, denn er hatte eine solche , und eine sehr bestimmte , wie er nicht selten merken ließ . Da man nun von seiner Einsicht groß dachte , und deshalb oft eifrig in ihn drang , sich auszusprechen , er aber immer den Fragenden gewandt zu entweichen wußte , so hatte ihm der heimliche Spott , der als Landesfrucht auch an dieser Tafel nicht fehlen durfte , den Spitznamen des Abbé Sieyès beigelegt . Johanna nahm in der Regel ein Buch zur Hand , wenn die Herrn sich in ihre administrativ-politischen Gespräche vertieften . Nur wenn Medon zu reden begann , schien sie ein Zwang zu ergreifen , welcher sie nach fruchtlosen Versuchen , fortzulesen , trieb , ihm zuzuhören . Mit einer Mischung von Wohlgefallen und Schmerz tat sie dies , sie konnte lächeln , während ihr Mund vor Pein zuckte . Hermann betrachtete sie mit inniger Teilnahme , obgleich er durchaus nicht wußte , wo er ihr Unglück finden solle . Denn die Verhältnisse des Hauses waren glänzend , die angesehensten Personen suchten die schöne , merkwürdige Frau eifrigst auf , der Gatte behandelte sie mit einer Achtung , die an Ehrfurcht grenzte . Daß sie gewissermaßen dem herzoglichen Hause entführt worden war , schadete ihrem Rufe in einer Welt nicht , welcher alles Gewürz zu den Lebensumständen lieb und angenehm war . Der Verdacht der Herzogin endlich hatte keinen Grund ; Hermann überzeugte sich aus dem Kirchenbuche , daß beide wirklich ehelich verbunden und vom Priester eingesegnet worden waren . Die Staats- und Regierungsfragen , welche er hier aufwerfen , wenn auch nicht beantworten hörte , beschäftigten ihn selbst angelegentlich . Wurden auch keine Resultate erzielt , die Tatsache drängte sich ihm unwiderstehlich auf , daß er inmitten eines großen Verbandes sei , welcher sich von Rußland nach Frankreich erstreckte . Es konnte nicht fehlen , daß das Gefühl solcher Umgebung auch in ihm lebendige Wirkungen hervorbringen und den Tätigkeitstrieb anfachen mußte , welcher allen jungen Männern eingeboren ist . Eines Abends , als die Gesellschaft das Zimmer verlassen hatte , war er mit Medon und Johanna allein zurückgeblieben . » Sie haben « , sagte er zu Medon , » auch heute uns Ihres Zutrauens in betreff jener allgemeinen Angelegenheit nicht gewürdigt . Sein Sie wenigstens offner , wenn ich für meine Person von Ihnen einen Rat begehre . Ich sehe um mich her alles betriebsam , wirkend ; ich selbst aber verzehre mein Geld , verzettle doch im Grunde nur meine Tage und kann nicht leugnen , daß ich mich unbehaglich zu fühlen beginne . Ich habe schon wieder an den von mir so rasch verlaßnen Staatsdienst gedacht . « Medon schwieg einige Zeit , dann hob er an : » Und doch würden Sie in einen zweiten , härteren Irrtum verfallen , wenn Sie diesem Gedanken die Ausführung gäben . Wie ich Sie kenne , sind Sie nicht geschaffen , zu dienen , am wenigsten hier , wo , man mag sagen , was man will , doch meistens nur der Zufall , der Schlendrian , und die geschmeidige Charakterlosigkeit zu den Stellen emporführen , in welchen ein Mann von Geist und Talent ausdauern kann . Indessen wüßte ich einen andern Weg , Ihr Feuer , Ihre Kenntnisse und Rednergaben der Welt nützlich zu machen , Sie mit der Welt in eine werktätige Verbindung zu setzen . « » Und der wäre ? « fragte Hermann gespannt . Johanna rückte unruhig näher . » Es ist mir ein schönes Gut im Badenschen zum Kauf angeboten , dessen Besitz die Landtagsfähigkeit gibt . Ich kann von diesem Eigentume obgleich die Bedingungen äußerst billig sind , keinen Gebrauch machen . Wollen Sie es erwerben ? Ein Teil des Preises darf stehnbleiben . Meine Verbindungen in dortiger Gegend sind ziemlich ausgebreitet . Ich will Ihnen allenfalls dafür haften , daß Sie in die Kammer gewählt werden sollen . Die nächsten Sitzungen werden aller Wahrscheinlichkeit nach wichtig und erfolgreich sein , kurz die glänzendste Bahn liegt , wenn Sie auf diesen Vorschlag eingehn , Ihren Fähigkeiten offen . « Johanna erhob sich . » Laß das ! « rief sie Medon mit einem Tone zu , welchen Hermann noch nicht von ihr vernommen hatte . » Er gehört hieher und in einen ordentlichen ehrlichen Beruf « , fuhr sie ruhiger fort . Medon schien anfangs etwas bestürzt zu sein . Bald aber faßte er sich , und sagte , als Johanna das Zimmer verlassen hatte : » Meine Frau hat oft die seltsamsten Launen , und ist dann nicht imstande , sich zu gebieten . Gleichwohl würde sie ohne dieselben nicht die schöne Empfindungsfähigkeit haben , um welche ich sie so unaussprechlich liebe und verehre . « Sechstes Kapitel Der Gedanke , badenscher Volksdeputierter zu werden , hatte , so unerwartet und seltsam er Hermann anfangs vorgekommen war , dennoch bald für ihn etwas Reizendes . Er las die Papiere , welche ihm Medon mitgeteilt , achtsam durch , und konnte an manchen darin enthaltnen Winken abnehmen , daß eine rührige Partei ein geschicktes Werkzeug suche , welches man aus unbekannten Gründen am liebsten im Auslande finden zu wollen schien . Dies machte ihm die Sache noch anziehender . Man will behaupten , daß er aus der großen Bibliothek damals mehrere Bände englischer Parlamentsverhandlungen und französischer Journale erborgt , und wenigstens angefangen habe , in diesen Musterurkunden zu studieren . Ein Blick auf die nächsten Verhältnisse überzeugte ihn wirklich , daß Medon wenigstens darin recht gehabt habe , ihm den Eintritt in diese zu widerraten . So sehr man Persönlichkeit , Geist , Talent als gesellige Tugenden achtete , eine so verschiedne Gestalt nahmen die Dinge an , wenn die Rede vom Dienste des Landes war . Dann trat behutsam und indirekt , aber ganz unzweideutig die alte Furcht vor dem Genie auf , mit welchem man in Amt und Stelle nichts zu schaffen haben mochte . Auch nahm er binnen kurzem wahr , daß , wenn man