kuranzte Ihn hier in meiner Stube herum , daß Er wie ein Bär tanzen müßte : könnt Er sich darüber wundern ? habe ich Ihn eingeladen , zu mir zu kommen ? Er also hält sich zu Hause einen alten Narren , der Ihm Spaß machen muß , so einen verschimmelten Magister ? Ist Er denn nicht Narr genug für seine Haushaltung ? Ich denke immer , der Flaps könnte noch seine Nachbaren mit versorgen . Der verteufelte Hochmut in dem Gesindel ! Aber es wird euch gewiß noch einmal zu Hause kommen , euer Komödienspielen , in dem ihr ganz verlernt , was Leben und Wahrheit ist . Halunken ihr ! Marsch fort , da ist die Tür ! Ich will Sein dummes Gesicht nicht länger vor mir sehen ! Er sieht aus wie ein Gimpel ! die kann ich nicht leiden . « Leonhard wollte ohnehin hier nicht länger verweilen , und verließ den törichten Alten , dessen Grobheiten ihn nicht beleidigen konnten . Er besuchte alle die Orte der Stadt , die ihm in der Erinnerung lieb geblieben waren , und richtete sich dann ein , am folgenden Tage Nürnberg zu verlassen . Als er am Abend schon ziemlich ermüdet an die Ruhe dachte , kam noch der fromme Lamprecht zu ihm , und brachte ihm Abbitte und Entschuldigung vom Besessenen . Der Anfall war diesmal schneller als sonst vorübergegangen , und er war nun zerknirscht , und saß weinend und bereuend auf seinem Zimmer . » Er hat nicht den Mut « , sagte Lamprecht , » sich vor Ihnen sehen zu lassen , gegen den er sich so abscheulich betragen hat ; er schwört aber , er hätte alle die Grobheiten ausstoßen müssen , ein innerer mächtiger Geist habe ihn dazu gezwungen . Da Sie sich für den Magister , seinen alten Schulfreund , so sehr interessieren , so schickt er Ihnen zum Andenken jenes Exemplar des Gryphius . Sie möchten dabei , bittet er , an seine besseren Stunden denken . « Leonhard nahm das Buch , dankte und ließ dem Alten freundlichen Gruß und Vergessenheit des Vorgefallenen zusagen . » Den abscheulichen Wassermann « , sagte dann Lamprecht , » werden sie wohl , wie ich gehört habe , auf drei Wochen streng und bei schmaler Kost einsperren ; auch hat er Abbitte tun müssen , und wird noch in eine große Geldstrafe kondemniert , die dem Armenhause zum Besten kommen soll . « » Und was macht Ihr Franke ? « fragte Leonhard . » Er bessert sich körperlich « , antwortete jener , » aber geistig habe ich jetzt viel mit ihm zu tun . « » Wie das ? Sie schienen ja so einig ? « » Sonst immer , aber jetzt muß ich ihm predigen und predigen , daß ich ihm nur sein Judentum wieder aus dem Kopfe bringe . « » Sie sagten mir ja aber , daß in jedem Jahr diese Verrücktheit an einem bestimmten Tage komme , und ebenso wieder verschwinde : also wird ja mit der Gesundheit sein Christentum von selbst wieder in ihn zurückfluten . « » Gut gesagt ; aber kann man es denn gewiß wissen ? Es ist darum doch wahrlich keine verlorene Mühe , unterdes an ihm zu arbeiten , damit er auch während seiner Verrückheit an die Wahrheit kräftig erinnert werde . Auch kann es ja sein , daß jener Wurf mit der Bouteille diese unnütze Phantasterei tiefer in sein Gehirn eingekeilt hat , so daß sie nicht so leicht sich ablöset , wie sonst ; und deshalb fühle ich mich berufen , jetzt bei ihm gewissermaßen die Rolle eines Missionars oder Heidenbekehrers zu spielen . Ist doch aller Irrwahn nur partielle Verrücktheit . « Sie nahmen freundlichen Abschied . Da er wieder allein war , wollte es Leonhard bedünken , als habe Lamprecht , so gut wie Franke und Alfert , seinen Teil von jenem anlockenden Gerichte gekostet , das auf die Sterblichen betäubend wirkt . Er suchte in sich selbst jene Gegend zu entdecken , wo auch ein kleiner schadenfroher Dämon seinen Küchengarten angelegt haben könne . Dann betrachtete er nicht ohne Rührung das alte Buch , und las die Zeilen , die der damals junge Magister seinem vermeintlichen Schwiegervater hineingeschrieben hatte . » Wie rund , wie ängstlich « , sagte er , » wie hoffnungsreich und jugendlich ahndend ist jeder Buchstabe ! Welche Zeit , Not , Erfahrung , Jammer zwischen der verblaßten Dinte und seinem letzten Brief ! Nun ängstet er sich nicht mehr um die Schrift , er zerreißt keck die Lettern , er will nicht sich und die andern mehr mit der Zierlichkeit bestechen . Ach ja , auch in der Handschrift des Menschen liegt oft und erzählt sich eine Geschichte , auch eine furchtbar tragische zuweilen . - Armer Mensch ! arme Menschheit ! « Noch von diesen Betrachtungen angefüllt , wollte er durch eine der Hauptstraßen dem Tore zuschreiten . Neben ihm ritt ein schlanker junger Offizier , der vor einem großen Hause , vor welchem ein Soldat schilderte , abstieg , und dem schläfrigen Reitknecht , welcher ihm gefolgt war , sein Roß übergab . Wahrscheinlich hatte der junge Krieger im Hause seinem Vorgesetzten etwas zu melden . Der Bediente desselben hielt nun faul und halb schlafend das mutige Pferd , das nur ungern sich langsam auf und ab führen ließ . Indem erhob sich in der nächsten Straße ein Getümmel , und eine Menschenmasse , die aufgeregt lärmte , zeigte sich bald . Leonhard konnte dem Strome nicht ausweichen , wie er es gern getan hätte , denn Wassermann war wieder der Held dieses Triumphzuges . Man führte ihn vom Verhör zurück , und er war erhitzt und trunken . Die Polizei wollte ihn jetzt in sein Gefängnis zurückbringen ; da er sich aber unterwegs schwach und ohnmächtig angestellt hatte , so waren die Diener des Gerichtes nachgebend genug gewesen , mit dem Klagenden in ein Weinhaus einzukehren ,