Ehrendame an einem Hofe , wo Schönheit und Geist noch so viel vermögen ; sie dachte sich als die Seele großartiger Unternehmungen , als die Vertraute von Generalen und Staatsleuten ; und dann blickte sie aus ihren Träumereien auf zu dem finsteren ruhigen Antlitz des riesengewaltigen Mannes , der sie mit seinen sonderbaren Geschichten in diese sonderbaren Phantasien gewiegt hatte , und fragte sich , ob sie es wohl wagen würde , an dieser Hand die hohen Regionen zu betreten , wohin sie die heißesten Wünsche ihres stolzen , ehrgeizigen Herzens trugen . Dem schönen jungen Mädchen gegenüber legte der Fürst die kühle Zurückhaltung ab , die er gegen alle Andern beobachtete . Er sprach selbst über seine Familienverhältnisse mit großer Offenheit . Er sagte , daß er von seinen Eltern eigentlich nur seine Mutter kenne , daß er seinen Vater nur sehr selten zu sehen bekomme . Seine Mutter lebe in Petersburg , wo ihr Einfluß bei Hofe noch immer sehr groß sei , obgleich eine unheilbare Krankheit die einst bildschöne lebenslustige Frau in wenigen Jahren verwüstet und zur trübsinnigen Schwärmerin gemacht habe . Sein Vater , Graf Malikowsky , bringe den größten Theil des Jahres auf Reisen zu , besonders in Bädern , da er , trotz seiner Jahre und Kränklichkeit , den heiteren Genuß des Lebens noch immer leidenschaftlich liebe und stets das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden suche . Er stehe zu seinem Vater eigentlich in gar keinem Verhältniß . Alle Jahr schrieben sie sich einmal oder zweimal bei besonderen Gelegenheiten kurze Briefe ; jetzt habe er den Grafen , als er im Sommer in der Residenz dem Könige den Eid leistete , zum letzten Mal gesehen und er sei über sein verfallenes Aussehen , das der alte Herr vergebens durch die raffinirtesten Toilettenkünste zu verstecken sich bemühe , erschrocken gewesen . Der Graf und die Gräfin harmonirten , wie das bei so verschiedenen Naturen erklärlich sei , sehr wenig mit einander . Der Graf komme alle Jahr einmal nach Petersburg , stelle sich bei Hofe vor , zeige sich ein oder das andere Mal im Palais Letbus und verschwinde dann wieder , um von Zeit zu Zeit aus Hamburg , Baden-Baden , Wiesbaden » freundliche Grüße « an seine Gemahlin zu senden . Auch daß dem Fürsten daran gelegen war , sie mit seinen Ansichten bekannt zu machen , entging Helene nicht . Ich halte den Kriegerstand , sagte er einmal , nicht nur für den edelsten , sondern auch für den nützlichsten ; für den edelsten , weil er allein jede Kraft des Mannes wach ruft und erprobt , für den nützlichsten , weil er die Grundbedingung für alle übrigen Stände ist , die ohne ihn gar nicht existiren könnten . Daß der Bauer in Frieden seinen Kohl bauen , der Handwerker ruhig in seiner Werkstatt sitzen , der Künstler ungestört in seinem Atelier , der Gelehrte in seinem Studirzimmer arbeiten kann , das haben sie dem Krieger zu verdanken , der für sie am Thore schildert , des Nachts für sie die Straßen patrouillirt , lärmende Pöbelschaaren zu Paaren treibt und gegen den Feind , der das Land bedroht , in den Kampf zieht . Mit diesem Stande verglichen sind alle andern niedrig und gemein , und daß er der unbestritten höchste und edelste ist , zeigen auch die Herrscher , indem sie sich für gewöhnlich und nun gar bei feierlichen Gelegenheiten in die Tracht desselben kleiden . Deshalb sollte aber auch nur ein Adeliger Offizier werden dürfen . Daß man neuerdings auch angefangen hat , den Bürgerlichen Zutritt zu unsern Reihen zu verstatten , halte ich für einen beklagenswerthen Fehler , der sich früher oder später empfindlich an uns rächen wird . Aber glauben Sie denn , daß der Bürgerliche unbedingt zu dem Berufe untauglich ist ? fragte Helene . Ohne Zweifel , erwiderte der Fürst mit Nachdruck . Jagd und Krieg müßten durchaus dem Adel reservirt bleiben , nicht , weil Bürgerliche überhaupt nicht auch eine Büchse abschießen oder einen Säbel schwingen , sondern weil sie es nicht in dem rechten Geist , mit dem rechten Geiste können . Der bürgerliche Geist ist nun einmal ein specifisch anderer , als der adlige ; es find das Unterschiede , die sich nicht mehr in Worte fassen lassen , die aber nichtsdestoweniger vorhanden und für jeden - für mich zum wenigstens - sehr fühlbar sind . Nehmen Sie zum Beispiel den Begriff der Standesehre . Ein Bürgerlicher , der keine Ahnen hat , die denselben Degen führten , den er jetzt an der Seite trägt , - was kann es ihm sein , ob er diesen Degen vor jedem Flecken rein bewahrt oder nicht ? Ich habe noch keinen bürgerlichen Officier gekannt , bei dem es mir nicht mindestens zweifelhaft gewesen wäre , ob er bei einer thätlichen oder groben wörtlichen Beleidigung den Beleidiger sofort niederstoßen würde . Nun aber frage ich Sie , wie kann bei solch einem Mangel an dem richtigen point d ' honneur überhaupt von kriegerischem Sinn und Geist die Rede sein ? Aber die Frage hat auch eine practische Seite . Der Geist der Neuerung , des frechen Ungehorsams gegen die von Gott eingesetzte Ordnung regt sich überall . Dieser Geist kann nicht , wie man in unserem Staate leider angefangen hat , durch Güte und Concessionen , sondern nur durch eiserne Strenge und Gewalt niedergehalten werden . Des gemeinen Soldaten , der drei Jahre lang in unserer Zucht und Aufsicht gewesen ist , sind wir sicher , nicht ebenso des bürgerlichen Officiers . Schicken Sie einen Zug unter Anführung eines Lieutenant Schulze oder Müller gegen einen rebellischen Pöbelhaufen , und es ist zehn gegen eins zu wetten , er wird in demselben irgend einen Bruder oder Vetter Schulze oder Müller entdecken und in Folge dessen Anstand nehmen , im rechten Augenblick Feuer ! zu commandiren . Nehmen Sie dagegen die Officiere aus dem Adel und nur aus dem Adel , so kann dergleichen gar nicht vorkommen