... Durchlaucht , ich gebe mich der beglückenden Hoffnung hin , daß mit dem Augenblick , da jener Elende über die Schwelle dort auf Nimmerwiederkehr geschritten ist , ein neuer Lebensodem durch das Land gehen wird – « Des Fürsten Gesicht verfinsterte sich auffallend . Er senkte den Kopf und sah unter den tief zusammengezogenen Brauen hervor mit einem scharf messenden Blick zu dem gewaltigen Mann auf . » Ja , er ist ein Elender , eine durch und durch verdorbene Seele , « sagte er langsam und jedes Wort betonend . » Aber das müssen Sie mir nicht vergessen , mein Herr – er war ein ausgezeichneter Staatsmann ! « » Wie , Durchlaucht , dieser Mann , der mit eisernem Griffe jedwede , auch die harmloseste Bestrebung nach einem höheren Aufflug im Volke niedergehalten hat ? ... Der Mann , der während seiner langen Wirksamkeit nicht einen Finger rühren mochte , der Not im Lande abzuhelfen ? Der im Gegenteil der Industrie , den Einzelbestrebungen tüchtiger Köpfe stets einen Hemmschuh angelegt hat , wo er irgend konnte , aus Besorgnis , das Volk könne mit gefülltem Magen so übermütig werden , auch einmal einen Blick in die politische Küche des Staatslenkers werfen zu wollen ? ... Der Mann , der die hierarchischen Gelüste zuletzt auch auf sein Regierungsprogramm geschrieben hat , weil seine Weltweisheit der gewaltigen Strömung gegenüber doch nicht mehr ausreichte ? ... Er , der nicht einen Funken Religion in der Brust trägt , er hat sie an seinen Herrscherstab geknebelt : mächtig unterstützt von einer wühlenden , herrschsüchtigen Kaste , die den Vorzug der öffentlichen Rede besitzt , hat er die Hohe , die Milde , die ein Quell des Lichtes , des Trostes , der Erquickung für die Menschenseele sein soll , zur eisernen Jungfrau gemacht , die jeden , der ihr naht , in ihren Armen unbarmherzig erstickt und erdrückt ! ... Gehen Euer Durchlaucht durch das Land – « » Still , still ! « unterbrach ihn der Fürst mit einer abwehrenden Handbewegung – sein Antlitz war kalt und starr geworden , als sei es plötzlich zu Eis gefroren . » Wir leben weder im Orient noch in jener Märchenzeit , wo die Großwesire durch die Straßen wandelten , um das Urteil des Volkes zu hören ... Es wird jetzt so viel durcheinander gewünscht , phantasiert und gefaselt , daß sich nur über dem Chaos zu halten vermag , wer unbeirrt , fest , unverrückbar auf seinem Standpunkt beharrt ... Ich kenne Ihre schwärmerischen Ansichten bereits – Ihr Werk da drüben trägt sie an der Stirn – ich zürne Ihnen darum nicht , aber sie können niemals die meinigen sein ... Sie hassen den Adel , ich aber werde ihn halten und stützen bis zum letzten Atemzuge ... Ja , ich würde nicht anstehen , dem Prinzip die schwersten Opfer zu bringen ... Ich verhehle mir nicht , daß die heutigen Ereignisse , wenn sie ruchbar werden , viel böses Blut machen müssen – und um deswillen berühren sie mich doppelt schmerzlich ... Jenen Ehrlosen muß ich selbstverständlich fallen lassen . Wenn man aber seiner Entlassung andere Beweggründe unterlegen , mit einem Worte , wenn man die Sache in ihrer schlimmsten Beleuchtung jetzt noch unterdrücken könnte , ich wäre sehr gern bereit , das Ganze – die Persönlichkeit des Barons Fleury natürlich ausgeschlossen – als nicht geschehen zu betrachten ... Ich ließe Sie , beste Gräfin , am liebsten im Besitz der fraglichen Güter – « » Durchlaucht ! « rief das junge Mädchen , als traue es seinen Ohren nicht . » Oh , « fügte sie mit schmerzlich sinkender Stimme hinzu , » das ist eine zu harte Strafe für meine Mitwisserschaft des Verbrechens ! ... Ich verwahre mich für alle Zeit gegen die Zurücknahme ! « protestierte sie feierlich . » Nun , nun , mein Kind – nehmen Sie das nicht zu tragisch ! « rief der Fürst verlegen . » Es war wirklich nicht so ernst gemeint ... Jetzt gehen Sie aber . In der Kürze werde ich nach Greinsfeld kommen und Rücksprache mit Ihnen nehmen – Sie sollen künftig unter dem Schutze der Fürstin an meinem Hofe leben . « Gisela schrak zusammen , und abermals ergossen sich die Blutwellen über ihr Gesicht . Aber sie hob die Wimpern und sah den Fürsten mit ihren brauen Augen fest an . » Euer Durchlaucht überhäufen mich mit Güte « , versetzte sie . » Ich erkenne diese Auszeichnung doppelt dankbar an , da die Familie Völdern sie wahrscheinlich nicht verdient hat ... Allein ich darf die Ehre , am Hofe zu A. zu leben , nicht annehmen , weil mir bereits mein Lebensweg klar und bestimmt vorgezeichnet ist . « Der Fürst trat erstaunt zurück . » Und darf man nicht wissen ? « fragte er . Die junge Dame schüttelte unter einem abermaligen Erglühen heftig den Kopf – sie machte eine unwillkürliche , rasche Bewegung nach der Tür , als wolle sie das Weite suchen . Der Fürst schwieg und reichte ihr zum Abschiede die Hand . » Aus den Augen verlieren werde ich Sie doch nicht , Gräfin Sturm « , sagte er nach einer kleinen verlegenen Pause . » Und wenn Sie je einen Wunsch haben , den zu erfüllen mir möglich ist , so vertrauen Sie mir ihn an , nicht wahr ? « Gisela verbeugte sich tief und trat über die Schwelle . Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß – die ehemalige kleine Beherrscherin dieser Räume hatte den Salon mit den violetten Plüschvorhängen und das verführerische unselige Seezimmer zum letztenmal gesehen . Sie eilte wie gejagt durch den Korridor . Unten am Fuß der Treppe stand händeringend Frau von Herbeck . » Um Gottes willen , liebe Gräfin , wo stecken Sie ? « rief sie in tiefverärgertem Ton . » Es ist doch zu rücksichtslos von Ihnen , mich nachts so mutterseelenallein in dem ungeheuerlichen Saal sitzen zu lassen !