der scharfe Druck seiner spitzen Finger zeigte ihr , daß es weder aus Zärtlichkeit noch zufällig geschah . „ Man ist von Möllner gewöhnt , daß er Niemanden ungestraft beleidigen läßt , “ sprach Hilsborn . „ Ich denke , das sollten Sie , Herr Kollege Herbert , am Besten wissen . “ „ Ich habe allerdings schon einmal Gelegenheit gehabt , mich von dem Interesse , welches Möllner an Fräulein von Hartwich nimmt , zu überzeugen , wenn es auch nicht so gefährlich war , einen irrenden Kollegen als einen empörten Volkshaufen zurechtzuweisen . “ „ Was , was ist das ? “ erscholl es von Mund zu Mund , und die Gesellschaft drängte sich auf einen Knäuel zusammen . Da sagte Moritz laut und streng zu Herbert : „ Sie werden mir erlauben , den Dolmetscher für die Handlungsweise meines Schwagers selbst zu machen — Kollege — da ich doch füglich seine Motive besser kennen muß als ein Fremder ! Die Hartwich ist allerdings von dem Hochstetten Pöbel insultiert worden , und mein Schwager hat sie vor Steinwürfen geschützt . “ „ Ah , “ meinte Herbert , als begriffe er jetzt erst , „ zu diesem edeln Zwecke begab sich Ihr Schwager wohl nach dem zwei Meilen entfernten Dorfe ? “ „ Meinen Schwager über seine Zwecke zur Rechenschaft zu ziehen , dazu hatte ich bisher nicht den Mut — dergleichen gewagte Unternehmungen überlasse ich Ihnen , “ erwiderte Moritz und heftete seinen Adlerblick herausfordernd auf Herbert . „ Was muß aber da geschehen sein ? “ „ Was hat diese Hartwich angefangen ? — Umsonst — und ohne Grund — steht doch nicht ein ganzes Dorf gegen eine Privatperson auf ! “ „ Diese Hartwich muß ein entsetzliches Frauenzimmer sein ! “ Solche Reden flogen wie Kreuzfeuer hin und her . „ Meine Herrschaften , ich bitte jetzt dringend , zu Tische zu gehen , “ rief die Staatsrätin , die auf Kohlen stand . Doch alles Mahnen war vergebens . Wie hungrige Wölfe hatten sich die Damen und mehrere Herrn in das interessante Thema eingebissen und keine andere Speise konnte sie verlocken . Man fand des Staunens und der Mutmaßungen kein Ende . Man durfte in Gegenwart der wachsamen Angehörigen Möllners nicht sagen , was man dachte , aber man konnte doch wenigstens etwas durch Fragen erfahren . Man begriff nicht , wie Professor Möllner sich einer solchen Person annehmen konnte , man gönnte es ihr , daß die öffentliche Stimme sich so kräftig gegen sie erhob . „ Nein , “ sagte Elsa , „ die christliche Liebe erbarmt sich jeden Sünders , — aber diese Dame stellt unser Geschlecht in ein Licht , daß man erröten muß , ein Weib zu sein ! — Ich bin sonst allen Menschen gut , darf ich wohl mit Gretchen sagen , 68 — aber diese Hartwich bekundet eine Schamlosigkeit , eine Herzensroheit , die es jeder zartfühlenden Seele zur Pflicht macht , die Regungen des Mitleids zu unterdrücken und sie zu verabscheuen ! “ „ Nun sagen Sie mir , Fräulein Elsa , “ unterbrach sie Hilsborn empört , „ wo bleibt denn Ihr Grundsatz , der Verkannten müsse man sich annehmen , den Sie vorhin bei dem Gespräch über die Heublumen entwickelten ? “ Elsa errötete und strich sich verlegen die ausgegangenen Locken zurück . „ Aber , lieber Freund , “ bemerkte der Botaniker , „ die Hartwich ist auch keine Heublume ! “ „ Wenigstens keine , die die Kühe fressen , denn sie ist giftig ! “ sagte Herbert . „ O — es gibt Gewürm , welches auch am Schierling herumnagt , “ meinte ärgerlich der alte Heim . „ Sei sie aber auch Schierling oder Belladonna — wir kennen ja Alle deren Heilkraft , vielleicht könnte man sie als Gegengift gegen die Affektation und Scheinheiligkeit anwenden , die unsere heutige Damenwelt vergiften und Engherzigkeit , Bosheit und alle moralischen Krankheiten hervorrufen , — so wäre sie jedenfalls zu etwas nütze ! “ „ Das war zu grob ! “ flüsterte ihm Moritz zu , als er mit auf den Rücken gelegten Händen brummend an ihm vorüberschritt . „ Ich darf nicht mehr auf sie schimpfen , “ fuhr Moritz fort . „ Das bin ich Johannes schuldig , aber ich wollte doch , der Teufel holte sie , ehe Johannes sie sich holt ! “ Heim sah ihn an und zog seinen weißen , aber noch immer buschigen Brauen zusammen : „ Ich sage auf solchen Unsinn nichts , als : Wir werden uns wieder sprechen ! “ Die Staatsrätin näherte sich : „ Onkel Heim , Sie sind blind parteiisch — überzeugen Sie uns , daß diese Person etwas Anderes ist , als eine freche abgefeimte Spekulantin auf die Bewunderung der Welt und auf Gott weiß was sonst noch — überzeugen Sie uns , und wir wollen ihr abbitten , — bis dahin aber erlauben Sie uns , jede Annäherung meines Sohnes an sie als ein Unglück zu betrachten . Nun geben Sie mir den Arm , wir müssen endlich zu Tische ! “ „ Ja , das ist mir lieb , ich habe es satt , das leere Stroh zu dreschen , und freue mich auf einen herzhaften Bissen ! “ sagte der alte Herr und führte die Staatsrätin dem Hause zu , denn die Gesellschaft sollte oben speisen . Die Übrigen folgten , und Elsa flatterte als letzte Schwalbe traurig nach . Der Garten war durchschritten und man trat durch das Hoftor in die Hausflur . Jenem gerade gegenüber lag die vordere Tür , welche von der Straße hereinführte . Man schickte sich eben an , lachend und plaudernd die Treppen hinaufsteigen , als ein Wagen vorfuhr . Die Staatsrätin , die voran ging , hielt an und horchte , mit ihr der ganze Zug . Das konnte ja Johannes sein . Rasch ward die Tür geöffnet und der Erwartete erschien — aber nicht allein . Großer