Er reichte es dem Herzle und sprach : » Nimm du es hin , wie unsere Nscho-tschi ! Sie spreche jetzt zu uns aus deinem Munde ! « Das war eine große Ehre . Ich freute mich darüber , doch nicht ohne eine kleine Bangigkeit . Sie sollte sprechen ! Was würde sie sagen ? Und sie sollte rauchen ! Den scharfen , mit Sumach vermischten Tabak ! Sie hatte nur ein einziges Mal in ihrem Leben geraucht , zum Scherz , eine halbe Zigarette . Sie schaute mich an und las in meinen Augen die Warnung : » Herzle , ich bitte dich um Gottes willen , blamiere mich nicht etwa ! « Sie aber lächelte zuversichtlich , nahm die Pfeife , stand auf und sprach : » Ich liebe Nscho-tschi die Tochter der Apatschen . Ich kam an ihr Grab und betete . Da fühlte ich , daß es kein Grab , kein Tod , keine Leiche sei . Nur Ueberflüssiges verwest ; alles andere aber bleibt . So wie sie , schwand auch dein Volk ; seine Seele aber blieb . Und , seid ihr stark genug , so wird sie sich den neuen , herrlichen Körper schaffen , der ihr schon längst gebührte . Gib mir dein Herz , o Tatellah-Satah ; das meinige ist schon dein eigen ! « Sie tat mutig alle sechs Züge und gab die Pfeife dann zurück . Als sie sich wieder niedersetzte , hatte sie feuchte Augen ; aber es war nicht zu unterscheiden , ob es die Rührung oder eine Folge des Tabaks war . Hierauf bekam auch der » junge Adler « das Kalumet . Er erhob sich und sprach : » So weit die Erde reicht , ist jetzt eine große Zeit . Doch ist diese Zeit nicht vollendet ; sie steht nur erst im Werden . Sie ist noch jung ; sie hat sich zu entwickeln , und wir mit ihr . Die Menschheit steigt zu ihren Idealen auf . Steigen auch wir ! Bleiben wir nicht unten , wie bisher ! Schon regt der junge Adler seine Schwingen . Fliegt er dreimal um den Berg , so fährt der rote Mann aus dem Scheintode auf , und der Tag , der ihm gehört , bricht heran ! « Auch er tat die vorgeschriebenen sechs Züge und gab das Kalumet dann an den » Bewahrer der großen Medizin « zurück . Dieser hatte es langsam auszurauchen , ohne daß weiteres dabei gesprochen wurde . Hierauf war die Zeremonie vollendet . Tatellah-Satah geleitete uns nach dem erstbeschriebenen , großen Raume mit den vielen Friedenspfeifen . Da zeigte er auf einen dort wartenden , riesenhaften Indianer und sagte : » Das ist Intschu-inta25 , euer Diener . Er wird euch nach eurer Wohnung führen . Er sagt euch alles , was ihr wissen wollt . Er war der Liebling Winnetous . Sei er nun auch der eurige ! Nur einmal bitte ich euch , meine Gäste auch beim Essen zu sein , nur heut am ersten Tage , in einer Stunde ; dann aber seid ihr stets und in allem frei , könnt aber zu mir kommen , so oft es euch beliebt . « Er reichte uns die Hand und zog sich dann zurück . Wir gingen zunächst nach dem Hof hinab , wo wir unsere Pferde gelassen hatten . Da stand aber nur der Hengst des » jungen Adlers « und das Maultier , welches sein Paket trug . Er stieg auf und ritt davon , hinauf nach dem Wachtturm , der ihm zur Wohnung angewiesen war . Unsere Pferde und Maultiere waren , wie wir von Intschu-inta erfuhren , von Pappermann nach unserm Quartier geführt worden , wohin wir ihnen jetzt nachfolgten . Intschu-inta war , wie bereits gesagt , ein wahrer Hüne von Gestalt , gewiß schon über 60 Jahre alt , doch von noch jugendlicher Rüstigkeit . Ein wahrheitsliebender , treuer , stolzer Charakter . Wenn er als unser » Diener « bezeichnet worden war , so war er das freiwillig . Es hatte nichts mit dem Begriff der Unterordnung , der Gehorsamleistung zu tun . Er war trotzdem in jeder Beziehung sein eigener , selbständiger Herr . Er führte uns durch die schon erwähnten Tore nach dem zweiten , dritten vierten , fünften und sechsten Innenhof . Das dort stehende Gebäude war für uns bestimmt , ganz allein nur für uns . » Es ist Winnetous Haus , « erklärte uns das » Gute Auge « . » Wohnte er da ? « fragte ich . » Stets , so oft er kam , « antwortete der Diener . » Die Räume , in denen Old Shatterhand wohnen wird , sind noch ganz genau so , wie sie von Winnetou verlassen wurden , als er zum letzten Male hier war . Wenn Intschu-tschuna kam , wohnte er bei seinem berühmten Sohne . Und ebenso Nscho-tschi . Unsere weiße Schwester wohnt in den Stuben , welche von der schönen , gütigen Schwester Winnetous bewohnt worden sind . « Auch dieses Gebäude hatte Balkone vor den schmalen Schartenöffnungen der Mauerfronten . Infolge der hohen Lage mußte es da einen noch weiteren Fernblick geben als unten bei Tatellah-Satah . Unsere Pferde und Maultiere waren in einem stall- oder schuppenartigen Nebengebäude untergebracht . Wir aber stiegen die Treppe zu den Wohnräumen empor und gelangten da zunächst in eine große , indianisch ausgestattete Stube , in welcher hohe Tongefäße zum Waschen standen . Es gab da zahlreiche Sitze verschiedener Art und auch eine Platte mit Friedenspfeifen . » Das ist der Empfangssalon , « lächelte das Herzle . Die Wände waren mit allerlei Waffen ausgestattet . Ich sah einige Messer , Pistolen und Flinten , die ich kannte . Sie hatten Jagdgenossen von uns gehört . Der Diener führte uns durch das ganze Gebäude . Es hätte bequemen Raum für 30-40 Gäste gehabt , und ich müßte mehrere Druckbogen füllen , um die Einrichtung und Ausstattung auch