die Thüre überhaupt heute Nacht noch geöffnet wird , « setzte er nachdenkend hinzu . » Schlaft ruhig ! was gehen euch die Geschichten da unten an ! Gute Nacht ! « Damit schlich Herr Sträuber zur Thüre hinaus und schritt leise durch den Gang und die Treppen hinab . Das junge Mädchen im Bette hatte sich halb erhoben und saß da , ein Bild der Angst und des Jammers . Ihr blondes Haar hatte sich aufgelöst und hing über ihr bleiches Gesicht herab , ohne daß sie den Versuch machte , es wegzustreichen . Auch sie hatte drunten verworrene Stimmen und Schritte gehört , hatte das natürlicherweise für eine Gefahr gehalten , die sie bedrohe , und zitterte am ganzen Körper . Erst nachdem Herr Sträuber wieder das Zimmer verlassen , athmete sie tief auf und beruhigte sich etwas . Nanette trat gedankenvoll an das Bett und sagte : » Leg ' dich nur ruhig hin ; an uns denkt heute Niemand mehr . Aber du kannst ein klein wenig auf die Seite rücken , ich will mich auch niederlegen , wir haben Platz genug . Vorher aber will ich das Licht auslöschen . « » Lassen Sie es lieber brennen , « bat das junge Mädchen . » Nein , das ist gegen die Hausordnung , « entgegnete eifrig die Andere , » man sähe drunten vom Hofe das erleuchtete Fenster , und ich möchte um Alles in der Welt keine Ursache zu irgend einer Klage geben . - Nein , gewiß nicht ! « Damit that sie , wie gesagt , drehte die Talgkerze in dem Leuchter um , um sie auszulöschen , warf ihr Oberkleid von sich und legte sich zu ihrer Gefährtin auf das schmale Feldbett , das unter der doppelten Last bedenklich krachte , auch kaum Platz für die beiden bot . Die Mädchen aber behalfen sich so gut wie möglich , theilten sich in die Decke und bald zeigten die tiefen und regelmäßigen Athemzüge des Harfenmädchens an , daß sie ruhig entschlummert sei . Die Andere wollte nicht so bald der freundliche Schlaf in seine Arme nehmen ; wohl preßte sie die Hand auf ihr heftig klopfendes Herz , wohl schloß sie die Augen und suchte mit Gewalt die Erinnerung der vergangenen Tage zu verdrängen , und dann senkte sich auch wohl auf Augenblicke ein leichter Schlummer wie ein durchsichtiger Nebel über sie hin . Doch entrückte er sie nicht der Wirklichkeit : er flog über sie hin , ein leichter , durchsichtiger Hauch , hinter dem schreckliche , hohnlachende Gestalten um so seltsamer ihr Wesen trieben , und den ein tieferer Athemzug , ein lauterer Herzschlag plötzlich durchriß , um wieder auf sie einströmen zu lassen , die schreckliche , fürchterliche Wirklichkeit . - Dann fuhr das Mädchen empor , strich sich angstvoll die Haare aus dem Gesicht und blickte um sich ; doch konnte sie nichts erkennen : die dichteste Finsterniß herrschte in dem Gemach , und nur ein leichter unbestimmter Schein ließ die Stelle ahnen , wo sich die Fenster befanden . Nach wie vor sauste der Wind durch die zerbrochenen Scheiben , er heulte um die Ecke des Gebäudes und durch die winkeligen Höfe . Der einzige freundliche Ton , der an das Ohr des armen Mädchens schlug , war eine mitleidige Glocke , welche die zehnte Abendstunde anzeigte . » O Gott ! noch so früh ! « seufzte sie . Und dann legte sie sich wieder neben ihre Gefährtin hin , bemühte sich , ruhig zu sein , und derselbe schreckliche Zustand zwischen Wachen und Schlafen kam wieder über sie . - Sie hatte jenen Diebstahl in der That begangen , sie floh , man verfolgte sie . Jetzt stand sie an der Dornenhecke , die den kleinen Garten umschloß , wo sie schon so glücklich gewesen ; jetzt sah sie die Blutflecken auf dem weißen Schnee und flog mit den Raben über das Feld hinweg ; aber sie wollten sie nicht unter sich dulden und hackten auf sie los , so daß sie zur Erde niederstürzte und , an allen Gliedern gelähmt , langsam fortkroch . - So bewegte sie sich mühsam dahin , immer ihre Verfolger dicht hinter sich , immer eine Faust in ihrem Nacken , die nach ihr faßte und die mit jedem Pulsschlage näher kam ; und es schien Jahre zu dauern , bis sie die schützenden Mauern erreichte , hinter denen sie sich jetzt befand . - Ah ! endlich einen Augenblick Ruhe ! - Die Nebel um ihr Haupt wurden dichter und dichter , die Gestalten verschwammen im einfachen Grau ; sie schienen von unten herauf zu zerschmelzen : Füße , Körper und Arme all ' der phantastischen Gestalten schwammen weit aus einander und wurden immer undeutlicher , nur die schrecklichen Köpfe waren noch längere Zeit zu erkennen , die Köpfe mit den seltsam lachenden und grinsenden Gesichtern , und vor Allem die unzähligen starren Augen , die sie leuchtend und unverwandt anblickten . - Lange , lange noch sah sie diese Augen durch den Nebel durchschimmern , als die Gesichter schon längst verschwommen waren , zuerst als wirkliche Augen , dann als glänzende Punkte , die langsam zurückwichen , und endlich nur noch lebhafte blaue und grüne Ringe , die zuletzt ebenfalls in Nichts zerflossen . - Fünfunddreißigstes Kapitel . Ein geheimes Gericht . So mochte das Mädchen eine Zeit lang ruhiger geschlummert haben , da fühlte sie im Schlafe , daß Jemand ihre Hand ergriff und daran zog . Augenblicklich erwachte sie , griff um sich , faßte den Arm ihrer Gefährtin ; und als sie an demselben aufwärts tastete , um sich zu überzeugen , daß es auch das Harfenmädchen sei , welches ihr Handgelenk festhielt , bemerkte sie , daß diese es wirklich war , aber daß sie aufrecht neben ihr im Bette saß . - » Was ist ' s ? « flüsterte das junge Mädchen angstvoll . » Stille ! « antwortete Nanette mit