Annehmlichkeiten des Daseins genoß . Heute bin ich ruiniert . Mein Geld ist hin , mein Haus mit Hypotheken überlastet , meine Seelenruhe beim Teufel . Zweimalhundertsechsundsiebzigtausend Mark ist der junge Herr mir und meinen Geschäftsfreunden schuldig , alles hübsch aufgeschrieben und unterschrieben und bei Zins und Zinseszins summiert . Soll ich mir dafür noch die Tür vor der Nase zuschlagen lassen ? Das müssen Sie doch selbst einsehen , Frau Baronin , daß das nicht angeht . Dafür hab ich mir schon ein bißchen Respekt verdient . « Die Freifrau hatte die Hände zusammengepreßt und erregt vor sich hingestarrt . Jetzt ließ sie sich , in gramvoller Schwäche , auf einen Sessel fallen . Ein Grinsen irrte über das Gesicht des Herrn Carovius ; er drehte den Kalabreser zwischen den Fingern , und seine Blicke liefen leer an den Wänden entlang . Da gewahrte er Dorothea Döderlein , die er bis jetzt in seinem Glücks-und Wutrausch übersehen hatte . Als Herr Carovius eingetreten war , hatte sich Dorothea mit dem Wissen um Diskretion , aber ohne ernstlichen Vorsatz dazu in den entferntesten Winkel des Raumes geschmiegt . Zitternd vor neugieriger Erregung , hatte sie in den gegenüberhängenden Spiegel geschaut und sich so klein wie möglich gemacht , weil sie von ihrem Onkel Carovius , dessen sie sich schämte , nicht erkannt werden wollte . Sie hielt ihn für einen komischen Sonderling , der ohne Nahrungssorgen , jedoch in ziemlich beschränkten Verhältnissen lebte . Wie er nun die Summe nannte , die ihm das freiherrliche Haus Auffenberg schuldete , erfüllte sie ein verwunderter und freudiger Schrecken , und sie sah ihn plötzlich mit ganz andern Augen an . Herr Carovius seinerseits hatte Dorothea in den letzten Jahren selten zu Gesicht bekommen . War er ihr begegnet , so war sie hastig vorübergehuscht . Daß sie das Violinspiel lernte , wußte er ; zum Grauen oft hatte er das ihm abscheulich klingende Gefiedel auf Flur und Stiege vernommen . Er fixierte das Mädchen und rief auf einmal aus : » Ein Roß will ich sein , wenn das nicht die Döderleinische ist ! Wie kommst du denn daher , Nichtchen ? Gehst wohl in die Häuser und produzierst dich ? Ist euch die Musik noch nicht genug auf dem Hund , dir und deinem Erzeuger ? « Die Freifrau , sich der Anwesenheit des jungen Mädchens entsinnend , hob den Kopf und sah Dorothea vorwurfsvoll an . Zum erstenmal dünkte es sie , daß die Hilfsquellen versiegt seien , die sie einem Leben der Verlassenheit abgetrotzt ; zum erstenmal überlief sie ein Schauder , als sie ihrer musikalischen Betäubungen gedachte . Sie sagte zu Herrn Carovius , er möge sich einige Tage gedulden , er werde von ihr hören , sobald sie mit ihrem Mann gesprochen . Seine eifrige Erwiderung schnitt sie mit einer Geste ab , die ihn einschüchterte , dann nickte sie auch Dorothea verabschiedend zu , die ihre Geige einpackte , den Kasten in die Hand nahm , einen Knicks machte und ihrem Onkel aus dem Zimmer folgte . Sie blieb an seiner Seite . Sie gingen zusammen durch die Straßen . Herr Carovius wandte sich bisweilen mit ein paar hämischen Worten an sie . Sie lächelte bescheiden . Damit begann das wunderliche Verhältnis , das von nun ab zwischen den beiden herrschte . 2 Seit einiger Zeit hatte es den Anschein , als habe sich der Freiherr von Auffenberg vom Schauplatz der Politik zurückgezogen . In den Kreisen , die ihn früher hoch gewürdigt hatten , galt er als eine gefallene Größe . Seine Freunde suchten die Ursache in den fortwährenden Beeinträchtigungen , welche die Partei erlitten hatte ; in der allenthalben zutage tretenden Umwandlung des öffentlichen Geistes , dem heftiger werdenden Druck von oben , der wachsenden Gärung von unten ; in der fieberhaften Bewegung , von der das Bürgertum ergriffen war , und in der seine Gestalt , seine Lebensformen , seine Ideale , seine Überzeugungen einen bedeutungsvollen Umwandlungsprozeß erlitten , in der schwierigeren Behandlung , die alle Fragen der nationalen Kultur boten . Aber dies konnte nicht den Zug steinernen Widerwillens erklären , den dieses Antlitz früher unter Menschen nie gezeigt ; den harten Blick , die finstere Ungeduld nicht , und die Schweigsamkeit , die er auch dort übte , wo er ehemals durch sein scharmantes Plaudertalent entzückt hatte . Im Innern freilich hatte er seine Gesinnungsgenossen stets verachtet , ihr Reden und ihr Tun , ihre Begeisterung und ihre Empörung . Aber er hatte sich trotzdem nicht von ihnen losgesagt , denn er hatte die Entdeckung gemacht , daß Geringschätzung und Herzenskälte sich sehr gut eignen , um die Menschen zu beherrschen . Wennschon er im Anfang seiner Laufbahn mit dem Schwung , den ihm seine Begabung verliehen , für Freiheit und Toleranz gekämpft hatte , so war ihm doch der ganze Liberalismus nicht viel mehr als eine Zeitungsphrase geworden , ein Mittel , um den denkfaulen Bürger zu beschäftigen und dem gehaßten , heimlich bewunderten Bismarck Hindernisse in den Weg zu legen . Er hatte Macht ausgeübt im Bewußtsein der Lüge , nur durch Gebärde , nur durch Berechnung , nur durch Gewandtheit . Dies aber frißt am Mark des Lebens . In seinen Augen war nichts von Bestand als jenes ungeschriebene , doch in allen Zeiten siegende Gesetz , das die Kleinen unter die Großen , die Schwachen unter die Starken , die Unmündigen unter die Erfahrenen , die Armen unter die Reichen zwang . Demnach teilte sich ihm die Menschheit in zwei Lager : hier diejenigen , die sich dem Gesetz beugten , dort die Verworfenen , die sich dagegen auflehnten . Von den Verworfenen der Verworfenste war sein Sohn Eberhard . Mit dem schmerzenden Stachel in der Brust , inmitten eines lärmenden und lügnerischen Daseins von dem Gefühl der Einsamkeit bedrängt , von einem täglich zunehmenden Abscheu gegen den Überfluß und die Verweichlichung seiner Existenz erfüllt , hatte er aus der Gestalt des Sohnes etwas wie ein leibhaftiges