aber nicht einer , wie ich ihn öfter vor schönen Sachen hatte , ja selbst vor Dichtungen , sondern er war , wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf , allgemeiner , geheimer , unenträtselbarer , er wirkte eindringlicher und gewaltiger ; aber seine Ursache lag auch in höheren Fernen , und mir wurde begreiflich , ein welch hohes Ding die Schönheit sei , wie schwerer sie zu erfassen und zu bringen sei , als einzelne Dinge , die die Menschen erfreuen , und wie sie in dem großen Gemüte liege , und von da auf die Menschen hinausgehe , um Großes zu stiften und zu erzeugen . Ich empfand , daß ich in diesen Tagen in mir um vieles weiter gerückt werde . In der nächsten Zeit sprach ich auch mit Eustach über das Standbild . Er war sehr erfreut darüber , daß ich es als so schön erkannte , und sagte , daß er sich schon lange darnach gesehnt habe , mit mir über dieses Werk zu sprechen ; allein es sei unmöglich gewesen , da ich selber nie davon geredet habe , und eine Zwiesprache nur dann ersprießlich werde , wenn man beiderseitig von einem Gegenstande durchdrungen sei . Wir betrachteten nun miteinander das Bildwerk , und machten uns wechselseitig auf Dinge aufmerksam , die wir an demselben zu erkennen glaubten . Besonders war es Eustach , der über das Marmorbild , so sehr es sich in seiner Einfachheit und seiner täglich sich vor mir immer staunenswerter entwickelnden Natürlichkeit jeder Einzelverhandlung zu entziehen schien , doch über sein Entstehen , über die Art seiner Verhältnisse , über seine Gesetzmäßigkeit und über das Geheimnis einer Wirkung sachkundig zu sprechen wußte . Ich hörte begierig zu , und empfand , daß es wahr sei , was er sprach , obgleich ich ihn nicht immer so genau verstand wie meinen Gastfreund , da er nicht so klar und einfach zu sprechen wußte wie dieser . Ich schritt in der Erkenntnis des Bildes vor , und es war mir , als ob es nach seinen Worten immer näher an mich heran gerückt würde . Er suchte viele Zeichnungen hervor , auf denen sich Abbildungen von Standbildern oder andern geschnitzten oder auf anderem Wege hervorgebrachten Gestalten des Mittelalters befanden . Wir verglichen diese Gestalten mit der aus dem Griechentume stammenden . Auch wirkliche Gestaltungen von kleinen Engeln , Heiligen oder anderen Personen , die sich in dem Rosenhause oder in der Nähe befanden , suchte er zur Vergleichung herbei zu bringen . Es zeigte sich hier für meine Augen , daß das wahr sei , was mein Gastfreund über griechische und mittelalterliche Kunst gesagt hatte . Es war mir wie ein jugendlicher und doch männlich gereifter Sinn voll Maß und Besonnenheit so wie voll herrlicher Sinnfälligkeit , der aus dem Griechenwerke sprach . In den mittelalterlichen Gebilden war es mir ein liebes , einfaches , argloses Gemüt , das gläubig und innig nach Mitteln griff , sich auszusprechen , der Mittel nicht völlig Herr wurde , dies nicht wußte , und doch Wirkungen hervorbrachte , die noch jetzt ihre Macht auf uns äußern und uns mit Staunen erfüllen . Es ist die Seele , die da spricht und in ihrer Reinheit und in ihrem Ernste uns mit Bewunderung erfüllt , während spätere Zeiten , von denen Eustach zahlreiche Abbildungen von Bildwerken vorlegte , trotz ihrer Einsicht , ihrer Aufgeklärtheit und ihrer Kenntnis der Kunstmittel nur frostige Gestalten in unwahren Flattergewändern und übertriebenen Geberden hervorbrachten , die keine Glut und keine Innigkeit haben , weil sie der Künstler nicht hatte , und die nicht einmal irgend eine Seele zeigen , weil der Künstler nicht mit der Seele arbeitete , sondern mit irgend einer Überlegung nach eben herrschenden Gestaltungsansichten , weshalb er das , was ihm an Gefühl abging , durch Unruhe und Heftigkeit des Werkes zu ersetzen suchte . Was die Sinnfälligkeit anlangt , so schien mir das Mittelalter nicht nach Vollendung in derselben gestrebt zu haben . Neben einem Haupte , das in seiner Einfachheit und Gegenständlichkeit trefflich und tadellos war , befinden sich wieder Bildungen und Gliederungen , die beinahe unmöglich sind . Der Künstler sah dies nicht ; denn er fand den Zustand seines Gemütes in dem Ausdrucke seines Werkes , mehr hatte er nicht beabsichtiget , und nach Verschmelzung des Sinnentumes strebte er nicht , weil es ihm , wenigstens in seiner Kunsttätigkeit , ferne lag , und er einen Mangel nicht empfand . Darum stellt sich auch bei uns die Wirkung der Innerlichkeit ein , obgleich wir , unähnlich dem schaffenden Künstler des Mittelalters , die sinnlichen Mängel des Werkes empfinden . Dies spricht um so mehr für die Trefflichkeit der damaligen Arbeiten . Es waren recht schöne Tage , die ich mit Eustach in diesen Vergleichungen und diesen Bestrebungen hinbrachte . Ich wurde auch wieder auf die Gemälde alter und längstvergangener Zeiten zurückgeführt . Ich hatte in meiner frühesten Jugend eine Abneigung vor alten Gemälden gehabt . Ich glaubte , daß in ihnen eine Dunkelheit und Düsterheit herrsche , die dem fröhlichen Reize der Farben , wie er in den neuen Bildern sich vorstellt , und wie ich ihn auch in der Natur zu sehen meinte , entgegen und weit untergeordnet sei . Diese Meinung hatte ich zwar fahren gelassen , als ich selber zu malen begonnen und nach und nach gesehen hatte , daß die Dinge der Natur und selber das menschliche Angesicht die heftigen Farben nicht haben , die sich in dem Farbekasten befinden , daß aber dafür die Natur eine Kraft des Lichtes und des Schattens besitze , die wenigstens ich durch alle meine Farben nicht darzustellen vermochte . Desohngeachtet war mir die Erkenntnis dessen , was die Malerkunst in früheren Zeiten hervorgebracht hatte , nicht in dem Maße aufgegangen , als es der Sache nach notwendig gewesen wäre . Wenn ich gleich im einzelnen vorgeschritten war und manches in alten Bildern als sehr schön erkannt hatte , so war ich doch fort und fort