Caspar vernachlässigte plötzlich sein Amt . Auf Vorhaltungen entgegnete er : » Ich bin der dummen Schreiberei überdrüssig . « Was ihm von den maßgebenden Personen höchlichst verübelt wurde . Der von Hickel neuaufgenommene und für die Dauer seiner Abwesenheit streng unterwiesene Bursche ward gleich zu Anfang so lästig , daß sich Frau von Kannawurf beim Hofrat Hofmann darüber beschwerte . Weniger aus Einsicht als um der schönen Frau gefällig zu sein , gestattete der Hofrat , daß Caspar seine Spaziergänge mit ihr allein unternehme . » Hoffentlich entführen Sie mir den Hauser nicht « , sagte er mit seinem fiskalisch-schlauen Lächeln zu der Sprachlosen . Nun aber machte wieder Quandt Schwierigkeiten . » Ich bestehe auf meiner Instruktion « , war sein eisernes Sprüchlein . Eines Morgens erschien daher Frau von Kannawurf in der Studierstube des Lehrers und stellte ihn kühn zur Rede . Quandt konnte ihr nicht ins Gesicht sehen ; er war vollkommen verdattert und wurde ab wechselnd rot und blaß . » Ich bin ganz zu Ihren Diensten , Madame « , sagte er mit dem Ausdruck eines Menschen , der sich auf der Folter zu allem entschließt , was man von ihm haben will . Frau von Kannawurf schaute sich mit gelassener Neugier im Zimmer um . » Wie verhalten Sie sich eigentlich innerlich zu Caspar ? « fragte sie auf einmal . » Lieben Sie ihn ? « Quandt seufzte . » Ich wollte , ich könnte ihn so lieben , wie seine achtungswerten Freunde glauben , daß er es verdient « , antwortete er meisterhaft verschnörkelt . Frau von Kannawurf erhob sich . » Wie soll ich das verstehen ? « brach sie leidenschaftlich aus , » wie kann man ihn nicht lieben , ihn nicht auf Händen tragen ? « Ihr Gesicht glühte , sie trat dicht vor den erschrockenen Lehrer hin und sah ihn drohend und traurig an . Doch sie besänftigte sich schnell und sprach nun von andern Dingen , um den ihr erstaunlichen Mann besser kennenzulernen . Ihr war jeder Mensch ein Wunder und fast alles , was Menschen taten , etwas Wunderbares . Deshalb erreichte sie selten ein vorgesetztes Ziel . Sie vergaß sich und überschritt die Grenze , die ein oberflächlicher Verkehr bedingt . Quandt ärgerte sich nachher gründlich über seine nachgiebige Haltung . Was mag denn da wieder dahinter stecken ? grübelte er . So oft die kleinen Briefchen von Frau von Kannawurf an Caspar kamen , öffnete er und las sie , ehe er sie dem Jüngling gab . Er brachte nichts heraus ; der Inhalt war zu unverfänglich . Wahrscheinlich verständigen sie sich in irgendeiner Geheimsprache , dachte Quandt und stellte gewisse wiederkehrende Phrasen zusammen in der Hoffnung , damit den Schlüssel zu finden . Caspar wehrte sich gegen diese Eingriffe , worauf Quandt ihm mit ungewöhnlicher Beredsamkeit das Recht der Erzieher auf die Korrespondenz ihrer Pfleglinge bewies . Schließlich bat Caspar seine Freundin , ihm nicht mehr zu schreiben . So unverfänglich wie die Briefe hätte der Lehrer auch , wenn er unsichtbar die beiden hätte belauschen können , ihre Gespräche gefunden . Es kam vor , daß sie stundenlang ohne zu reden nebeneinander hergingen . » Ist es nicht schön im Wald ? « fragte dann die junge Frau mit dem innigsten Klang ihrer süßen Stimme und einem kleinen , vogelhaft zwitschernden Lachen . Oder sie pflückte eine Blume vom Wiesenrain und fragte : » Ist das nicht schön ? « » Es ist schön « , antwortete Caspar . » So trocken , so ernsthaft ? « » Daß es schön ist , weiß ich noch nicht gar lange , « bemerkte Caspar tief , » das Schöne kommt zuletzt . « Ihn machte der Frühling diesmal glücklich . Mit jedem Atemzug fühlte er sich eigentümlich bevorzugt . Wahrhaftig , daß es schön war , hatte er bis jetzt noch nie bedacht . Die seiende Welt schlang sich wie ein Kranz um ihn . Solang die Sonne am blauen Himmel stand , leuchteten seine Augen in verwundertem Glück . Er ist wie ein Kind , das man nach langer Krankheit zum erstenmal in den Garten führt , sagte sich Frau von Kannawurf . Ihr gütiges Herz klopfte höher bei dem Gedanken , daß sie vielleicht nicht ohne Einfluß auf diese Stimmung war . Bisweilen wand sie junges Waldlaub um seinen Hut , und dann sah er stolz aus . Aber er war doch immer in sich gekehrt und immer so verhalten , als ringe er mit einem großen Entschluß . Eines Tages kamen sie überein , daß er sie einfach Clara und sie ihn Caspar nennen solle . Sie amüsierte sich über die geschäftsmäßige Gesetztheit , mit der er seinerseits diesen Vertrag einhielt . Er belustigte sie überhaupt oft , besonders wenn er ihr kleine Moralpredigten hielt oder etwas , was er frauenzimmerlich nannte , geärgert tadelte . Er ermahnte sie auch , nicht gar so viel herumzulaufen und ihre Gesundheit zu schonen . Nun sah es ja manchmal wirklich aus , als habe sie die Absicht , sich zu ermüden und zu erschöpfen . Eine ihrer Leidenschaften bestand darin , auf Türme zu steigen ; auf dem Turm der Johanniskirche wohnte ein alter Glöckner , ein weiser Mann in seiner Art , durch lange Einsamkeit beschaulich und sanft geworden ; sie scheute nicht die Anstrengung der vielen hundert Stufen und lief oft zweimal täglich zu dem Alten hinauf , plauderte mit ihm wie mit einem Freund oder lehnte über die eiserne Brüstung der schmalen Galerie und schaute über das Land in die Fernen . Der Glöckner hatte sie auch so ins Herz geschlossen , daß er zu gewissen Abendstunden nach der Richtung des Imhoffschlößchens verabredete Zeichen mit seiner Laterne gab . Jeden Tag machte sie neue Reisepläne , denn sie gefiel sich nicht in der kleinen Stadt . Caspar fragte , warum sie denn so fortdränge , aber darüber wußte sie im Grund keinen Aufschluß zu geben . » Ich