Der Polizeirath wog ihn bedenklich und bemühte sich , durch das dünne Couvert zu lesen ; er unterschied die Worte : Franz Thalheim , ein Fabrikarbeiter . In staatsgefährlichen Zeiten ließ sich am Ende Alles entschuldigen - auch wenn Amalie nicht schwieg - und sie gelobte Schweigen - ein heißgeglühtes Federmesser hob mit leichter Mühe das starke Siegel unverletzt ab . Der Brief enthielt an den befreundeten Redacteur eine Empfehlung Franz Thalheims zum Mitarbeiter , da dieser wahrscheinlich sich in Kurzem ganz der Volksschriftstellerei widmen werde . Es hieß darin unter Anderm : » Sein Bruder und ich halten ihn für vollkommen befähigt zu dem neuen Lebensplan , welchen jener für ihn ausgesonnen . « Der Polizeirath war befriedigt , der Brief ward notirt und wieder vorsichtig versiegelt . Amalie erfuhr den Inhalt nicht , aber sie las es in seinen Mienen , daß sie einen Schritt zu ihrem Ziel gethan . Ehe er mit ihr ein neues Verhör über Gatten und Schwager anstellte , fand er es gerathen , mit Bordenbrücken Rücksprache zu nehmen . Darum ging er . Von dem Geheimrath erfuhr er alles unterdeß Vorgefallene . Anton , der schon seit jener ersten Bekantschaft mit Schuhmacher , als er den Namen Stiefel angenommen , immer als Aufpasser und Berichterstatter in dessen geheimen Sold geblieben war , hatte angezeigt , daß die Brüder Thalheim mehrfach lange Zwiesprache gehabt , daß seitdem Franz sie Alle meide , immer zur Ruhe und Frieden rede , aber daß hinter dieser Maske jedenfalls die rebellischsten Absichten steckten . Daß ferner durch den Tod einer Frau und ihres Kindes unheimliche Stimmung entstanden sei . Da man sich zuletzt vor Anton hütete , so hatte er nicht mit berichten können , was eigentlich wirklich schon Bestimmtes zu fürchten war . Der Polizeirath hatte seinen Verhaftsbefehl gegen Franz schon mit und so sollte er denn in morgendlicher Stille benutzt werden . Am Abend vor diesem Morgen war Gustav Thalheim ahnungslos abgereist . Er hatte den Bruder nicht noch ein Mal sprechen können , ihm aber seinen Plan geschrieben und diesen Brief einem gewissenhaften Diener Waldows zur Besorgung gegeben . Das Geld sollte er sich selbst bei Karl von Waldow holen . Den eröffneten Brief hatte Jaromir auf Elisabeths Bitte geschrieben , welche ihm ihre Unterredung mit Thalheim mitgetheilt hatte . X. Vereinigung » Der Zorn , daß noch der alte Fluch Vom armen Volke nicht gewichen , Daß aus dem großen Lebensbuch Das Wort Despot noch nicht gestrichen ; Dann möge durch Dein Herz wie Gluth Die Thräne Deiner Mutter lodern , Dann gebe Gott Dir Kraft und Muth , Die Schuldner vor Gericht zu fodern ! « Ludwig Köhler . Waldows Diener , um den Brief gewissenhaft zu übergeben , den er von dem Doctor Thalheim erhalten , war auch frühzeitig nach der Fabrik gegangen . Er wußte sich den Tumult nicht zu deuten . Als er endlich näher kam und das Entsetzliche gewahr ward , kamen einige Arbeiter auf ihn zu , fragten ihn , ob er wie sie thun wolle und gegen die Reichen zu Felde ziehen , deren Sclave er ja doch auch nur sei ? Andere verhöhnten sein Tressenkleid , sagten , daß er sich darin wohl gefalle und noch Staat mache mit seiner Sclaverei . Mit Schlägen und Schimpfreden umringten sie ihn . Da schrie der Gemißhandelte laut aus Leibeskräften nach Franz Thalheim . Das rettete ihn , denn Franz war in der Nähe und nahm ihm den Brief ab . Er bat die Andern , den Diener laufen zu lassen , er möge es den Leuten immer erzählen , was hier vorgehe , verborgen könne es doch nicht bleiben . Von Mehreren wie ein Wild gehetzt entfloh der Befreite . Unterdeß hatte Franz den Brief seines Bruders gelesen - erst leuchteten seine Augen - denn es war ihm , als griffen erbarmungslose Hände in sein Herz und rissen es in Tausend Stücke - und um die innere Empfindung im Aeußern nachzuahmen , zerriß er den Brief und streute die Blättchen rings um sich . Noch gestern - wenn er da den Brief erhalten , hätte er seiner Mahnung folgen , fortgehen und irgendwo eine andre Heimath suchen können - für die Kameraden hier konnt ' er ja doch Nichts mehr thun , sein Werk hatte man ihm zerstört und gewehrt und die Kameraden liebten ihn und trauten ihm nicht mehr - hier war sein Geschäft aus . Aber heute konnte er nicht gehen , heute nicht ! Das wäre feige Flucht gewesen ! - Man hatte ihn einkerkern wollen und die Kameraden hatten ihn befreit , das mußte er ihnen vergelten . Jetzt waren sie aufgestanden in wilder , zerstörender Wuth - sie hatten das Entsetzliche gethan und jede nächste Stunde konnte für sie eine entsetzlichere Vergeltung bringen - nun durfte er sie nicht verlassen in der Stunde der Gefahr , da sie ihn nicht verlassen hatten - nun hatte diese Alle eng verbrüdert . Er mußte mit ihnen stehen und fallen , siegen und verderben oder sterben . Das fühlte er klar . Und Pauline ? Welche Gefahren konnten ihr jetzt drohen ? Wer sollte sie schirmen und schützen , wenn nicht er ? » Komm August ! « rief er jetzt , indem er auf diesen zueilte . » Komm ! Da ich das Verderben einmal nicht aufhalten konnte , das jetzt hereingebrochen , so wollen wir ' s auch redlich theilen ! Nur stellt mich nicht hin zur blinden Zerstörung , ich mag nicht kämpfen mit wehrlosen Dingen ! Aber wo Gefahr ist , da laßt mich sein - ich gehöre zu Euch , denn Ihr habt mich frei gemacht , und konnt ' ich Euch im Leben nicht mehr nützen - wollte nun nur Gott , ich könnt ' s mit meinem Tod ! « Ein Wagen näherte sich der Fabrik und wollte durch ein Gedränge von Männern , Weibern und Kindern nach den Wohnhause zu - aber die Menge fiel den Pferden in