geworden sind . Mit jeder höhern Stufe , die sie ersteigen , entdecken sie , wie viel noch fehlt um die Ersten in der Welt zu seyn ; und nun ist ihnen nichts was sie haben genug , und sie schnappen so lange nach dem luftigen Gegenstand ihrer Unersättlichkeit , bis sie auch das verlieren was sie hatten und durch Genügsamkeit und ein zugleich männliches und kluges Betragen ewig erhalten könnten . Der Athener ist unendlich eifersüchtig über eine Freiheit , die er nicht zu gebrauchen weiß ; er will bloß frei seyn , damit ihm alle andern dienen ; deßwegen will er es allein seyn , und unterwirft sich alles , was nicht mächtig genug ist , ihm zu widerstehen : der Milesier ist mit so viel Freiheit zufrieden als er zu seinem Wohlstand nöthig hat , und verlangt keine größere Macht , als die Beschützung seines ausgebreiteten Handels erfordert . In beiden Städten ist das Volk überhaupt lebhaft , witzig und zum Scherz geneigt ; aber der Milesier , ohne leicht die Gränzen der Wohlanständigkeit und der Achtung , die man im geselligen Umgang einander schuldig ist , zu überschreiten . Der Witz des Atheners hingegen ist scharf und beißend ; auf den ersten Blick hat er das Lächerliche an Personen und Sachen weg , und bespottet es mit so viel weniger Schonung , da ihm sein demokratischer Trotz und der Stolz auf den Athenischen Namen eine Selbstgefälligkeit und einen Uebermuth gibt , den die Fremden ziemlich drückend finden . Er sieht alles was nicht Attisch ist über die Achseln an , und ist immer voraus entschlossen , allem was er nicht selbst sagt zu widersprechen . Er weiß schon bei deinen ersten Worten was du vorbringen willst , widerlegt dich ehe du ihm zeigen kannst daß du bereits seiner Meinung bist , antwortet dir auf ein ernsthaftes Argument mit einem Wortspiel oder einer Spitzfindigkeit , und geht im Triumph davon , wenn er nur ein paar Lacher auf seiner Seite hat . Athener und Milesier sind gesellig und gastfrei : aber wenn der Athener dich einladet , so ist es um sich dir zu zeigen ; der Milesier will , daß dir wohl bei ihm sey . Beide scheinen alles Schöne , besonders in den Künsten , bis zur Schwärmerei zu lieben : aber der Athener um darüber zu schwatzen , der Milesier um es zu genießen . Ueberhaupt sind die letztern ein fröhliches , genialisches Volk , heiter und lachend wie ihr Himmel , warm und üppig wie ihr Boden ; aber doch das letztere nicht mehr , als mit der Betriebsamkeit und dem Handelsgeiste bestehen kann , denen sie ihren großen Wohlstand zu danken haben . Zu Milet sehe ich jedermann in der ersten Hälfte des Tages beschäftigt , um die andre desto freier dem Vergnügen widmen zu können . Der Reichthum hat in ihren Augen nur insofern einen Werth , als er ihnen die Mittel zum angenehmsten Lebensgenuß verschafft : aber sie vergessen auch nie , daß die Quellen desselben durch anhaltende Thätigkeit im Fluß erhalten werden müssen , und ohne eine verständige Oekonomie bald versiegen würden . Die Athener bleiben , unter unaufhörlichen Entwürfen , wie sie ohne Arbeit reich werden wollen , immer hinter ihren Bedürfnissen zurück , und die meisten darben im Alter , oder müssen zu den schlechtesten und verächtlichsten Hülfsquellen ihre Zuflucht nehmen ; weil ein Athener es sich nie verzeihen könnte , wenn er einen gegenwärtigen Genuß einem künftigen aufgeopfert hätte . Dieß ist ungefähr alles , Freund Aristipp , was ich bis jetzt von dem Unterschied in dem Charakter der Milesier und der Kechenäer bemerkt habe . Daß es auf beiden Seiten Ausnahmen gibt , versteht sich von selbst . Seit einigen Tagen erfahre ich endlich auch wieder etwas von der schönen Lais . Sie lebt , sagt man , zu Sardes auf Kosten des bezauberten Arasambes wie eine zweite Semiramis , und Leute , die seit kurzem von Ephesus kommen , können nicht genug von der Pracht ihres Hofstaats erzählen , und von der Menge und Schönheit ihrer Sklaven und Sklavinnen , und von den herrlichen Festen , die ihr zu Ehren unaufhörlich auf einander folgen ; kurz von der gränzenlosen Ueppigkeit , womit sie die Schätze ihres Liebhabers verschwendet , der es auf diesen Fuß nicht lange aushalten könnte , wenn auch alles Gold des Paktols19 und des Ganges in seine Schatzkammer strömte . Ich zweifle nicht , daß in allem diesem sehr viel Uebertriebenes ist ; doch begreift sich ' s , wie die Liebe zum Schönen und Großen in der Natur und der Kunst ( die einzige Leidenschaft unsrer Freundin ) unter der Herrschaft einer so fruchtbaren Einbildungskraft wie die ihrige , in weniger als zehn Jahren einen Crösus20 zum Irus21 machen könnte . Daß sie eine so betrübte Katastrophe nicht abwarten wird , bin ich gewiß , oder ich müßte sie schlecht kennen . Indessen nimmt mich ' s doch Wunder , was das Spiel für einen Ausgang nehmen wird . 8. Aristipp an Kleonidas . Ich rechne es der schönen und guten Musarion zu keinem kleinen Verdienst an , daß es ihr , wie du mir schreibst , so wohl in Cyrene gefällt ; nicht , als ob es mir an kindlicher Liebe zu meiner Vaterstadt so sehr gebräche , daß ich von allem , was zu ihrem Lobe gesagt werden kann , auch nur ein Leucippisches Sonnenstäubchen22 abgehen lassen wollte ! Aber wir haben Athen und Korinth und Syrakus und Milet und Ephesus gesehen ; und blühete nicht Musarion in den Zaubergärten der Lais zu Aegina auf ? Wahrlich , wenn sie die Gärten der Hesperiden um Cyrene zu sehen glaubt , und die Aussicht vom Altan ihres Hauses in die unendlichen Kornfelder und mit lauter Silphium23 bedeckten Anhöhen um Cyrene so reizend findet , so kann ich wohl schwerlich irren , wenn ich es einer Ursache beimesse , welche sogar die kahlen Felsen von Seriphos an der Seite ihres