das breite Kiesbett eines ausgetrockneten Wildbaches durchschreiten . Graf Egge bekam scharfe Steinchen in die Schuhe , und das schmerzte ihn bei jedem Tritt . Als er ans Ufer gestiegen war , winkte er dem Jäger , vorauszugehen , und ließ sich nieder , um die Schuhe abzustreifen . Das Übel war behoben ; aber noch immer blieb er sitzen , ließ die Arme übers Knie hängen und spähte hinunter ins ferne Tal . Kräftig zog der Wind über das sonnbeglänzte Gehänge empor und trug verschwommene Klänge aus der Tiefe herauf - das Geläut der Kirchenglocke . Die Zeit der Messe war vorüber , bis Mittag waren noch lange Stunden . Warum läutete man da drunten ? Graf Egge erhob sich . » Vorwärts ! Und heim ! Ich hab ' s ihm versprochen ! « Als er vor dem » Palais Dippel « anlangte , sah er rechts neben der offenen Tür den Rehbock liegen und links auf der Hausbank ein altes gebeugtes Bäuerlein sitzen , im langen Sonntagsrock und mit vergrämtem Gesicht . Bei Graf Egges Anblick schien den Alten eine ratlose Erregung zu befallen ; scheu blickte er nach allen Seiten , erhob sich , nahm respektvoll das Hütl ab und strich das Haar in die Stirn . » Recht guten Morgen , gnädiger Herr Graf ! « Seine Stimme klang , als wäre ihm die Kehle zugeschnürt . Mißtrauisch betrachtete Graf Egge den Bauer . Seine Brauen furchten sich . » Wer bist du ? Was willst du ? Kommst du vielleicht wegen Wildschaden ? Da kehr ' nur gleich wieder um ! Heuer bezahl ' ich keinen Knopf mehr . Dreizehntausend Mark hab ' ich heuer schon geblecht . Das wird mir auf die Dauer zu dumm ! Jahraus , jahrein steckt die Gemeinde den schauderhaften Jagdzins ein . Und dann kommt noch jeder von euch und will mich schröpfen bis auf den letzten Blutstropfen . Wildschaden , Wildschaden , Wildschaden ! Das nimmt kein Ende mehr . Was ich an Wildschaden bezahlen soll , ist zehnmal mehr , als meine Hirsche fressen könnten , wenn jeder von ihnen zehn Mäuler hätt ' ! Ich kenne den Schwindel . Ich weiß , wie ' s gemacht wird . Jeder von euch spekuliert auf den Wildschaden wie der Jud ' auf die schlechte Ernte . Die miserabelsten Äcker , die am Wald liegen , stehen dreifach im Preis , weil sie sicheren Wildschaden tragen . Da wird kein Mist aufs Feld gefahren , verschimmelter Haber und fauler Klee wird ausgesät , schandenhalber ein paar Händ ' voll . Und wenn der Acker leer bleibt , heißt es : Die Hirsch sind dagewesen , jetzt soll der Jagdherr schwitzen ! In der Nacht holt so ein Lump die Kartoffel aus seinem Feld , drückt mit einem gestohlenen Hirschlauf den ganzen Boden voll Fährten an , und dann schreit der Schweinehund nach der Kommission ! Heiratet ein Bauer seine Tochter aus , wer bezahlt ihr die Aussteuer ? Der Jagdherr ! Sogar ins Testament wird der Wildschaden gesetzt wie das sichere Geld im Kasten ! Was meine Hirsche fressen , ist wertlos für euch . Aber was ich dafür bezahle , ist euer bester Verdienst . Ja , Bauer ! Euer bester Verdienst ! Was wäre denn in dem gottvergessenen Bergwinkel euer Dorf ohne mich und meine Jagd ? Ein Bettelnest voll Hungerleider . Meine Jagd ist ein Luxus , gut ! Ich bezahl ' ihn teuer genug . Sechzigtausend Mark jedes Jahr . Und wohin verschwindet der Haufen Geld ? In euren Sack ! Das Dorf ist reich geworden an meiner Jagd . Aber alles hat seine Grenzen . Ich laß mir nicht die Haut über die Ohren ziehen . Endlich wird mir die Geschichte zu dumm ! « Graf Egge , der über diese Frage nicht aus ungerechtem Ärger , sondern aus wohlbegründeter Erfahrung sprach , hatte sich in heißen Zorn hineingeredet . Er lehnte Gewehr und Bergstock an die Hüttenwand und lüftete die Joppe . » So red ' ! Wieviel verlangst du ? Es scheint , du bist ein ehrlicher Kerl , ich seh dir ' s am Gesicht an , daß du wirklichen Schaden hast . In solchem Fall hab ' ich mich nie geweigert , die Tasche aufzuknöpfen . Also ? Wieviel ? « Der Bauer schüttelte kummervoll den weißen Kopf . » Belieben , gnädiger Herr Graf , ich komm net wegen Wildschaden ! « Graf Egge sah den Alten verwundert an . » Was willst du ? « Der Bauer schluckte . » Belieben , gnädiger Herr Graf , ich such mein Buben . « Schweigend trat Graf Egge ein paar Schritte zurück , und zwischen seinen Brauen erschien eine tiefe Furche . » Wer bist du ? « » Wenn der gnädig Herr Graf belieben , wär ich der Mühltaler aus Bernbichl . « Im Küchenraum der Jagdhütte klapperte eine Pfanne , die zu Boden gefallen war . Über Graf Egges Gesicht ging ein Zucken des Unbehagens , nur flüchtig . Dem Blick des Alten entging das nicht , und sein Hütl , das er zwischen den Fingern drehte , fing zu zittern an . » Der Mühltaler aus Bernbichl ! « wiederholte er mit erloschener Stimme . » Der gnädig Herr Graf haben mein Namen gwiß schon ghört ? « » Nein ! « » So ? So ? Freilich , wenn ' s der gnädig Herr Graf belieben , muß man ' s glauben ! « Langsam nickte der Bauer vor sich hin ; dann hob er die umflorten Augen . » Aber an Buben hab ich ghabt - belieben , gnädiger Herr Graf - den haben S ' gwiß schon gsehen amal , mein Buben ? « » Nein ! « » So ? So ? Aber einer von Ihnere Jager ? Net ? Drum tät ich halt fragen - belieben , gnädiger Herr Graf - ob ich net a Wörtl hören könnt ? Bloß an