Flammen auf den Wangen erloschen . Sie gab auf keine Frage einen Laut , kein Zeichen des Verstehens , sie regte sich nicht , atmete kaum merklich . Der alte Vater war auf einem Stuhl an der Bettseite eingeschlummert . Lydia hatte die eine Hand auf die Stirn der Kranken gelegt , mit der anderen hielt sie deren beide Hände , ineinandergefügt , umspannt . Sie glaubte an das Auflegen der Hände . Man braucht aber nicht so starken Glaubens wie Lydia zu sein , um die wohltuende Wirkung zu spüren , wenn durch innige Berührung eines kraftvollen Menschen gleichsam ein Strom warmen Lebens in einen Entkräfteten übergeht , oder ein kühlender Hauch in das Blut des Fieberglühenden . Der Doktor fand keine beunruhigenden Symptome . Er kannte Rosen seit ihrer Geburt ; ihre Lungen waren heil ; der matte Puls deutete nicht auf Entzündung . Das frohlebige Kind war ekel und krankenscheu ; die schauervollen Schilderungen , die ihr nicht hatten erspart werden können , die Furcht vor Ansteckung , der Anfall der Mutter , Angst und Schmerz , das erste Totenbild im Leben hatten die Nervengeister überreizt und einen abnormen Blutandrang bewirkt , dessen Ergießung naturgemäß die Erschöpfung folgte . Unbedingte Ruhe , zweckmäßige Kost und einige leichte Tonika würden den erschlafften Lebensgeist bald wieder aufrichten , meinte Doktor Brand . Er hatte sich noch nicht aus der Pfarre entfernt , als , wie er verheißen , Doktor Kurze sich in dieser einstellte . Wenngleich ein Anfänger , konnte ihm als Verwandten und Freunde des Hauses ein Einblick in den Zustand der Kranken nicht verweigert werden . Und so gewährte - wenn auch als Braut eines anderen , wie leider , natur- und vernunftgemäß , seit Jahren vorauszusehen - Schönröschen den heißersehnten ersten kritischen Fall , über welchen Doktor Peter Kurze ein ärztliches Gutachten abzugeben hatte . Da Doktor Peter Kurze aber mit Leib und Seele zu den Erstlingsjüngern der neuen Schule zählte , die beim Abweichen von typischen Lebenserscheinungen das Pünktchen über dem i zu ergründen trachtete , wollte er von des alten Kollegen seelisch gestörtem Lebensgeist nichts wissen und suchte den Sitz des Übels in Störungen eines leiblichen Organs und einem äußerlichen Motiv . Seine erste Frage war nach Quantität und Qualität des entleerten Bluts , und als er von keiner Seite eine befriedigende Antwort erhielt , da es ununtersucht beseitigt worden war , schüttelte er mit energischer Entrüstung sein ärztliches Haupt . Er machte darauf mit der Neuigkeit des Beklopfens , Behorchens und anderer exakten Untersuchungen , allerdings nur bei den Laien in der Krankenstube , einen bedeutenden Effekt . Lächelte nun der alte Spiritualist über den modernen Hokuspokus , mit welchem kein Hund aus dem Ofen gelockt werde , so lachte der junge Naturalist über die blutspeiende Seele und die vor Olims Zeiten ausgeheckten Arkana , die nur den Apothekerkarren schmieren helfen ; nannte der Alte den Jungen - selbstverständlich hinter seinem Rücken - einen in der Wolle gewaschenen Scharlatan , so nannte der Junge den Alten - ebenso selbstverständlich hinter seinem Rücken - einen mürben Schlauch , an dem kein neuer Flicken hafte . Und da mußte es denn um der lieben Rose und derer willen , die für ihr Leben zitterten , als ein Segen betrachtet werden , daß der Antagonismus in Diagnose und Prognose sich nicht auch auf die Behandlungsweise erstreckte . Kühle Temperatur , kuhwarme Milch und Ruhe , anderes als der spiritualistische Äskulap wußte der materialistische auch nicht anzuraten , und mit der Vorschrift : » Keine Jammermienen ! lachende Gesichter ! « - einer Vorschrift , die doch auch nicht lediglich auf eine Störung deutet , die man tastet , hört und sieht , verließ Peter Kurze des geliebten Röschens Lager , um unter Führung des ungeliebten Schloßfräuleins als Held auf sein erstes Kampffeld vorzudringen . Rose lag unverändert , ohne merkbares Leiden , ohne Regung und Bedürfnis irgendwelcher Pflege . Der alte Vater wich nicht aus ihrer Nähe ; am Abend übernahm Dezimus die Wacht . Der Tag war ihm auch äußerlich ruhelos vergangen : er hatte das Begräbnis anzuordnen , das schon am anderen Nachmittag stattfinden sollte , auch die Trauerbotschaft in die Ferne mitzuteilen . Es war des Vaters ausdrücklicher Wille , und er war überzeugt , darin nach dem seiner Hanna zu handeln , daß keines der Kinder oder Enkel um dieser Feier willen die infizierte Gegend betrete . » Für die unheilvollen Folgen rechtmäßiger Handlungen gibt es keine Verantwortung , « sagte er und machte sich daher auch nicht die geringsten selbstquälerischen Gedanken , den Ansteckungsstoff vielleicht in seine Familie getragen zu haben . Eine Befriedigung des Gemüts und der Sitte , die niemand Hülfe und vielen Gefahr bringen konnte , rechnete er aber nicht zu jenen obligatorischen Handlungen . Auch die Kranzbinderin der Gemeinde hatte der Mutter nicht den letzten Schmuck reichen können , und als in der schweren Stunde ein Sonnenblick , den Herbstnebel durchdringend , auf ihr Lager fiel und ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen zauberte , da ahnete sie nicht , daß er das frische Grab ihrer Mutter beschien und daß der wärmste Liebesstrahl aus ihrem Leben gewichen war . Dem Sarge folgte nur der greise Gatte , gestützt auf den Sohn und hinter beiden Lydia . Die angstzitternden Gemeindeglieder hielten sich in weitem Abstand von der Grube . Keinen der Befallenen hatte der Würgengel ja so hastig abgetan wie die alte Pastorfrau . Doch fehlte es an Tränen , an aufrichtigen Tränen nicht . Hanna Blümel hatte viel früher als ihr Konstantin und fast ohne Ausnahme die Herzen seiner Pfarrkinder zu finden gewußt . » Vater , ich danke dir für den Segen , den du mir für Zeit und Ewigkeit in diesem Weibe bescheret hast , « sagte Konstantin Blümel mit fester Stimme , sprach dann den Friedensspruch über das Grab und stand , bis dasselbe gefüllt war , in stillem Gebet auf der Stelle , die er sich dicht daneben zur letzten Ruhestatt vorbehalten .