Alltags den grauen Sträflingsrock von seiner Seele zieht . Aber nicht in die Häuser , in denen die Kirchen den Dienst Gottes gebannt zu haben glaubten , zog es sie ; sondern in jenen großen grauen Palast mit der goldenen Kuppel zwischen dem ragenden Siegesdenkmal einstiger Kriege und dem stolzen Triumphtor zur Ewigkeit ihres Gedenkens heimgegangener Sieger . Die Menge staute sich vor den Türen ohne Ungeduld , drängte die Treppen hinauf ohne Hast und schob in die braunen Bänke hinein so vorsichtig und so leise , als wäre jedes Geräusch Entweihung . Und nicht wie sonst bei den großen Tagen des Parlaments drang erregtes Stimmengewirr vom Saale herauf zu den Tribünen . Ruhig und ernst schritten die Abgeordneten zu ihren Sitzen . Nur hie und da flüsterte jemand , und wenn einer in Feldgrau erschien , gab es in seiner Nähe ein freundlich grüßendes Gesumme gedämpfter Stimmen . Unter den Zuhörern frug keiner wie sonst neugierig , als befände er sich im Theater , nach den Namen der bekannten Akteure . Heute galt der einzelne nichts , die Masse alles . Konrad gedachte jener nun ganz historisch gewordenen Zeit des letzten Krieges und all der Großen von damals , der Lenker des Staates , der Führer der Parteien , der Sprecher des Volkes . Ein Gefühl nicht zu bannenden Unbehagens befiel ihn . Warum fehlten sie heute ? Wie eine Sphinx mit dem Antlitz der Meduse war das Schicksal vor Deutschland erschienen . Würde es an den Männern fehlen , sein Rätsel zu lösen , seinem todbringenden Blicke stand zu halten ? Der Saal hatte sich ganz gefüllt . Auf der Estrade hinter dem Stuhle des Präsidenten und denen der Minister standen ihrer viele in glänzender Uniform . Aber jede Farbe verschwand im einheitlichen Schwarz ihrer Umgebung , als sollte hier nichts und niemand hervorragen , sich absondern . Dann kam der Präsident , schlicht , weißhaarig , nur einer von den vielen aus dem Saale . Nüchtern und sachlich , als wäre es ein Tag wie jeder andere , wurden geschäftliche Dinge erledigt . Und dann kam der Kanzler . Kein Bismarck mit dem wuchtigen Schritt des an die Reiterstiefel Gewöhnten , mit dem hochmütigen Blick des zum Befehlen Geborenen . Ein Bürger im schwarzen Rock . Ein Denker mit gefurchter Stirn . Ein Mann . Und ein Preuße . In knappen Sätzen sprach er . Von der langgenährten Feindschaft , die von Osten und Westen über uns hereinbrach . Und daß Rußland die Brandfackel an unser Haus gelegt habe . Da brach der erste stürmische Beifall aus . Widerspruchslos . Er sprach weiter . Ohne Pathos . Doch durchglüht vom Bewußtsein der ungeheuren Stunde . » Wir haben den Krieg nicht gewollt « - alle Köpfe neigten sich zu feierlicher Bejahung - » aber ein längeres Warten , bis etwa die Mächte , zwischen die wir eingekeilt sind , den Moment zum Losschlagen wählten , wäre ein Verbrechen wider Volk und Vaterland . « Er setzte sekundenlang aus - nicht wie ein routinierter Redner , der den Beifall dadurch herauszufordern weiß , sondern fast unwillig , weil er ihn brausend unterbrach . Und ruhig - nur die nervöse Linke krampfte sich zur Faust zusammen - führte er den Nachweis , wie der Krieg mit Lug und Trug über uns heraufbeschworen worden war . Dann erhob sich seine Stimme . Die hohe , schlanke Gestalt reckte sich auf : » Das ist die Wahrheit ! « - Die Faust fiel auf den Tisch . » Das ist die Wahrheit ! « - ein ganzes Volk legte durch seinen Mund den Eid ab . Und danach bekannte er sich und versuchte mit keinem Wort das Unrecht zum Recht zu machen , zum Bruch der belgischen Neutralität . Ein tiefes Atemholen , einem Seufzer gleich , ging durch das Haus . Niemand , der nicht mit ihm die schwere Notwendigkeit auf sich genommen hätte . » Aber wer so bedroht ist wie wir , und um sein Höchstes kämpft , der darf nur daran denken : wie er sich durchhaut ! « Ein Jubel erhob sich , wie ihn der Saal noch nicht erlebte . Von allen Seiten rauschte er auf . Und das Blatt Papier , das der Kanzler hielt , zitterte unmerklich . Von nun an war es , als spräche die dunkle , geschlossene Masse im Saale mit ihm . Sie wiederholte , sie unterstrich mit nicht endendem Beifall , was er sagte . » Die große Stunde der Prüfung hat geschlagen , aber mit heller Zuversicht sehen wir ihr entgegen . Unsere Armee steht im Felde , unsere Flotte ist kampfbereit . Und hinter uns steht « - wie durchleuchtet erschien in diesem Augenblick das ernste Antlitz des Kanzlers , und seine Stimme fand einen Ton , wie er dem ruhigen Manne sonst völlig fremd war - » das ganze deutsche Volk . « Er schwieg , übermannt von der eigenen Bewegung . Und es war , als erschüttere rollender Donner den Saal . Da hob er noch einmal den Kopf , streckte die Hand weit aus zu den Bänken der Linken hinüber und wiederholte emphatisch in die plötzliche feierliche Stille hinein : » Das ganze deutsche Volk ... « Kein alles Überragender hatte gesprochen , aber es war die Stimme der Nation selber gewesen . Niemand erhob sich im weithin leuchtenden Glanz des Genies über der Menge , aber sie selbst war gesättigt von Kraft , - fruchtbare Erde , berufen und befähigt , das Große und die Großen hervorzubringen . Tiefe Andacht erfüllte das Haus . Das war die große Feierstunde des Vaterlandes , die Weihe der Waffen . Am Abend reiste Konrad ab . Der Zug war überfüllt mit Soldaten und Reservisten und schob sich nur langsam aus der lichterstrahlenden Stadt in das dunkle Land . Unterwegs schien er sich unaufhörlich zu vervielfachen . Auf allen Schienensträngen tauchten neue glühende Augen auf , fauchte der heiße Atem der Lokomotiven . Die Räder rollten