manchem Auge tropfte langsam , widerwillig jene Manneszähre , die an Leid schwerer ist als zahllose Frauentränen . Viele aber weinten nicht . Das alte Mütterchen und die schöne , vornehme Frau waren darunter . » Hab ' nur keine Bange , mein Hanseken , « sagte die eine , » ich halt ' gut aus , werd ' auch den Hühnerstall selber machen und - und deinen Cäsar und deine Karnickel füttern . « - Die andere sagte nichts als : » Lebe - wohl ! « in jedem Wort lag ihre ganze Seele . Und dann setzte sich die lange Kette der Wagen , gefüllt mit der Kraft und der Hoffnung des Volkes , in Bewegung . Von den Zurückbleibenden winkten welche , so lange sie noch einen Schatten von ihnen sehen konnten , andere standen erstarrt auf demselben Fleck , als sie längst verschwunden waren ; einige stürzten fort , kaum , daß der Zug anzog , mit beiden Händen vor dem Gesicht . Die Vielen aber schlichen davon wie eine graue Wolke , die schwermütig über den Abendhimmel zieht , den Tag verdunkelnd , noch ehe es Nacht wurde . » Ja sagen zum Schicksal - auch dann ! « sagte Konrad zu sich selbst , gewaltsam die mitfühlende Trauer von sich schüttelnd , » denn der Pflug muß die Erde durchwühlen , damit sie neue Frucht trage . « Wenige Minuten später fuhr er zu Else hinaus . Wie eine Alm auf der Höhe , fernab vom Lärm der Welt und von den Nebeln der Tiefe war der Abend bei Else und seinem Sohn . Von Hochseß und dem , was dort ihrer wartete , sprach er mit ihr ; von den Vätern und der Burg seines Geschlechts erzählte er dem aufhorchenden Knaben . Als er der Stadt wieder zufuhr , war seine Seele voll Frieden . Am nächsten Morgen wurden Konrad und Else in der alten Dorfkirche , die geduckt unter den hohen Linden liegt , getraut . Fern waren ihrer beider Seelen vom frommen Kinderglauben dieser Stätte , aber tiefes Bedürfnis war es ihnen gewesen auch unter den Zeichen , die ihnen nur ehrwürdiges Symbol des Heiligsten , stammelnde Laute für das Unnennbare waren , eins zu sein mit ihrem Volke . Und bedurfte es sonst der feierlichen Worte , des erhebenden Gesangs , um solch einer Stunde die Weihe zu geben , so waren heute die Herzen so erschlossen , die Seelen so erhoben , daß die schlichte Formel zur ergreifenden Predigt wurde . Für den Abend desselben Tages hatte Else ihre Abreise vorbereitet , der erprobten Dienerin die letzte Regelung ihrer häuslichen Angelegenheiten überlassend . Konrad schien nicht zur Ruhe zu kommen , ehe er den Knaben in der Hut von Hochseß , und Hochseß erfüllt wußte vom Dasein des Sohnes . Und sein unausgesprochenes Empfinden , das Else rasch erriet , kam ihrem Wunsche entgegen . Das Wiedersehen mit ihm hatte den Tempel der Ruhe , den sie in jahrelangem Ringen Stein für Stein um sich errichtet hatte , jäh zusammengerissen . Schwer genug war es ihr geworden , als sie damals von ihm ging , aber gräßlicher als jeder Abschied war diese Trennung im Vereinigtsein . Sie hatte kurze , helle Stunden , in denen die Hoffnung sie beherrschte , ihn wieder zu gewinnen , und lange , immer längere , die es ihr zur Gewißheit machten , daß es unmöglich war . Sie fühlte sich am Ende ihrer Kraft . Und fürchtete doch mit allen Qualen der Verzweiflung den Abschied , - diesen Abschied ! Sie war in diesen Tagen blaß und schmal geworden , und in tiefer Bewegtheit küßte Konrad , als er sie aus dem kleinen Hause hinausgeleitete , das ihre Zuflucht gewesen war , ihre müden , übernächtigen Augen . Des Kindes freudig erregtes Geplauder half ihnen über die letzten Stunden hinweg . Es kannte noch keine Furcht vor den Rätseln der Zukunft , kein Trennungsweh . Und auch Konrads Seele war so erfüllt von starkem Lebensgefühl , daß er von seiner Heimkehr aus dem Kriege wie von etwas sprach , an dem zu zweifeln nicht möglich wäre . » Daß du mir nicht allein in die Höhlen kriechst , « mahnte er mit scherzend erhobenem Zeigefinger , » denn zum Schlosse des Zwergenkönigs findest du nur mit mir den Weg . Und auch auf dem Fuchs mit der weißen Blässe werde ich dich erst reiten lehren - wenn ich dir nicht lieber ein kleines Russenpferdchen mitbringe . Paß nur auf , wie wir dann über die Felder fliegen ! « Jauchzend klatschte das Kind in die Hände . Else stand dabei ; nur mit fest zusammengepreßten Lippen meinte sie den Schrei zurückhalten zu können , der sich immer ungestümer ihrer Seele entreißen wollte . » Du wirst es sehr schwer haben , Else , « sagte Konrad mit einem warmen mitleidigen Blick auf ihr verhärmtes Gesicht . » Kann es noch etwas geben , das schwer ist ? ! « antwortete sie . Sie reichten einander zum Abschied die Hand , fast wie Fremde . Dann stieg sie ins Coupé . Der Knabe stand allein am Fenster , grüßend und winkend ; Konrad verfolgte bis zuletzt mit zärtlichen Blicken sein blondes Köpfchen , - daß der Elsens fehlte , hatte er nicht einmal bemerkt . Und sie , die sich tief in den jenseitigen Sitzwinkel gedrückt hatte , wußte es . In der Nacht danach schlief Konrad ruhig und traumlos . Als er erwachte , stand die Sonne hoch am Himmel ; nur langsam kehrte er zur Wirklichkeit zurück , ihm schien , als sei er sehr , sehr weit weg gewesen . Er erinnerte sich , daß dies hier sein letzter Tag war ; ein tiefes Gefühl von Andacht kam über ihn . Und als er sich schließlich unten im Strome der Menschen wiederfand , waren sie alle wie Kirchgänger an einem jener seltenen großen Feiertage , wo auch der ärmste Sklave des