einen Fall an , aber es gab unzählige dieser Art , während in allen bedeutenderen ein völlig gerechtes , gleiches Verhältnis zwischen den Kindern beobachtet wurde . Wir wissen , der alte Bediente starb ; der Graf war nach allen Seiten beschäftigt , und die älteren Kinder in einem Alter von acht und sieben Jahren , bedurften nach dem Urteile Kleliens und des Grafen einer eignen Aufsicht , eines männlichen ernsten Unterrichts . Der Krieg hatte die Wege nach Deutschland gesperrt , es mußte daher ein Fremder gewählt werden : man schwankte zwischen verschiedenen Sizilianern ; endlich machte auf dem Schlosse ein französischer Ausgewanderter , der Ritter Brülar , durch Empfehlung der Obristin aus Palermo , seine Aufwartung , und erbot sich zum Hofmeister . Die Obristin wußte nichts von den Leuten , als was sie ihr von sich erzählten , und wie sie sich ihr gefällig zu machen wußten , durch Lustigkeit und gesellige Unterhaltung . Lustig war der Ritter nur in seinem Äußeren , aber das unterschied sie nicht ; sein Inneres war von der Zeit fürchterlich zerrissen , die ihn mit Anlagen , Kenntnissen und Geschicklichkeiten , welche zu den ersten Stellen führen konnten , plötzlich arm gemacht und in Länder verbannt hatte , deren Sprache er nicht einmal hören , vielweniger lernen mochte , von deren Treiben er gar keinen Begriff hatte , und sie darum in sich verspottete , während er sich der Leute durch Artigkeit zu bemächtigen wußte . Seiner politischen Meinung hing er mit ganzer Seele an ; man lobte sie , aber nirgend sah er sie mit Ernst durchgeführt , obgleich manche den Schein davon annahmen ; aus Überdruß und um davon zu leben , überließ er sich der Bekanntschaft reicher Frauen , doch eben der Überdruß , und endlich die Erschöpfung trieben ihn auch hievon zurück ; er wollte ein Philosoph sein und heißen , und dieses Spekulieren brachte ihn wieder ganz in die Gewalt seines politischen Elements . Da er nirgend seine Gedanken in Ausübung bringen konnte , was er den Fürsten und Regierungen sehr übel deutete , so machte er sich , unabhängig von allen bestehenden Staaten , eine eigene politische Einwirkung und Verbindung ; Völker hatte er nie geachtet , nur Systeme und Grundsätze ; er vertraute sich so wenig wie möglich , er wollte die Menschen ohne ihr Mitwissen zum Glücke hinbetrügen . Seine Pläne waren weit aussehend : zuerst mußte er den Menschen die Künste verleiden , damit sie sich der Verzweifelung ganz hingeben , und dem blinden Wirken ; zu diesem Zwecke stiftete er unter andern mit seinen Gleichgesinnten kritische Blätter , die jedem aufstrebenden Talente dreist in die Augen sagen mußten , es vermöge nichts ; es sei überhaupt jetzt die Zeit nicht für Kunst ; insbesondere suchte er sich aber die Kinder anzueignen . Zu seinen entscheidensten Unternehmungen suchte er die ausgezeichneten Kinder zu entführen ; auch war ihm das schon mit mehreren gelungen , die er in einem sardinischen Kloster untergebracht hatte . Wir können nur aus Gerüchten über diese seine Verhandlungen sprechen , seine Sache ist in der Untersuchung wegen der vielen bedeutenden Menschen , die darin verwickelt waren , ganz unterdrückt worden ; wir wissen nur bestimmt von ihm seit seinem Eintritte in das befreundete Haus des Grafen . Er wußte den Grafen durch seinen Ernst , durch seinen Anstand und seine Geschicklichkeiten zu gewinnen ; er focht herrlich , war der beste Schwimmer , ritt wie ein Zentaur ; durch seine Art des Absprechens , das meistens aus tieferer Kenntnis zu kommen schien , imponierte er ihm sogar . Dem Grafen waren die leeren Hülfsmittel des Streits ganz unbekannt ; er konnte sich nicht denken , daß ein Mensch über etwas reden könne , ohne das Streben zu haben es recht eigentlich zu erfassen oder um darüber aus innerer Lustigkeit zu scherzen ; wo er daher den Brülar nicht begriff , da dachte er sich eine höhere Verbindung in ihn hinein . Brülar wurde als Hofmeister der älteren Kinder angenommen ; Vater und Mutter geboten den beiden Knaben unbeschränkte Folgsamkeit gegen ihren Führer . Diese Ermahnung war überflüssig ; in jedem edlen Gemüte ist eine Ergebenheit gegen ausgezeichnete Menschen , die leicht gefährlich werden kann ; wirklich war der Ritter in allem , was sie verstanden , ausgezeichnet : beide überließen sich ihm ganz ; insbesondere schwebte aber Johannes an seinem Blicke , auch er zeichnete den Kleinen durch Härte und Güte aus . Es wurde ihm zuweilen ein leiser Vorwurf von den Eltern gemacht , daß sich dieses Kind gar nicht mehr um sie bekümmere , aber eigentlich war es beiden lieb , denn sie waren durch diese von ihm ausgehende Entfremdung des Scheins überhoben , als liebten sie ihn den andern Kindern gleich . Klelia hatte ihr Bedenken dagegen ; aber sie sah die ausgezeichneten Fortschritte des Kindes , das mit liebevoller Anstrengung aller Kräfte beinahe allen Kindern seines Alters und manchen ältern , auch seinem Bruder überlegen war , und sie teilte mit allen im Schlosse die Achtung gegen den Ritter , der mit seinem ganzen Leben in einer fast schlaflosen Tätigkeit den Kindern anzugehören schien . Er war ungefähr ein Jahr im Schlosse , als die Herzogin mit den Ihren zu einer großen Tragödie eingeladen wurde , die in der Fastnacht in einem Kloster des heiligen Laurentius durch Veranstaltung der Mönche aufgeführt werden sollte . Brülar machte erst einige Einwendungen , ob man Kinder in solche törichte ungeregelte Possen bringen könne ; aber die Gräfin verlangte es und er gab nach , wollte aber selbst wegen eines heftigen Kopfschmerzes nicht mitgehen . Die Fahrt war fröhlich ; die vornehmen Gäste wurden von dem Prior und den ältesten Mönchen des Klosters mit großer Behaglichkeit empfangen ; eine nahrhafte Bewirtung , ein reichliches Trinken war ihnen bereitet . Niemand weiß so zu genießen wie die Mönche , das Essen und Trinken treiben sie wie eine heilige Pflicht . Bald nachher wurden sie in einen großen Eßsaal gebracht