. Du weißt , wie ich sie geliebt habe , und wie sehr ich strebte , ihr Herz vor Eindrücken zu bewahren , deren zerstörende Folgen ich dunkel im Voraus ahnete . Tiridates selbst brachte die Trauerbotschaft , er ist hier . Dieser Verlust , seine Anwesenheit , sein Schmerz , die Pflicht der Freundschaft , ihn zu trösten und aufzuheitern - Alles vereinigt sich , um mich mir selbst zu entreißen , und mein Leben aus jenem behaglichen Gleichmuth zu bringen , in dem mir durch neunzehn Jahre so wohl war , den ich mir aus allen Kräften zu erhalten strebte . Agathokles war vermählt . Alle Empfindungen , die um seinetwillen mein Gemüth in irgend eine angenehme oder widrige Spannung brachten , mußten auf Befehl der Vernunft schweigen , jede lebhafte Regung zur stillen Neigung , jede schmerzliche Erinnerung zum stachellosen Andenken an einen entschwundenen Traum werden . Meine Philosophie , oder mein Leichtsinn - - nenne es wie du willst ; was liegt am Namen , wenn nur die Wirkung bleibt ? - war in diesen Bestrebungen schon ziemlich weit gekommen . Der Gedanke , daß ich ihn ohne Rückkehr durch seine eigene Wahl verloren , hob die Unruhe der Ungewißheit auf , kein Räthsel blieb zu lösen , kein Wort , keine Begegnung zu deuten . So hörte sein Bild auf , die Beschäftigung meiner einsamen Stunden zu seyn . Ich verglich mich mit Theophanien , ganz unparteiisch , Bruder , ich versichere dich , und ich fand bei aller Gerechtigkeit , die ihr mein Herz willig widerfahren ließ , daß der Mann , der mit ihr zufrieden seyn konnte , es unmöglich mit mir seyn , unmöglich auf die Dauer mich hätte glücklich machen können . So hatte ich nach und nach mein Herz , das die Vorfälle der letzten Zeit gewaltsam aufgeregt hatten , zu beschwichtigen angefangen . Es ward wieder stille in mir , und ich saß eben vor mehreren Tagen am Rahmen , um einen Schleier für Theophanien zu sticken , und ihr so alle die zarten Aufmerksamkeiten und Gefälligkeiten zu vergelten , womit sie mich überhäuft , mir die schönsten Blumen , die schönsten Früchte ihrer Villa schickt , als plötzlich die Vorhänge meines Gemachs sich rauschend theilten , und ein Mann in schimmernder orientalischer Kleidung , von einer großen Anzahl eben so glänzender Sclaven gefolgt , die im Vorsaale standen , in mein Zimmer trat . Ich sprang auf , ich erkannte den Fremden nicht sogleich . Da eilte er auf mich zu : Sie ist todt ! - rief eine schmerzliche bekannte Stimme , und ich sah mich in Tiridates Armen . Sie ist todt ! wiederholte er noch einmal , riß sich schnell los , warf sich auf das Ruhebett , verbarg das Gesicht in die Kissen , und schluchzte laut auf . Ich begriff nun , was diese plötzliche Erscheinung bedeutete . Sulpicia hatte geendet , und ihr unglücklicher Gemahl hatte nicht vermocht , an dem Orte zu bleiben , wo ihn Alles an seinen Verlust erinnerte . Mein Herz war von einer Menge schmerzlicher Empfindungen auf einmal ergriffen . Sulpiciens Tod , Tiridates Erschütterung , die Erinnerung an so manche vergangene Tage , wo ich den , der nun tief gebeugt , schluchzend , unglücklich vor mir lag , in allem Schimmer seines Standes , in königlichem Wirken , in frohem Lebensmuthe gesehen hatte , preßte meine Brust gewaltsam , und nur ein Thränenstrom machte meiner Beklemmung Luft . Als er mich weinen hörte , richtete er sich auf , und - o mein lieber Bruder , wie unwiderstehlich war er in seinem Schmerze ! Das sprühende Feuer seiner Augen brach schön gemäßigt durch einen Schleier von Thränen , die üppige Jugendfülle seiner Züge war verschwunden , seine Farbe war blasser geworden , und der Ausdruck des tiefsten Kummers erhöhte auf eine wunderbare Art die Bedeutenheit dieser edlen Formen . Denke dir noch dazu die prächtige orientalische Kleidung , die Gehänge von den kostbarsten Steinen über die Brust , den breiten majestätischen Kopfputz von blendendweißem Stoffe mit schimmernden Edelsteinen aufgebunden , diese Tracht , die so sehr gemacht scheint , eine edle Gestalt noch edler zu zeigen - ich war so überrascht , so seltsam bewegt , daß ich eine Weile stumm und weinend vor ihm stand . Er nahm meine Hand . Ach , wer hätte das gedacht , fing er endlich aus tiefer Brust an , als ich vor einem Jahre mit ihr aus Italien entfloh ! So hatte endlich sein Schmerz Worte gefunden . Ich war froh darüber , ich setzte mich an seine Seite , er erzählte mir von unserer Verlornen , den Gang ihrer Krankheit , die letzten Stunden , die letzten Worte meiner theuren Sulpicia . Meine Thränen begleiteten oft seine Erzählung , aber die seinigen hatten aufgehört zu fließen , und ich sah mit Freuden , daß diese ungestörte Ergießung sein Herz erleichtert hatte . Seit dem bringt er fast alle Stunden , die ihm seine Verhältnisse , sein Aufenthalt am Hofe übrig lassen , wo ihn Diocletian mit ausgezeichneter Pracht und Freundschaft empfangen hat , bei uns , oder eigentlich bei mir zu . Wir waren gestern , von meinem Vater begleitet , in Synthium . Der erste Anblick seines Freundes , den er seit seinem Verlust nicht gesehen hatte , erweckte seinen Schmerz wieder , und das Glück der beiden Gatten , Theophaniens Gestalt , die ihren Gemahl zu Hoffnungen berechtigt , welche dem kindlosen letzten Fürsten seines Stammes so unendlich wichtig wären , erinnerten ihn schmerzlich an sein zerstörtes Glück . Doch richtete sich sein Geist auch diesmal mächtig auf . Die Freude , Agathokles so glücklich zu wissen , und anziehende Gespräche zerstreuten ihn angenehm . Ich finde , daß seitdem seine Heiterkeit mit jedem Tage zunimmt , und das Bild der trüben Vergangenheit je mehr und mehr in Schatten zurücktritt . Das ist ' s auch eigentlich , was ein vernünftiger Mann thun soll