gröbsten Undankbarkeit schuldig gemacht , die er vergebens durch die Unmöglichkeit , mit dem in sich gefesteten , sich streng begrenzenden , leidenschaftlosen Mann bei seiner entgegengesetzten Natur auf die Dauer Freundschaft zu halten , zu rechtfertigen suchte ; - und von Bemperlein , dem guten , harmlosen , ehrlichen Menschen , der ihm eine so enthusiastische Freundschaft entgegen getragen hatte , trennte ihn das quälende Bewußtsein , ihn in seiner geliebten Herrin tödlich beleidigt zu haben , so daß , wenn er ihm auf der Straße begegnete , er in peinlicher Verlegenheit nach der andern Seite