hatte diese Ermahnung nöthig ; denn als sie wieder eintrat , ging Leonin mit seinem todtenähnlichen Antlitze ihr entgegen und sagte mit leiser , heiserer Stimme und einem Ausdruck der Augen , der ihren Herzschlag aufhielt : » Retten Sie mich , Madame ! Retten Sie mich ! « Er wiederholte diese Worte so oft , so gleich schrecklich im Tone , daß sie glaubte , er sei wahnsinnig geworden . » Vor allen Dingen komme zur Besinnung , mein Sohn ! « sagte sie , vergeblich bemüht , ihrer Stimme Sicherheit zu geben . - » Du bist in einem Grade überspannt , der Dir die richtige Ansicht Deiner Lage unmöglich macht . Fasse Dich und habe Vertrauen zu mir ; wir werden , in Uebereinstimmung handelnd , Alles beseitigen , was Dich überwältigt und quält . « » Nein , nein , Madame , « fuhr Leonin in demselben Tone fort - » es kann nicht möglich sein - ich bin nicht zu retten ! Entweder hier entehrt vor dem Könige , vor allen Menschen - oder dort vor Gott und mir selbst ! Es ist nicht zu vereinigen , ich muß das Opfer werden ! « - » Lassen Sie mich diese Sprache nicht hören ! « sagte die Marschallin - » mein Herz hat keine Nachsicht mit unmännlichen Empfindungen . Sie sind augenblicklich gerettet , wenn Sie anerkennen , welche hohe , ehrwürdige Verpflichtungen Ihnen Ihr Rang , als einem der ersten Unterthanen unseres erhabenen Königs , auferlegt . Sie gehören sich selbst nicht mehr an , kein Mensch hat ein Recht an Sie von dem Augenblicke an , wo der König über Sie verfügt ; - Alles ist Nebensache - kann und muß beseitigt werden zu Gunsten dieses einen , höchsten Zieles ! - So , mein Sohn , denken alle , welche die Ehre haben , Franzosen - Unterthanen des ersten Königs der Erde zu sein . - Doch , vor Allen denken so die hohen Vasallen der Krone , die Stützen des Thrones - die Crecy-Chabanne , die Rohan , Soubise , Montmorency , Latour d ' Auvergne und ähnliche erlauchte Personen . Ist eine Jugendthorheit in ihren Lauf gekommen , so wissen Sie , daß keine der Art so hervortreten darf , daß sie diesen angestammten Verhältnissen den kleinsten Schatten geben könnte ; und da Sie nur eine Pflicht haben dürfen , so wissen Sie , was Sie von allen andern zu halten haben . « Da Leonin nicht antwortete , sondern seine Mutter mit düsteren , verwirrten Blicken anstarrte , fuhr die Marschallin mit steigendem Muthe fort : » so sehr ich es mir auch zum Gesetze gemacht habe , Ihrer Jugendverirrung nicht mehr zu gedenken , überzeugt , Sie würden im Laufe Ihres Lebens am Hofe , und bei erlangter Kenntniß der Verhältnisse , die Ihnen allein zustehen , von selbst die nöthigen Schritte thun , sich von jedem störenden Einflusse , der daher kommen könnte , frei zu machen - muß ich doch einsehen , daß Sie mit Ihrer gewöhnlichen Nachlässigkeit jene Jugendthorheit unverändert gelassen haben . Wie jedes Uebel dadurch wächst , daß wir es nicht anzugreifen wagen , so findet es sich auch bei Ihnen ; da Ihre glänzenden Verhältnisse , die Ihnen in allen Beziehungen die ersten und vollkommensten Gaben darbieten , Sie endlich auf die Spitze hintreiben , ergreift Sie das Gefühl , dieser Auszeichnungen nicht mehr werth zu sein durch unwürdige Bande , denen Sie noch Geltung zugestehen . « » Nein , nein , « unterbrach sie Leonin - » nicht unwürdige - heilige , heilige Bande ! - Ich bin vermählt ! Ich bin ein Bösewicht , wenn ich es läugne ! « » Hierüber , mein Sohn , « sagte die Marschallin mit großer Kälte , » kann ich mit Ihnen nicht streiten . Der Pairshof würde Ihnen darauf antworten können ! Doch würde ich beschämt sein , wenn mein Sohn von einem Gerichtshofe erfahren müßte , daß keine Handlung des Mineronnen , ohne Zustimmung seiner Eltern , irgend gesetzliche Kraft habe ; noch mehr aber beschämt , wenn der Erbe des Namens Crecy-Chabanne in Zweifel darüber wäre , daß er sich vor der Welt nur durch eine ebenbürtige Vermählung behaupten könne . Doch dies Alles habe ich nicht nöthig ; - ich verweise Sie an Ihren Beichtvater ; fragen Sie ihn , welche Kraft für einen Katholiken eine so ungehörige ketzerische Vermählung hat , und Sie werden erröthen , der Spielball dieser Intrigue gewesen zu sein . « » O , meine Mutter , « rief Leonin - » gestatten Sie mir nur , Ihnen die Dinge darzulegen , wie sie wirklich sind ! Sie finden mich ja nicht hartnäckig , widerstrebend ! Nur zu schmerzlich erkenne ich , wie unbesonnen und leichtsinnig ich gehandelt , wie das Wesen , das ich selbst aus freier Wahl in mein Leben verflochten , auf keine Weise in die Verhältnisse meines Standes paßt , die ich jetzt erst in ihrer Wichtigkeit erkannt habe ! Aber ich beschwöre Sie , wenn Sie mir helfen wollen , erkennen Sie an , daß dies Wesen edel und unschuldsvoll mit ihrem Vater mir vertraute - daß sie keinen Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihrer Vermählung hat - und bedenken Sie , daß ich damals , als ich ihr zum Altare folgte , derselben Ueberzeugung war ; mein Gelübde also zu Gott mit der vollen Zusage meines Innern drang ! - Wenn Sie diesen Grad von Rechtmäßigkeit erwägen , werden Sie meine Lage um so schwieriger finden ; Sie werden zugeben , wie elend ich mich fühlen muß , zum Verräther an dem reinsten menschlichen Vertrauen zu werden - oder vor der Welt als ein Thor dastehn zu müssen , der die Gnade unseres großen Königs zurückweist und ein Mädchen tödtlich verletzt , die durch Rang und Verdienst , die Erste zu sein , würdig ist . « Die Marschallin schwieg einen Augenblick und überlegte , daß ihr Sohn