lange , als ich lebe , und da es keinen Tod giebt , ist es mein allergrößter Wunsch , dann einst wie jener Sonnenstrahl zu sein , der mir gesagt hat , daß ich niemals sterben werde . « Sie schlug den Schleier wieder auseinander und stand auf . » Ich habe eine Bitte , Effendi , « sagte sie . » Wirst du sie mir erfüllen ? « » Gern , wenn ich kann . « » Du kannst es , wenn du willst . Sei ein wenig lieb und gut zu meinem Kinde ! Verzeihe ihm seinen heutigen Irrtum ! Seine allergrößte Freude ist die Dankbarkeit , und diese Freude wirst du ihm bereiten , wenn du die Güte hast , ihn freundlich zu beachten . « » Es bedarf dieser deiner Bitte nicht , meine gute Pekala . Wenn ich so weit gekräftigt bin , daß ich mich wieder in den Sattel setzen darf , werde ich hier täglich einen Ausflug unternehmen . Er kennt die Gegend und ist , wie ich gesehen habe , ein vortrefflicher Reiter . Darum soll er mich begleiten . Sage ihm das ! « » Wie wird er sich darüber freuen ! Ich sage dir meinen Dank dafür , ja , den meinigen , denn ich bin stolz darauf , daß du keinem Andern diesen Vorzug giebst , als grad dem Kinde , welches ich erzogen habe ! « Sie legte die Hände auf der Brust zusammen , verbeugte sich und ging . Ich schaute ihr nach , bis sie jenseits der Gartenthür verschwand . Welch ein eigenartiges , psychologisch höchst interessantes Verhältnis zwischen diesen beiden Menschenkindern - Pekala und Tifl ! Ist unsere sogenannte Psychologie überhaupt imstande , eine solche seelische Zusammengehörigkeit genügend zu erklären ? Was ist die Seele ? Wo ist die Seele ? Welcher Art ist ihre Verbindung mit dem Leibe ? In welcher Weise wirkt sie auf unsere körperlichen und geistigen Organe ein ? Wir sprechen täglich , ja stündlich von ihr ; aber man zähle doch einmal alles , alles auf , was man von ihr weiß ! Wer darf behaupten , daß er sie kenne ? Wer hat sie begriffen . Wer hat die Thür zum Prüfungssaale geöffnet , sie in ihrer ganzen , großen , herrlichen Identität eintreten lassen und gesagt : » Das ist die Seele des Menschen . Sie steht schon seit Jahrtausenden bereit , euch jede Auskunft zu erteilen ; ihr aber habt eure Erkundigungen nur an euch selbst , doch nicht an sie gerichtet . Ihr habt in euch selbst hineingesprochen und darum nicht ihre , sondern nur eure eigene Antwort gehört . Nun bringe ich sie euch . Woher ? Das wißt ihr nicht ? Habt ihr den Mut , sie zu fragen , wer sie ist ? Dann fragt sie nicht nach ihr , sondern nur nach euch . Sie hat nur eine einzige Antwort , die sie giebt , und diese Antwort seid - ihr selbst ! « - - - Hanneh , welche bei Halef war , ließ sich zuweilen unter den Bogen der Halle sehen , um mir lächelnd zuzunicken . Einmal aber stieg sie die Stufen herab , kam zu mir her und sagte : » Er schläft und nimmt , ohne dabei aufzuwachen , die Nahrung ein , die ich ihm von Zeit zu Zeit gebe . Ist das gut ? « » Ja , « antwortete ich . » Er schluckt den dünnen , aber stärkenden Drang ganz unwillkürlich . Bist du um etwas besorgt , so frage den Pedehr ! Seine Auskunft ist zuverlässiger als die , welche ich dir geben kann . « Als die Sonne verschwunden war , versuchte ich , mit Hilfe des Stockes die Treppe hinaufzusteigen . Es gelang . Ich brachte es sogar fertig , dann noch in die Halle hinein und bis hin zu Halef zu gehen . Dort setzte ich mich für einige Augenblicke nieder . Sein Gesicht sah nicht mehr mumienfarbig aus . Es war von jenem Lebenstone überhaucht , welcher mit Sicherheit darauf schließen läßt , daß das vorher stockende Blut seinen Kreislauf wieder begonnen hat . Sonderbar ! Liegt wirklich eine befehlende Kraft im Blicke des menschlichen Auges ? Zwei Personen : die eine schläft ; die andere schaut ihr in das Angesicht und denkt dabei , ob sie wohl erwachen werde . Der Schläfer sieht das nicht . Seine Augen sind geschlossen . Wer in ihm ist es , der aber doch den Blick bemerkt und auch den Gedanken versteht ? Denn gar nicht lange , so beginnt der Schläfer , sich zu regen . Besitzen alle Menschen diesen Einfluß ? Oder nur einige ? Halef regte sich . Er wendete mir sein Gesicht langsam zu . » Sihdi ! « hauchte er . Weiter war nichts zu hören . Ein leises , liebes Lächeln spielte um seine Lippen . » Er ahnt , daß du hier bist , « flüsterte Hanneh mir zu . » Oder meinst du , daß er dich gesehen hat ? Seine Augen sind aber doch fest geschlossen ! « » Hast du nur geahnt , daß er meinen Namen sagte ? « fragte ich sie , natürlich ebenso leise . » Geahnt ? Nein . Er sagte ihn doch wirklich . « » Von ihm aber soll es nur Ahnung sein , daß ich hier bei ihm bin ? Er weiß es wirklich ! « » Woher ? Von wem ? Er sah dich nicht ! « » Kann man nur dann sehen , wenn man die Lider öffnet ? Schließ deine Augen , Hanneh , und versetze dich in das Lager der Haddedihn ! « » Ich thue es , « nickte sie , indem sie die Augen zumachte . » Geh jetzt zu deinem Zelte ! « » Ich sehe es . « » Deutlich ? « » Ja , ganz genau so , wie es ist . Der Vorhang ist