Gespräch gemischt hätte . Bis zur Conferenz beim Stadtpfarrer , wo der Dechant nicht fehlen durfte , hatte es noch einige Zeit ... Nach dem Diner waren die Gäste entlassen worden , weil sie den Kaffee beim Stadtpfarrer nehmen sollten . Der Dechant hatte ein wenig in seinem Voltaire geschlummert , hatte den süßen , weichen Lindenduft eingeathmet , hatte das Zwitschern der Vögel belauscht und den Pfau vom Simse oben auf die untern Vliesen gejagt , diesen Lolo , den er nur Frau von Gülpen zu Liebe duldete ; denn Lolo war ein gar böser Vogel , wie alle Pfauen . Eitel von der hohen Büschelkrone bis zu den bunten Augen seines Schweifes hinunter , fuhr er herzlos auf alles Lebendige zu , dem er nur irgend mit seinem krummen Schnabel beikommen konnte . Ein unsteter Nachtunhold , hielt er nie sein Nest im geräumigen Hofe inne , sondern hatte Lagerstätten überall , oben auf Windhack ' s Sternwarte , beim Hühnerstall , in der Nische eines steinernen Marienbildes , an den Eingangssäulen des Portals , auf einem Zweige da , in einer Hecke dort . Lolo war ein Nachtschwärmer , über den der Dechant in mancher schlaflosen Nacht oft bitter seufzen mußte , mehr noch als über das allgemeine Weh der Welt , bis er regelmäßig bei solchen Störungen doch zuletzt ärgerlichst an die spanische Wand klopfte und der in Sorge um den Lolo nebenan noch wachen Petronella von Gülpen zurief : Aber liebste , beste , theuerste Freundin ! Was hat denn nur Ihr verfluchter hoffärtiger Satan heute Nacht schon wieder vor ? Gewiß wieder nichts als Zorn und Aerger auf die Hennen , die still und sanft über ihren Jungen sitzen ! ... Dann pflegte Frau von Gülpen seufzend zu erwidern , der Lolo gräme sich , weil er im grünen Parke allein leben müsse ... Der Dechant entgegnete aber : Ei , der niederträchtige Kerl mordet uns ja jedes Weibchen , das wir ihm schon bei allen Gutsbesitzern der Umgegend bald erbettelt , bald mit schwerem Gelde erkauft haben ! Glauben Sie mir ' s , beste Freundin , um das Glück der Ehe würdigen zu können , ist der Mensch , wollt ' ich sagen der Vogel zu lange Cölibatär gewesen ! Gerade wie bei uns ! Heben Sie heute das Cölibat auf , ich glaube , wir heirathen gar nicht einmal ! ... Frau von Gülpen war dann , statt auf solche Blasphemieen schlafloser Verzweiflung zu antworten , gewöhnlich schon in ihrer Kontusche , hatte die Fenster geöffnet und sprach in die finstere Nacht hinaus mit dem auf einem Baumzweige wach sitzenden und vielleicht , wie der Heine ' sche Fichtenbaum , von seiner eigentlichen Gangesheimat , wo eben allerdings die Mittagssonne hellglänzend in die Kelche der Lotosblumen schien , träumenden Vogel sanfte und still begütigende Worte . Trotz solch schrecklicher Nachtreden war aber der Dechant die Sanftmuth und Herzensgüte selbst und am Tage von den gewähltesten Ausdrücken . Zur Bestätigung dessen hätte man nur seine zierlichen Billetchen zu lesen brauchen , z.B. die Zeilen , die er schon heute früh geschrieben hatte , um vom eigengezogenen Obst des heutigen Desserts ein Körbchen voll an Frau Majorin Schulzendorf ( die Gattin des Chefs unsers braven Wachtmeisters Grützmacher ) zu übersenden . Unter einem Briefbeschwerer von Achat lagen die beantworteten , unter einem andern von Marmor die noch zu beantwortenden Briefe . Das waren allerdings keine » Regierungsschinken « , wie sie gewöhnlich genannt und früher zum Räuchern gleichsam in den Schornstein gehängt wurden : zierliche , duftende Billetchen waren es , und manche darunter weit her und hin , besonders aus und nach Wien , das er alle drei Jahre zu besuchen verpflichtet war . Heute fesselte ihn ein Brief , den er lange in der Hand behielt ... Es war eine vor Tisch erst empfangene Antwort ... Er hatte an einen geistlichen Freund geschrieben , der sich mit dem Ausdeuten von Handschriften beschäftigte und darin ebenso viel Vergnügen fand , wie seinerseits der Dechant in seiner Kupferstichsammlung , seinen Gemmen und den Alterthümern von Herculanum , Pompeji , Babylon , Ninive , die er alle um sich breitete und in Dutzenden von Mappen sammelte . Diesem Freunde hatte er einige Zeilen einer Handschrift vorgelegt , die ihm vor einigen Wochen in einem anonymen Briefe mit mehreren Poststempeln aus dem Canton Tessin in der Schweiz , aus Chur in Graubündten , aus Lindau am Bodensee zugekommen war ... Der Chirogrammatist schrieb ihm , die bezeichnete Handschrift wäre eine verstellte und gehöre einem Manne an , der mindestens fünfzig Jahre zählte , einen melancholisch-phantastischen Charakter hätte , niemals Börsengeschäfte zu machen im Stande wäre , im Jahrhundert des Yankeethums sich unheimisch fühlte , am liebsten in einer kleinen verschwiegenen Villa am Lago di Lugano , am Fuße der Alpen oder in einem düstern Eichenwalde in den Thälern Piemonts wohnen könnte , einem Manne endlich , der , wenn er ein Feldherr gewesen wäre , wie Cincinnatus hinterm Pfluge die Gesandten würde empfangen haben , die ihm das Consulat bringen wollten , einem Manne , der , wenn er ein Fürst wäre , doch wie Dionysius nach seinem Sturze in Korinth einen Schulmeister hätte spielen können , einem Manne , der Staaten lenkte und dabei junge Mädchen unterrichtete im Griechischen , Hebräischen , auch wol Abends beim Thee mit einer Schere zierlich ausschneiden könnte ... wie dergleichen Thatsachen die Handschriftdeuter bis zur Beantwortung der Frage , ob der betreffende Schreiber gern auch Sauerkraut äße und die unlöbliche , doch vielen großen Geistern eigene Gewohnheit hätte , sich die Nägel zu kauen , herauszubringen wissen . Ja , der Correspondent trieb seinen Scherz noch weiter . Der Dechant las , daß der anonyme Briefschreiber » Werther ' s Leiden « auswendig wüßte , keinen Monat bis zum Dreißigsten mit seiner Gage auskäme und sich in jeder Stadt gefallen würde , nur in keiner , die zu gleicher Zeit Festung wäre oder an einem schiffbaren Flusse läge