zu prüfen , zu mildern und zu gemeinsamer Erbauung auf einen belehrenden Vereinigungspunkt zu lenken . Aber ich hatte durch den letzten Sommer die Lust an solchen Erörterungen fast gänzlich verloren , mein Blick war auf sinnliche Erscheinung und Gestalt gerichtet , und selbst die rätselhaften Betrachtungen über die Erfahrungen , die ich mit Römer anstellte , gingen in einem durchaus weltlichen Sinne vor sich . Außerdem fühlte ich , daß ich nun die größte Rücksicht auf Anna nehmen mußte , und als ich bemerkte , daß sie sogar froh schien , mich hier eingefangen und einem angehenden Bekehrungswerke preisgegeben zu sehen , hütete ich mich , einen Widerspruch zu äußern , gab denjenigen Stellen , welche eine Wahrheit enthielten oder tief , schön und kraftvoll ausgedrückt waren , meinen aufrichtigen Beifall ; oder ich überließ mich einer reizenden Muße , die schönen Farben an Annas Seidenknäulchen beschauend . Sie hatte wohl ausgeruht und schien ziemlich munter zu sein , so daß kein großer Unterschied gegen ihr früheres Wesen während des Tages bemerklich war . Das machte mich so froh , daß ich aufbrach , um am hellen Tage , vor Judith sicher , ins Pfarrhaus zu gelangen und von da zurückzukehren . Als ich in den dichten Nebel hinausging , war ich sehr guter Dinge und mußte lachen über meine seltsame List , zumal das verborgene Wandeln in der grau verhüllten Natur meinen Gang einem Schleichwege noch völlig ähnlich machte . Ich ging über den Berg und gelangte bald zum Dorfe ; doch verfehlte ich hier des Nebels wegen die Richtung und sah mich in ein Netz von schmalen Garten- und Wiesenpfaden versetzt , welche bald zu einem entlegenen Hause , bald wieder gänzlich zum Dorfe hinausführten . Ich konnte nicht vier Schritte weit sehen ; Leute hörte ich immer , ohne sie zu erblicken , aber zufälligerweise traf ich niemanden auf meinen Wegen . Da kam ich zu einem offenstehenden Pförtchen und entschloß mich , hindurchzugehen und alle Gehöfte gerade zu durchkreuzen , um endlich wieder auf die Hauptstraße zu kommen . Ich geriet in einen prächtigen großen Baumgarten , dessen Bäume alle voll der schönsten reifen Früchte hingen . Man sah aber immer nur einen Baum ganz deutlich , die nächsten standen schon halb verschleiert im Kreise umher , und dahinter schloß sich wieder die weiße Wand des Nebels . Plötzlich sah ich Judith mir entgegenkommen , welche einen großen Korb mit Äpfeln gefüllt in beiden Händen vor sich her trug , daß von der kräftigen Last die Korbweiden leise knarrten . Das Einsammeln des Obstes war fast die einzige Arbeit , der sie sich mit Liebe und Eifer hingab . Sie hatte ihr Kleid des nassen Grases wegen etwas aufgeschürzt und zeigte die schönsten Füße ; ihr Haar war von Feuchte schwer und die Wange von der Herbstluft mit reinem Purpur gerötet . So kam sie gerade auf mich zu , auf ihren Korb blickend , sah mich plötzlich , stellte erst erbleichend den Korb zur Erde und eilte dann mit den Zeichen der herzlichsten und aufrichtigsten Freude herbei , fiel mir um den Hals und drückte mir ein halbes Dutzend Küsse auf die Lippen . Ich hatte Mühe , dies nicht zu erwidern , und rang mich endlich von ihrer Brust los . » Sieh , sieh ! du gescheites Bürschchen ! « sagte sie froh lachend , » du bist heute gekommen und machst dir gleich den Nebel zunutze , mich noch vor Nacht heimzusuchen ; das hätte ich dir nicht einmal zugetraut ! « - » Nein « , erwiderte ich , zur Erde blickend , » ich bin gestern gekommen und wohne beim Schulmeister , weil Anna krank ist . Unter diesen Umständen kann ich jedenfalls nicht zu Euch kommen ! « Judith schwieg eine Weile , die Arme übereinandergeschlagen , und sah mich klug und durchdringend an , daß mein Blick in die Höhe gezogen und auf den ihrigen gerichtet wurde . » Das wäre allerdings noch gescheiter , als wie ich es meinte « , sagte sie endlich , » wenn es dir nur etwas helfen würde ! Doch weil unser armes Schätzchen krank ist , so will ich billig sein und unsere Übereinkunft abändern . Der Nebel wird sich wenigstens eine Woche lang täglich mehrere Stunden auf dieselbe Weise zeigen Wenn du jeden Tag zu mir kommst , so will ich dich für die Nacht deiner Pflicht entbinden und dir zugleich versprechen , dich nie zu liebkosen und dich selbst zurechtzuweisen , wenn du es tun wolltest ; nur mußt du mir jedesmal auf ein und dieselbe Frage ein einziges Wörtchen antworten , ohne zu lügen ! « - » Welche Frage ? « sagte ich . » Das wirst du schon sehen ! « erwiderte sie ; » komm , ich habe schöne Äpfel ! « Sie ging mir voran zu einem Baume , dessen Äste und Blätter edler gebaut schienen als die der übrigen , stieg auf einer Leiter einige Sprossen hinan und brach einige schön geformte und gefärbte Äpfel . Einen davon , der noch im feuchten Dufte glänzte , biß sie mit ihren weißen Zähnen entzwei , gab mir die abgebissene Hälfte und fing an , die andere zu essen . Ich aß die meinige ebenfalls und rasch ; sie war von der seltensten Frische und Gewürzigkeit , und ich konnte kaum erwarten , bis sie es mit dem zweiten Apfel ebenso machte . Als wir drei Früchte so gegessen , war mein Mund so süß erfrischt , daß ich mich zwingen mußte , Judith nicht zu küssen und die Süße von ihrem Munde noch dazuzunehmen . Sie sah es , lachte und sprach : » Nun sage bin ich dir lieb ? « Sie blickte mich dabei fest an , und ich konnte , obgleich ich jetzt lebhaft und bestimmt an Anna dachte , nicht anders und sagte : » Ja ! « Zufrieden sagte Judith : » Dies sollst du mir jeden Tag