ich auch ruhig über die Zeit sprechen , in der ich Dich noch nicht kannte - denn jenes Leben war nur ein Scheinleben - und Alles , was ich fühlte und dachte , ein unbestimmtes Träumen ohne Zusammenhang und Sinn . Jetzt weiß ich es , jetzt , wo ich in dem Sonnenstrahl Deiner Liebe die Augen aufschlug und nun das Leben so durchsichtig klar vor mir liegt , daß mir die dichte Nacht , die uns umgiebt , heller dünkt , wie sonst der lichteste Tag , und die dunkelsten Räthsel meines Herzens gelöst sind . Jetzt kann ich von der Melitta der früheren Zeit sprechen , wie von einem fremden Wesen , für dessen Thun und Lassen ich mich nicht verantwortlich fühle ; jetzt kann und will ich Dir erzählen , was es für eine Bewandtniß mit dem Bilde in meinem Album hat , dem losgelösten Blatt , dessen Vorhandensein Dich damals so erschreckte , liebes Herz . Ja , ja , ich hab ' es wohl bemerkt - Du entfärbtest Dich und konntest nicht fassen , wie ich Dich um Dein Urtheil über den Mann befragen konnte , den Du für meinen Geliebten halten mußtest . Und doch war das Oldenburg nie , oder es müßte in der Liebe tausend Grade geben , von denen der niedrigste von dem höchsten so weit entfernt ist , wie die Erde von dem Himmel . Ich kannte Oldenburg schon von meiner frühesten Kindheit an . Salchow , das Gut meines Vaters , grenzt an Cona , wo Du gestern warst . Meine Tante , die nach dem frühen Tode meiner Mutter meine Erziehung leitete , und Oldenburg ' s Mutter waren sehr gute Freundinnen und kamen fast täglich zusammen . Natürlich auch wir Kinder . Oldenburg war ein paar Jahre älter als ich , aber da die Mädchen den Knaben stets in der Entwicklung voraus sind , so wurde der Unterschied des Alters von uns nicht empfunden , wir spielten und arbeiteten zusammen und hielten gute Kameradschaft - für gewöhnlich ; denn es kam auch manchmal zu heftigem Wortwechsel und Zank und Thränen . Ich gab selten Veranlassung dazu , denn ich war wenig rechthaberisch und stets zum Nachgeben bereit , aber Adalbert war über die Maßen , empfindlich , störrisch und eigenwillig . Die Doppelnatur seines Wesens , die er später auszugleichen sich bemühte und vor weniger Scharfsichtigen auch meistens zu verbergen mußte , lag damals offen zu Tage . Es war unmöglich , sich nicht für ihn zu interessiren , aber ich glaube , es gab Niemand , der ihn wirklich liebte . Er fühlte das , und dies Gefühl , welches er wie eine geheime Wunde stets mit sich herumtrug , machte ihn schon sehr früh zu einem Hypochonder und Menschenfeind . Was half es ihm , daß Jedermann seine eminenten Gaben bewunderte , daß Niemand an seinem Muth , seiner Wahrheitsliebe zweifelte ! sein störrisches , eigensinniges Wesen stieß Alle zurück , verletzte Alle ! ja selbst seine lange , unschöne Gestalt und seine täppischen , linkischen Bewegungen trugen dazu bei , die Herzen der Menschen von ihm zu wenden . Wenigstens war es so bei mir , die ich mich von Jugend auf zu Allem , was schön und anmuthig war , unwiderstehlich hingezogen fühlte , und einen wahren Abscheu vor dem Häßlichen und Formlosen hatte . Ich konnte mich nicht überwinden , Adalbert zu lieben , obgleich er mit großer , aber freilich stets hinter Schroffheit und Kälte sorgsam versteckter Zärtlichkeit an mir hing und manchmal , wenn seine Leidenschaftlichkeit über die künstliche Ruhe , die er zur Schau trug , siegte , mir in den herbsten , bittersten Ausdrücken meine Lieblosigkeit , meinen Leichtsinn , meinen Wankelmuth vorwarf . Dies Verhältniß blieb , bis Adalbert mit sechszehn Jahren das Gymnasium bezog . Er hatte es bei seinem Vormunde - seine Mutter war jetzt auch gestorben - durchgesetzt , daß er studiren durfte . Nur selten noch kam er und immer nur auf wenige Tage nach Cona . Dann war ich zwei Jahre lang in Pension . So kam es , daß wir uns , bis er nach Heidelberg ging , nur im Vorübergehen sahen . Als er von der Universität und seiner größeren Reise zurückkehrte , war ich schon zwei Jahre verheirathet gewesen . Es dauerte eine geraume Zeit , bis er einen Besuch auf Berkow machte . Unser Wiedersehen war eigenthümlich genug . Er schien den ganzen , so veränderten Zustand nur als ein fait accompli anzunehmen , dem man sich beugt , weil man muß . Er belästigte mich nicht mit Fragen ; er verlangte keine vertrauliche Mittheilung , auf die der einzige Freund meiner Kinder-und Mädchenjahre doch wohl Anspruch hatte . Er machte mir auch keine Vorwürfe ; er sagte mir nicht , daß er mich geliebt , daß er auf meine Hand gehofft hatte , obgleich ich nachher erfuhr , daß dies doch der Fall gewesen , und daß er , als ihn die Nachricht von meiner Verheirathung in Heidelberg traf , fast in Raserei gefallen war und wochenlang , monatelang an einer unbesieglichen Schwermuth gekrankt hatte . Er suchte sich durch eigene Beobachtung ein möglichst klares Bild meines jetzigen Verhältnisses zu verschaffen . Ich sah , daß ihm nichts entging , daß keine meiner Aeußerungen von ihm unberücksichtigt , keine meiner Mienen von ihm unbeachtet blieb . Das Bewußtsein , unter der Controle eines so scharfsichtigen Auges zu stehen , war nichts weniger als behaglich , zumal wenn , wie in diesem Falle , so Vieles hätte anders sein können , anders sein müssen . Es trat bald wieder dasselbe Verhältniß ein , welches früher zwischen uns geherrscht hatte , nur daß die heftigen Scenen wegblieben , die damals durch seine Leidenschaft gelegentlich herbeigeführt wurden . Wie er mir früher alle hübsche Muscheln , Steine und Blumen , die er am Strande , zwischen den Klippen , auf den Wiesen gefunden hatte , zutrug , so theilte er