darf nicht wurzeln , « sagte sie , » ich werde unglücklich , wenn ich zufrieden bin , ich muß immer auf Entdeckungsfahrten gehen , ich muß Menschen suchen . « Sie blickte Caspar zärtlich an , indes ihr kleiner Mund unaufhörlich zuckte . Einmal , und das war das einzige Mal überhaupt , daß davon gesprochen wurde , erwähnte sie der Feuerbachschen Schrift . Caspar griff nach ihrer Hand , die er mit sonderbarer Kraft so stark preßte , als wolle er damit das Wort zerquetschen , das er vernommen . Frau von Kannawurf stieß einen leisen Schrei aus . Es war schon Abend ; sie gingen noch bis zu der Straßenkreuzung , an der sie sich gewöhnlich voneinander trennten . Da sagte Frau von Kannawurf rasch und eindringlich , indem sie sich nah zu ihm stellte und auf seine Stirn starrte : » Also wollen Sie es auf sich nehmen ? « » Was ? « entgegnete er mit sichtlichem Unbehagen . » Alles - ? « » Ja , alles , « sagte er dumpf , » aber ich weiß nicht , ich bin ja ganz allein . « » Natürlich allein , aber etwas andres wünschen Sie doch gar nicht . Allein wie im Kerker , das ist es eben , nur nicht mehr drunten , sondern droben - « Sie konnte nicht weiterreden , er legte die eine Hand auf ihren Mund und die andre auf den seinen . Dabei glänzten seine Augen beinahe voll Haß . Plötzlich dachte er mit einer Art freudiger Bestürzung : ob meine Mutter so ähnlich ist wie diese da ? Er hatte ein durstiges und brennendes Gefühl auf den Lippen , und es war zugleich etwas in ihm , wovor ihn widerte . » Ich geh jetzt heim « , stieß er mit wunderlichem Unwillen hervor und entfernte sich voll Eile . Frau von Kannawurf sah ihm nach , und als die Dunkelheit schon längst seine Gestalt verschlungen hatte , heftete sie noch die großen Kinderaugen in die Richtung seines Weges . Es war ihr furchtbar bang ums Herz . Er ist sicher der mutigste aller Menschen , dachte sie , er ahnt nicht einmal , wieviel Mut er besitzt ; was bewegt mich doch so sehr , wenn ich mit ihm rede oder schweige ? Warum ängstigts mich so , wenn ich ihn sich selbst überlassen weiß ? Sie ging heimwärts und brauchte zu einem Weg von wenig mehr als tausend Schritten über eine halbe Stunde . Im Westen leuchteten Blitze wie feurige Adern . Caspar hatte sich frühzeitig zu Bett begeben . Es mochte ungefähr vier Uhr morgens sein , da wurde er durch einen lauten Ruf aufgeweckt . Es war auf der Straße außerhalb des Hofs , und die Stimme rief : » Quandt ! Quandt ! « Caspar , noch im Halbschlaf , glaubte die Stimme Hickels zu erkennen . Es wurde irgendwo ein Fenster geöffnet , der von der Straße sagte etwas , was Caspar nicht verstehen konnte , bald hernach ging eine Tür im Haus . Es blieb dann eine Weile ruhig . Caspar legte sich auf die Seite , um weiterzuschlafen , da pochte es an seine Zimmertür . » Was gibts ? « fragte Caspar . » Machen Sie auf , Hauser ! « antwortete Quandts Stimme . Caspar sprang aus dem Bett und schob den Riegel zurück . Quandt , vollständig angekleidet , trat auf die Schwelle . Sein Gesicht sah im Morgengrauen grünlich fahl aus . » Der Präsident ist tot « , sagte er . In einem schwindelnden Gefühl setzte sich Caspar auf den Bettrand . » Ich bin im Begriff hinzugehen , wenn Sie sich anschließen wollen , machen Sie rasch « , fuhr Quandt murmelnd fort . Caspar schlüpfte in die Kleider ; er war wie betrunken . Zehn Minuten darauf schritt er neben Quandt auf dem Weg zur Heiligenkreuzgasse . Im Garten vor dem Feuerbachschen Haus standen Leute , die halb verschlafen , halb bestürzt aussahen . Ein Bäckerjunge saß auf der Treppe und heulte in seine weiße Schürze hinein . » Glauben Sie , daß man nach oben darf ? « fragte Quandt den Schreiber Dillmann , der mit ingrimmigem Gesicht und tief in die Stirn gedrücktem Hut auf und ab ging . » Die Leiche ist ja noch gar nicht in der Stadt « , sagte ein alter Artilleriehauptmann , an dessen Schnurrbart kleine Regentropfen hingen . » Das weiß ich « , entgegnete Quandt , und er folgte etwas beklommen Caspar , der ins Haus eingetreten war . Im unteren Stock standen alle Türen offen . In der Küche saßen zwei Mägde vor einem Haufen Holz , das zu Scheiten geschlagen war . Sie schienen angstvoll zu horchen . Caspar und Quandt vernahmen eine durchdringende Stimme , die sich näherte . Sie sahen alsbald eine weibliche Gestalt mit hochgehobenen Armen durch eines der Zimmer laufen . Sie schrie vor sich hin wie rasend . » Die Unglückliche « , sagte Quandt verstört . Es war Henriette . Ihr Geschrei dauerte ununterbrochen fort , bis einige Damen erschienen , darunter Frau von Stichaner . Quandt begab sich mit Caspar an die Schwelle des Staatsgemachs . Die Frauen bemühten sich um Henriette , sie aber stieß jede mit den Fäusten von sich . » Ich habs gewußt , « schrie sie , » ich habs gewußt sie haben ihn mir vergiftet , haben ihn vergiftet ! « Ihre Augen waren blutunterlaufen , und ihr Blick war rot . Sie stürmte in ein andres Zimmer , das lose Nachtgewand flatterte hinter ihr , und immer gellender schallte ihr Geschrei : » Sie haben ihn vergiftet ! vergiftet ! vergiftet ! « Caspar hatte keinen andern Ruhepunkt für sein Auge als das Napoleonbild , dem er gegenüberstand . Es kam ihm vor , als müsse der gemalte Kaiser schon müde sein von der unablässigen majestätischen Drehung , die sein Hals machte . » Lassen Sie uns