die Kappe über das vergrämte Gesicht gezogen und sich davon geschlichen . Der Doktor zog das junge Mädchen näher an sich , ehe er die Mauerpforte öffnete . “ Mir ist , als führte ich Sie in die Verbannung , ” sagte er zögernd und gepreßt . “ Sie sollten mir den Schmerz nacht machen , Sie gerade heute in dieser dunklen schweren Stunden allein zu wissen . Kommen Sie mit mir ! Die Tante wäre überglücklich , Sie aufnehmen und mütterlich verpflegen zu dürfen . ” “ ' Nein , nein ! ” stieß sie hastig heraus . “ Glauben Sie ja nicht , daß ich mich nutzlosem Jammer leidenschaftlich hingebe , wenn ich allein bin -- ich habe nicht einmal Zeit dazu , und ich will auch nicht . Ich muß dort ” -- sie zeigte nach dem Bogenfenster , wo jetzt hinter dem Kattunvorhange ein matter Lampenschein aufdämmerte – “ sofort als Trösterin eintreten . Die vier armen Menschen sind auf meine Kraft , meinen Beistand angewiesen . ” “ Liebe , liebe Käthe ! ” sagte er und zog mit beiden Händen ihre Rechte gegen seine Brust . “ So gehen Sie denn in Gottes Namen ! Ich würde es für eine schwere Sünde halten , Sie zu beirren , die Sie so tapfer den harten , aber unfehlbaren Weg zur Ueberwindung unfruchtbaren Schmerzes wählen . Seien Sie aber in der ersten Zeit nicht ebenso streng gegen sich als Rekonvaleszenten ! Tragen Sie die schützende Binde noch einige Tage auf der verheilenden Wunde , dann fort damit ! Und nun : zu Ostern , wenn die letzten Winteruebel fliehen , wenn Schnee und Eis thauen , dann gehen auch die Menschenherzen auf ; zu Ostern , da komme ich wieder . Bis dahin gedenken Sie eines Fernen , eines sehhsüchtig harrenden , und lassen Sie Verleumdung und Mißtrauen nicht zwischen uns treten ! ” .. Nie ! ” Dieses eine Wort brach fast wie ein Aufschrei aus ihrer Brust . Sie entzog ihm die Hand , die er an seine Lippen preßte ; dann rasselte die Mauerthür hinter ihr zu . Sie that keinen Schritt vorwärts , an die laue , feuchte Mauer gedrückt , und das Gesicht in den Händen vergraben , horchte sie athemlos auf seine verhallender Tritte . Was war Heuriettes Sterber gewesen gegen die Qualen ihres wildschlagenden Herzens , das weiterleben mußte ! Sie lauschte , bis die weiche Nachtluft lautlos an ihr vorüberstrich ; dann ging sie starren , thräuenlosen Auges in das Haus , um ihre Mission als Trösterin und Versorgerin zu beginnen . Drei Tage später , sofort nach Henriettens Beerdigung , verließen Doktor Bruck und die Tante Diakonus die Residenz . Ihn hatte Käthe nicht wieder gesehen , aber die Tante war wiederholt stundenlang bei ihr gewefen . An demselben Tage reiste auch Flora in Begleitung der Präsidentin ab . Die alte Dame begab sich in ein stärkendes Bad , und Flora ging nach Zürich , wo sie , wie man sich in der Resideuz erzählte , behufs medizinischer Studieu eine Zeitlang leben wollte . 29. Mehr als ein Jahr war vergangen seit jenem Märztage , wo Käthe Mangold , die Enkelin und einzige Erbin des reicher Schloßmüllers , auf dem Fahrwege von der Stadt her geschritten war , um sich im Hause ihres Vormundes in ihrer neuen Eigenschaft als “ Goldfisch ” vorzustellen . Wer jetzt , von der mit eleganten Villen besetzten Chaussee abbiegend , diesen Weg betrat , der sah rechts , und zwar ebenfalls an der Chausseelinie hin , eine Reihe hübscher kleiner Häuser liegen ; sie gehörte den Arbeitern der Spinnerei und stand im ehemaligen Mühlengarten , auf dem Grund und Boden , den Käthe ihren Vormund für die Leute abgetrotzt hatte . Und die Bewohnner der Residenz gingen so gern da vorüber . Früher hatte sich hier die alte , dicke , das Mühlengrundstück begrenzende Mauer aufgethürmt -- in ihrem tiefen Schatten war der Fußsteig selten trocken geworden ; er war als grundlos verrufen gewesen . Nun dehnte sich hier plötzlich einre aumutige , mit Kugelakazien bepflanzte Promenade hin . Die kleinen Häuser sahen so nett und holländisch sauber aus mit ihrem fleckenlosen Oelanstriche , der luftigen Veranda neben der Hausthür und dem schmalen Vorgarten , der schon im Herbst mit allerlei Reisern schönblühender Gebüsche besetzt worden war . Die Schloßmühle lag hinter ihnen , altersdunkel , stolz in ihrer Ehrwürdigkeit , aber auch abgewendet mit ihren Fenstern , als zürne sie , daß man ihrem grünen Gartenmantel diesen modernen Saum angeflickt habe . Sie selbst hatte sich keiner Veränderung unterworfen ; nur die alte , halbverwischte Sonnenuhr war aufgefrischt und die kleine Thür nach dem anstoßenden Parke zugemauert worden . Die Schloßmühle stand in keiner Beziehung mehr zu dem ehemaligen Besitz der verblichenen Ritter vou Baumgarten die ihr vor Zeiten den herrschaftlich klingenden Titel verliehen hatten . Aber der tosende Lärm , das klopfende Herz in dem ehrwürdigen Bau des Mittelalters klang in verjüngter , erhöhter Kraft , und der in den Mühlhof mündende Fuhrweg war befahrener als je ; das “ herrenlose Geschäft ” ruhte in starken sicherer Hand und wurde mit klugem Blicke geleitet . Käthe hatte Glück gehabt bei ihrem Unternehmen . Sie hatte für die Mühle einen braven , sachkundigen Geschäftsführer gefunden , und in der Buchführung stand ihr der gänzlich verarmte Kaufmann Lenz zur Seite . Als Lehrling war sie in dem Komptoir eingetreten , das sie in der Mühle geschaffen , aber bei ihren bedeutenden Schulkenntniffen , ihrem scharfen , klaren Urtheil und Ueberblick war sie ihrem Lehrer und Meister binnen Kurzem ebenbürtig geworden . Sie arbeitete in der That , “ Tag für Tag ” wie ein Mann -- das Geschäft wuchs und erweiterte sich in rapider Weise und zeigte sehr bald Erfolge , wie sie selbst der Schloßmüller nicht errungen hatte . Und das , was sie auf ihrem selbstgewählten rauhen Lebenswege stärkte und ermutigte , waren die zufriedenen Gesichter um sie her