wurde es brennend naß in seinen Augen . Lautlos ergab er sich und ihm war , als begriffe er zum erstenmal in seinem Leben die Schönheit des reinen Dur-Dreiklangs . Es verging noch ein Tag . Er vernahm , wie der alte Jordan über ihm herumging , mit schweren Schritten , unablässig . Es fror ihn , und als Philippine ins Zimmer huschte , bat er sie um eine Decke . Philippine war überaus eifrig , ihm zu willfahren . Da bimmelte das Flurglöckchen . Philippine ging hinaus und öffnete . Vor ihr standen ein Herr und eine Dame . Sie hatten etwas so Vornehmes , daß Philippine nicht wagte , sie zurückzuhalten , als sie zur Tür der Wohnstube schritten , die nicht zugemacht war und durch die man Daniel auf dem Kanapee liegen sah . Daniel schaute den Eintretenden gleichgültig entgegen . Ganz allmählich kamen Sammlung und Erinnerung in seinen Blick . Es waren Eberhard von Auffenberg und seine Kusine , Sylvia von Erfft , die ihn besuchten . Sie waren ein verlobtes Paar . In bedeutenden Umwälzungen seines Lebens stehend , hatte Eberhard erst vor wenigen Stunden vom Tod Lenores Kunde erhalten . Es war ein seltsamer Besuch . Keines von den dreien sprach ein Wort , und Daniel blieb unter seiner Decke regungslos liegen . Nur als Sylvia sich erhob , sagte sie , zu Daniel gewandt : » Ich kannte Lenore nicht , aber es ist mir doch , wie wenn wir Freundinnen gewesen wären . « Eberhard stieß sein Drosselbartkinn in die Luft und war blaß und stumm . Sie kamen an den folgenden Tagen wieder , und nach und nach übte die Gegenwart der beiden einen wohltuenden Einfluß auf Daniel aus . Dritter Teil Das Zimmer mit den verwelkten Blumen 1 Herr Carovius führte den Vorsatz , den er in der Erbitterung über Lenores Heirat gefaßt hatte , wenige Tage später aus . Es war Ende März gewesen ; er hatte erfahren , daß der alte Freiherr eben aus Berlin zurückgekehrt sei . Er ging hin und ließ sich melden . Es wurde ihm gesagt , der Herr Baron empfange niemand , er möge sein Anliegen schriftlich vorbringen . Herr Carovius wollte aber seinem Schuldner Aug in Auge gegenübertreten , das war ja gerade sein Traum , und als er bei einem zweiten Versuch wieder abgewiesen wurde , machte er einen gewaltigen Lärm und verlangte , man solle ihn dann wenigstens zur Freifrau führen . Die Freifrau hatte ihre Musikstunde . Die fünfzehnjährige Dorothea Döderlein , die eine hoffnungsvolle Virtuosin auf der Geige war , spielte mit der Freifrau Sonaten . Andreas Döderlein hatte ihr Talent schon früh erkannt . Seit ihrem zehnten Jahr hatte sie täglich sechs Stunden üben müssen . Sie hatte verschiedene Lehrer gehabt , die sie alle durch ihre Ungebärdigkeit zur Verzweiflung brachte . Nur vor ihrem Vater duckte sie sich . Mit Worten voll objektiver Anerkennung hatte Andreas Döderlein der Freifrau seine Tochter empfohlen . Die Freifrau erklärte sich bereit , mit ihr zu musizieren , und Andreas Döderlein sagte zu Dorothea : » Du hast nun eine Gelegenheit , durch Protektion emporzukommen ; versäume sie nicht . Die Baronin liebt das Gefühlvolle . Sei gefühlvoll . Manchmal verlangt sie etwas Dämonisches . Tu ihr den Willen . Nach Art reicher Leute hätschelt sie irgendeinen Luxuskummer . Störe sie darin nicht . « Dorothea war gelehrig . Sie spielten die Frühlingssonate von Beethoven , als der Lärm auf dem Vorplatz erscholl . Die Zofe kam und flüsterte ihrer Herrin etwas zu . Die Freifrau erhob sich und schritt zur Türe , Dorothea ließ den Geigenbogen sinken und blickte mit etwas erkünstelter Verwunderung um sich , als erwache sie aus einem Traum . Auf einen Wink der Freifrau gab der alte Diener Herrn Carovius den Weg frei . Mit rotem Gesicht trat er ins Zimmer und machte einen lächerlichen Kratzfuß . Seine Augen verschlangen die seidenen Portieren , den geschliffenen Spiegel , die Kristallvasen , die Bronzefiguren , dabei hatte er den rechten Arm in die Hüfte gestemmt , ein Bein elegant vor das andere gesetzt und sah aus wie ein Provinztanzmeister . Er schimpfte über die Anmaßung der Domestiken und versicherte die Freifrau seiner Ehrerbietung . Er sprach von seinem guten Willen und vom Druck der Umstände . Als ihn die ungeduldige Miene der Zuhörerin endlich veranlaßte , auf den Zweck seines Besuches zu kommen , zuckte die Freifrau zusammen , denn von dem ganzen Schwall von Worten vernahm sie nichts weiter als den Namen ihres Sohnes . Mit hauchenden Lauten näherte sie sich Herrn Carovius und packte ihn beim Ärmel . Ihre glanzlos schwarzen Augen wurden kugelrund , der flehentliche Blick darin war Balsam für Herrn Carovius . Da genoß er sich ; da wurde er frech ; da wollte er sich an der Mutter für die Hoffart des Sohnes rächen . Er sah , daß die Freifrau der Vorstellung nicht entsprach , die er sich vom Wesen einer Aristokratin gemacht . In seiner Phantasie und Erinnerung lebte sie als eine gebieterische und unzugängliche Erscheinung , nun stand vor ihm eine fette , ängstliche alte Dame . Infolgedessen verlieh er seiner Stimme einen schrilleren Klang , seinem Gesicht einen boshafteren Ausdruck , als er die unglückliche Lage zu schildern begann , in die er durch Eberhard geraten . Seine Gutmütigkeit sei an allem schuld . Freilich , ohne ihn hätte das Barönlein verhungern oder sonstwie im Elend verkommen müssen , denn mit der moralischen Widerstandskraft sehe es bei dem jungen Herrn windig aus . Aber was habe er davon gehabt ? Undank , bitteren Undank . » Hat mich ausgeplündert bis auf den letzten Heller und dann so getan , als wär ' s meine verdammte Pflicht gewesen , für Seine freiherrliche Gnaden ins Feuer zu springen , « schrie Herr Carovius . » Ehedem war ich ein vermöglicher Mann , ein Mann , der sich sattessen konnte , ein Mann , der hin und wieder die