Kritik ... « » Gewiß , gewiß , Nürnberger , das müssen wir nun schon einmal alle und in jedem einzelnen Fall auf uns nehmen , daß wir uns geirrt haben können . Und nächstens schreib ich doch wieder ein Stück und zwar mit folgendem Titel : Mir macht niemand was weiß und ich mir selber erst recht nicht ... und Sie , Nürnberger , werden der Held sein . « Nürnberger lächelte . » Ich ? Das heißt , Sie werden einen Menschen hernehmen , den zu kennen Sie sich einbilden , werden diejenigen Seiten seines Wesens zu schildern versuchen , die Ihnen gerade in den Kram passen andre unterschlagen , mit denen Sie nichts anfangen können , und am Ende ... « » Am Ende « , unterbrach ihn Heinrich , » wird es ein Porträt sein , aufgenommen von einem irrsinnigen Photographen durch einen verdorbenen Apparat , während eines Erdbebens und bei Sonnenfinsternis . Einverstanden oder fehlt noch was ? « » Die Charakteristik dürfte erschöpfend sein « , sagte Nürnberger . Heinrich nahm Abschied in überlauter Lustigkeit und entfernte sich mit seinem zusammengerollten Manuskript . Als er fort war , bemerkte Georg : » Seine Laune kommt mir doch ein bißchen gekünstelt vor . « » Finden Sie ? Ich hab ihn in der letzten Zeit immer auffallend gut gestimmt gefunden . « » Wirklich gut gestimmt ? Glauben Sie das ernstlich ? Nach dem , was er erlebt hat ? « » Warum nicht ? Menschen , die sich so viel , fast ausschließlich mit sich selbst beschäftigen wie er , verwinden ja seelische Schmerzen überraschend schnell . Auf solchen Naturen , und wohl nicht nur auf solchen , lastet das geringfügigste physische Unbehagen viel drückender , als jede Art von Herzenspein , selbst Untreue und Tod geliebter Personen . Es rührt wohl daher , daß jeder Seelenschmerz irgendwie unserer Eitelkeit schmeichelt , was man von einem Typhus oder einem Magenkatarrh nicht behaupten kann . Und beim Künstler kommt vielleicht dazu , daß aus einem Magenkatarrh absolut nichts zu holen ist ... wenigstens vor kurzem stand das noch ziemlich fest ... aus Seelenschmerzen hingegen alles , was man nur will , vom lyrischen Gedichte bis zu philosophischen Werken . « » Es gibt doch wohl Seelenschmerzen recht verschiedener Art « , erwiderte Georg . » Und es ist doch noch etwas anderes , wenn uns eine Geliebte betrügt oder verläßt ... und selbst wenn sie eines natürlichen Todes stirbt , als wenn sie sich unseretwegen umbringt . « » Sie wissen ganz bestimmt ? « fragte Nürnberger , » daß Heinrichs Geliebte sich seinetwegen umgebracht hat ? « » Hat Ihnen denn Heinrich nicht erzählt ... ? « » Allerdings . Aber das beweist nicht viel . In Hinsicht auf Dinge , die uns selber angehen , sind wir immer Tröpfe , auch die Klügsten unter uns . « Solche Bemerkungen aus Nürnbergers Munde hatten für Georg etwas seltsam Beunruhigendes . Sie gehörten in die Reihe jener , die Nürnberger nicht ungern vernehmen ließ und die , wie Heinrich sich einmal ausgedrückt hatte , den Sinn jedes menschlichen Verkehrs , ja aller menschlichen Beziehungen geradezu aufhoben . Nürnberger sprach weiter : » Wir kennen nur zwei Tatsachen . Die eine , daß unser Freund einmal mit einer jungen Dame ein Verhältnis gehabt und die andere , daß diese junge Dame sich ins Wasser gestürzt hat . Von allem , was dazwischen liegt , ist uns beiden so gut wie nichts und Heinrich wahrscheinlich nicht viel mehr bekannt . Warum sie sich umgebracht hat , können wir alle nicht wissen , und vielleicht hat die Arme selbst es auch nicht gewußt . « Georg sah durchs Fenster , erblickte Dächer , Schornsteine , verwitterte Röhren und ziemlich nah den hellgrauen Turm mit der durchbrochenen Steinkuppel . Der Himmel darüber war blaß und leer . Es fiel Georg plötzlich auf , daß Nürnberger noch mit keinem Wort nach Anna gefragt hatte . Was mochte er wohl vermuten ? Am Ende , daß Georg sie verlassen und sie sich schon mit einem andern Liebhaber getröstet hätte ? Warum bin ich nach Wien gefahren , dachte er flüchtig , wie wenn seine Reise keinen andern Zweck gehabt hätte , als sich von Nürnberger Aufschlüsse über das Dasein erteilen zu lassen , die nun schlimm genug ausgefallen waren . Es schlug zwölf . Georg nahm Abschied . Nürnberger begleitete ihn bis an die Tür und dankte ihm für den Besuch . Mit Herzlichkeit , als hätte das frühere Gespräch über Georgs neuen Aufenthaltsort überhaupt keine Geltung zu beanspruchen , erkundigte er sich nach der Beschäftigung , den Arbeiten , den neuen Bekannten Georgs und erfuhr jetzt erst , welchem Zufall Georg seine plötzliche Berufung nach der kleinen Stadt zu verdanken hatte . » Das ist ' s ja , was ich immer sage « , bemerkte er dann , » nicht wir sind ' s , die unser Schicksal machen , sondern meist besorgt das irgendein Umstand außer uns , auf den wir keinerlei Einfluß zu nehmen in der Lage waren , ja den wir nicht einmal in den Kreis unserer Berechnungen einbeziehen konnten . Ist es schließlich ... bei aller Schätzung Ihres Talents darf ich es wohl sagen ist es Ihr Verdienst oder das des alten Eißler , von dessen Verwendung in Ihrer Sache Sie mir einmal erzählt haben , daß Sie telegraphisch nach Detmold beschieden wurden und dort so rasch Ihren Wirkungskreis gefunden haben ? Nein . Ein Unschuldiger , Ihnen Unbekannter mußte eines plötzlichen Todes sterben , damit Sie dort den Platz frei finden durften . Und welche andern Dinge , auf die Sie gleichfalls keinen Einfluß nehmen und die Sie nicht vorhersehen konnten , mußten eintreten , um Sie von Wien leichten Herzens , ja um Sie überhaupt von hier scheiden zu lassen ? ! « » Wieso leichten Herzens ? « fragte Georg befremdet . » Leichteren Herzens , als unter andern Umständen , mein