stieg vom Pferde , und alle Reiter folgten seinem Beispiele . Er ließ sich auf die Knie nieder , und alle die wilden Truppen , die man noch kurz vorher nur im blutigen Hasse einherschreitend gesehen hatte , beugten sich betend zur Erde . Es war ein erschütternder Anblick . Valerius , dem das Gebet nur immer als Wirkung auf den Betenden selbst wichtig erschienen war , sah mit einem andächtigen Erbeben , wie es durch die Gegenseitigkeit , durch den plötzlich laut werdenden allgemeinen Gedanken erschütternd wirkte auf ein zahlreiches , aus sovielen rohen Elementen bestehendes Heer . Er sah auf den harten , sonnenbraunen , zum Teil zerfetzten Gesichtern , über welche jetzt hie und da eine stille , einsame Träne rollte , er sah auf diesen starren bärtigen Gesichtern überall den Ausdruck : » Gott da droben über dem blauen Himmel , du weißt alles , was wir gelitten haben , hilf uns , hilf uns ! « Er fühlte in der eigenen Brust ein heißes Gebet aufsteigen : » Du großer und guter Gott , hilf ihnen , hilf allen Menschen , wie toll und töricht wir uns auch mitunter gebärden . « Die weite Fläche , mit einer unabsehbaren Kriegermasse bedeckt , war still wie ein nur leise murmelndes Meer , die warme Sommersonne zersprengte die leichte Wolkenschicht , welche sich zwischen ihr und der Erde gelagert hatte , der Waffenglanz blitzte in tausend Funken auf . Valerius ward an die sonnigen Feiertagsmorgen seiner Jugend erinnert , wo er im Pfarrhause seines Vaters am Fenster stand und die geputzten Bauersleute in die Kirche wandeln sah . Er hatte immer geglaubt , zum Sonntage und zum Gottesdienste müsse auch die Sonne scheinen ; ihr lichter Strahl war ihm Bedürfnis gewesen zur klaren Sabbatstille , die er in seinem Heimatdörfchen immer so erquicklich genossen hatte . Die jetzt durchbrechende Sonne hob seine Andacht zur Begeisterung , er glaubte ein unmittelbares Zeichen des erhörten Gebetes darin zu erblicken . Und nun brauste plötzlich wie das Getümmel einer neuen Weltschöpfung ein altpolnischer andächtiger Gesang aus soviel tausend Männerkehlen über die stille Heide . Was gleicht dem gewaltigen Eindrucke eines tausendstimmigen Männerchors ! Das verstockteste Herz wird erschüttert , das mutloseste gehoben . In der menschlichen Stimme liegt vielleicht das meiste von der göttlichen Unmittelbarkeit , ihr tausendfacher Ausdruck erzeugt darum die wunderbarste Wirkung . Das polnische Heer hätte in diesem Augenblicke eine Welt in Waffen angegriffen mit dem zweifellosen Glauben an unendlichen Sieg . Die feierliche Handlung war beendigt ; noch wogte die erhabene Stimmung durch das schweigende Heer , da flogen dicht hintereinander zwei Kuriere im vollen Rosseslaufe durch die offenen Gassen der Truppen nach der Czarneckisäule hin . Sie brachten die Nachricht , daß Diebitsch , seinen Irrtum einsehend , mit seiner Armee schleunigst aufgebrochen und in ungeheuren Märschen über Granna und den Bug gezogen sei . In dem Augenblicke , wo das Heer gebetet hatte , war also seine Hoffnung schon vernichtet gewesen . Das Kriegsgeräusch verbreitete sich bald wieder stürmisch durch die Massen , der Rückzug nach Lomza und Ostrolenka hin mußte schleunigst angetreten werden , wenn sich der Feind nicht zwischen das polnische Heer und Warschau schieben sollte . Unter Gielgud und Chlapowski wurde ein Armeekorps nach Litauen hinein beordert , um die dortige Insurrektion zu unterstützen . Jener Litauer , welcher damals in der Waldhütte neben Valerius am Feuer gesessen hatte , ritt jetzt an dem Deutschen vorüber , welcher eben im Begriff war , mit seiner Truppenabteilung abzuziehen . » Sie schließen sich der Expedition in Ihre Heimat an ? « rief ihm dieser zu , » möge Sie das Glück begleiten ! « Der Litauer richtete einen seiner sanften schwermütigen Blicke zum Himmel und reichte Valerius die Hand . » Ich fürchte , wenn Sie einst wieder im Schoße Ihres Vaterlandes an das ferne Litauen denken , da werden die sanften stillen Bewohner dieses Landes erschossen hinter den Bäumen liegen , welche jetzt noch ihr einziger Schutz sind . Ach , ich habe keine Hoffnung auf Glück ; Gott gebe nur , daß ich mit den Waffen in der Hand fallen mag , daß ich nicht den Barbaren in die Hände gerate , nicht die abermalige Ermordung meines Vaterlandes zu sehen habe . « Valerius wollte ihm die traurigen Gedanken aus dem Sinne treiben , der Litauer schüttelte aber schmerzlich lächelnd sein Haupt , drückte ihm fest die Hand und schied . Als die Garden den Rückzug der polnischen Armee inne wurden , rückten sie auch wieder vor , beunruhigten jene , und schickten sich an zur Vereinigung mit Diebitsch , der vom Süden herausrückte . Die Vereinigung war nicht mehr zu hindern , Skrzynecki ging rastlos bis Ostrolenka , und der größte Teil des Heeres hatte dort bereits die Narew passiert . Es war ein warmer Nachmittag , eine Menge Soldaten badeten im Flusse , die Kavallerie fütterte , die Infanterie kochte , alles war in sorgloser Ruhe , da hörte man jenseits des Flusses plötzlich ein heftiges Schießen . Das vierte Regiment war noch drüben in der Stadt , bald sah man einzelne Trupps desselben , rückwärts feuernd , aus der Stadt kommen , die Brücke war bald erfüllt von ihnen , immer lebhafter wurde das Gewehrfeuer in den Straßen der Stadt , man sah Batterien am jenseitigen Ufer auffahren , die Kugeln flogen auf die Brücke , welche das tapfere Regiment Schritt für Schritt verteidigend , langsam passierte . Es war kein Zweifel : Diebitsch mit der großen Armee stand den Polen gegenüber . Wirklich war er in unerhörten Märschen herbeigeeilt . Ein kleines polnisches Korps unter Lubienski , das sich ihm bei Nur entgegengestellt hatte , war natürlich nicht imstande gewesen , ihn aufzuhalten . Es gab nur ein Vorspiel zu der jetzt beginnenden Schlacht von Ostrolenka . Die Polen kämpften bei Nur mit übermenschlicher Tapferkeit und erzwangen sich mit blutigen Opfern einen Rückzug . Das Treffen selbst war im Grunde ebensowenig nötig als das bei Ostrolenka