dreizehn Monate der Haft schienen ebensoviele Jahre für ihn gewesen zu sein . Haar und Bart waren weiß geworden , und sein Antlitz zeigte unauslöschliche Spuren der Leiden , die Kerker , Krankheit und vor allem das Schicksal seines Volkes über ihn verhängt hatten . Es war ein energischer , lebenskräftiger Mann gewesen , der vor kaum einem Jahr hier in Wilicza Abschied nahm – jetzt kehrte ein Greis zurück , dessen äußere Erscheinung schon seine Gebrochenheit verriet . Die Fürstin , welche neben dem Bruder stand , merkte zuerst den Eintritt ihres Sohnes und ging ihm entgegen . » Kommst du endlich , Waldemar ? « sagte sie im Tone des Vorwurfs . » Wir glaubten schon , du wolltest dich uns ganz entziehen . « » Ich wollte euer erstes Wiedersehen nicht stören , « erwiderte er zögernd . » Bestehst du noch immer darauf , ein Fremder für uns zu sein ? Du bist es lange genug gewesen . Mein Sohn , « – die Fürstin streckte ihm plötzlich in tiefster Bewegung beide Arme entgegen – » ich danke dir . « Waldemar lag in den Armen der Mutter , zum erstenmal wieder seit seiner Kinderzeit , und in dieser langen , innigen Umarmung versanken die Jahre der Entfremdung und Bitterkeit , versank alles , was sich je kalt und feindselig zwischen sie gestellt hatte . Auch hier war eine unsichtbare und doch so unheilvolle Schranke niedergerissen . Sie hatte lange genug zwei Menschen getrennt , die durch die heiligsten Bande des Blutes einander angehörten . Der Sohn hatte sich endlich die Liebe seiner Mutter erobert . Der Graf erhob sich jetzt auch und bot seinem Vetter die Hand . » Danke ihm immerhin , Jadwiga ! « sagte er . » Ihr wißt noch nicht , was er alles für mich gewagt hat . « » Das Wagnis war nicht so groß , wie es schien , « lehnte Waldemar ab . » Ich hatte mir zuvor die Wege geebnet . Wo Gefängnisse sind , ist auch Bestechung möglich . Ohne diesen goldenen Schlüssel wäre ich nie bis ins Innere der Festung gedrungen , und noch weniger wären wir beide wieder hinaus gelangt . « Wanda stand neben ihrem Vater , dessen Arme sie noch immer festhielt , als fürchte sie , er könne ihr wieder entrissen werden . Sie allein hatte noch kein Wort des Dankes gesprochen , nur ihr Blick war Waldemar entgegengeflogen , als sie sich bei seinem Eintritt umwandte , und dieser Blick mußte ihm wohl mehr gesagt haben , als alle Worte . Er schien zufrieden damit und machte keinen Versuch , sich ihr direkt zu nähern . » Noch ist die Gefahr nicht ganz überstanden , « wandte er sich wieder an den Grafen . » Wir haben es ja leider schwarz auf weiß in Händen , daß Ihnen auch hier die Verhaftung und Auslieferung droht . Für den Augenblick freilich sind Sie sicher in Wilicza . Frank hat versprochen , uns als Wachtposten zu dienen , und Sie bedürfen auch dringend einige Stunden der Ruhe , aber morgen früh müssen wir weiter nach S. « » Ihr wollt also nicht den direkten Weg nach Frankreich oder England nehmen ? « fragte die Fürstin . » Nein , das dauert zu lange , und gerade auf diesem Weg wird man uns vermuten ; wir müssen versuchen , so schnell wie möglich die See zu erreichen . S. ist der nächste Hafen und morgen abend können wir bereits dort sein . Ich habe alles vorbereitet ; schon seit vier Wochen liegt ein englisches Schiff dort , über das ich mir die alleinige Verfügung gesichert habe , und das jeden Augenblick bereit ist , in See zu gehen . Es bringt Sie vorläufig nach England , mein Oheim . Von dort aus stehen Ihnen ja Frankreich , die Schweiz , Italien offen , gleichviel , wo Sie Ihren Aufenthalt wählen . Einmal auf hoher See , sind Sie gerettet . « » Und du , Waldemar ? « – der Graf gab seinem ältesten Neffen auch das Du , das er so lange nur dem jüngeren zugestanden . » Wirst du deine Kühnheit nicht noch büßen müssen ? Wer weiß , ob das Geheimnis meiner Flucht streng bewahrt bleiben , wird – es wissen zu viele darum . « Waldemar lächelte flüchtig . » Ich habe allerdings diesmal meine Natur verleugnen und an allen Ecken und Enden Vertraute haben müssen ; es ließ sich nicht anders durchführen . Zum Glück sind es sämtlich Mitschuldige – sie können nichts verraten , ohne sich selbst preiszugeben . Die Befreiung wird man aber unbedingt meiner Mutter zuschreiben , und wenn in Zukunft wirklich einmal Vermutungen und Gerüchte über die Wahrheit auftauchen , nun so leben wir ja auf deutschem Boden . Hier ist Graf Morynski weder angeklagt , noch verurteilt worden , und hier wird seine Befreiung also auch nicht als Verbrechen gelten . Man wird es begreifen , daß ich , trotz allem , was uns politisch trennt , die Hand zur Rettung meines Oheims bot , wenn man erfährt , daß er auch – mein Vater geworden ist . « In dem Antlitz Morynskis zuckte etwas auf bei dieser Mahnung , was er vergebens zu unterdrücken versuchte , ein Schmerz , dessen er nicht Herr zu werden vermochte . Er wußte ja längst um diese Liebe , die ihm wie seiner Schwester so lange als ein Unglück , ja beinahe als ein Verbrechen erschienen war . Auch er hatte sie mit allen Mitteln bekämpft , die ihm nur zu Gebot standen , und noch in der letzten Zeit versucht , Wanda davon loszureißen ; er hatte es geduldet , daß sie sich entschloß , mit ihm in ein fast sicheres Verderben zu gehen , nur um diese Verbindung zu hindern . Es war ein schweres Opfer , das er den nationalen Vorurteilen , dem alten Nationalhaß abrang , der so lange die Richtschnur