. « Pekala machte eine Pause . Ihre Augen suchten das nahe Rosengebüsch . Sie sann . Welch einen Ausdruck hatte jetzt ihr Gesicht ! Als ob die Fee jetzt wieder bei ihr sei und ihr mit lieber Hand verschönernd und durchgeistigend über die Wangen gestrichen habe ! Dann fuhr sie fort : » Es kam ein Sonnenstrahl zum Monde nieder Und hielt mit seinem Glanze bei ihm Rast , Doch mit der Morgenröte ging er wieder Und wurde dann der Erde Tagesgast . Da sprach der Mond : Was soll ich um ihn trauern ? Ein Scheiden giebts im Licht , doch keinen Tod . Es wird nur wenig , wenig Stunden dauern , Da kehrt der Freund zurück im Abendrot ! « Sie schwieg und sah mich eigentümlich fragend an . Ich muß gestehen , daß ich zögerte , zu sprechen . Das war nicht , wie ich erwartet hatte , ein orientalisches Märchen , keine heidnische Sage , kein christliches Gleichnis . Wie sollte ich es nennen , wie rubrizieren ? Aber war es denn so außerordentlich notwendig für mich , der nun sofort mit irgend einem Schema herbeistürzende Abendländer zu sein ? Die Strophe wirkte ganz genau so , wie es der Dichter beabsichtigt hatte . Wer aber war dieser Dichter ? Sie hatte von der Art und Weise des Ustad gesprochen , auf seine Leute einzuwirken . Geschah es vielleicht durch solche Gedichte , welche selbst von der Jugend sehr leicht verstanden und auswendig gelernt werden konnten ? » Hast du gehört , was ich gesprochen habe ? « fragt sie , als ich so lange still war und nichts sagte . » Jawohl , meine liebe Pekala , « antwortete ich . » Und auch verstanden ? « » Gewiß . « » Ich kann es nicht so sagen , wie es damals klang . Man muß die Augen voller Thränen um einen lieben Abgeschiedenen haben , um es so zu hören , wie es gehört werden soll . Und es muß mit einer Stimme gesprochen werden , die aus einem so kindlich gläubigen Herzen klingt , wie dasjenige meines Pfleglings damals war und heute noch ist und immer bleiben wird . Er fügte nichts hinzu , kein Wort , kein einziges . Er lehnte noch einige Zeit still an der Mauer und ging dann fort , so leise , leise wie er gekommen war . Ich aber saß noch lange , lange unter den überhängenden Tarfazweigen , und es wurde ruhig und immer ruhiger in mir . Meine Thränen hatten aufgehört , zu fließen ; meine Todessehnsucht schwieg . Ich sah durch die langen , feinen Blütenrispen hindurch den Mond am Himmel stehen . Der Sonnenstrahl war bei ihm : ich sah ihn leuchten . Unten bei mir , auf der Erde , war es dunkel . Aber morgen , morgen wird alles , alles um mich her im Sonnenglanze strahlen . Auch der Strahl ist dabei , den ich liebe , nach dem ich mich sehne . Oh , Effendi , Effendi , ob mein Auge dann wohl so geöffnet ist , daß ich im stande bin , ihn zu erkennen ? « Ich sah sie an und mußte mir Mühe geben , ihr nicht merken zu lassen , daß ich über sie staunte . War das noch die » festjungfräuliche « Köchin , die mir beinahe lächerlich vorgekommen war ? In welchem Lichte erschien mir jetzt ihr ewig langer » Tifl « , den ich für einen Schwachkopf gehalten hatte ! Hatten etwa die Bewohner des » hohen Hauses « alle zwei verschiedene geistige Gestalten ? Muß man aus Europa zu den verachteten Kurden gehen , um Menschenseelen entdecken zu lernen ? Sieht man nicht , so oft man eine solche Entdeckung macht , daß jeder Mensch eigentlich zu zweien ist ? Warum wurde es mir hier so leicht , daheim aber so schwer gemacht , das zu erkennen , was der Scheik der Haddedihn » nicht den Hadschi , sondern den Halef « nannte ? Ich riß mich von diesen Gedanken los , denn ich sah , daß Pekalas Augen betrachtend auf mich gerichtet waren . » Wo hatte das Kind den Gedanken her , dir grad mit diesem Gedichte den beabsichtigten Trost bringen zu können ? « fragte ich . » Die Liebe sagte es ihm , Effendi . Hast du noch nie bemerkt , daß die wahre , wirkliche Liebe stets das Richtige trifft ? Es war nach dem Tode des Vaters nun zum erstenmal , daß ich ruhig und ununterbrochen bis zum Morgen schlief . Als ich erwachte , war ich ernst , doch weinte ich nicht mehr . Wenn eine Thräne emporsteigen wollte , dachte ich an den Sonnenstrahl , der nicht stirbt , sondern strahlend wiederkehrt . Und es geschah auch sehr bald , daß ich keine Zeit mehr hatte , mich der Trauer hinzugeben . Der Vater war tot ; man brauchte mich nicht mehr . Was sollte ich thun ? Wo sollte ich hin ? Tifl ging nun lahm . Er konnte nicht Saïs werden . Man beschloß , ihn als unbrauchbar zu den Dschamikun zurückzuschicken . Da geschah es , daß unser Pedehr nach Teheran kam , um nach seinen Leuten zu sehen , welche bei der Leibgarde des Beherrschers standen . Er schaute auch nach Tifl , und dieser erzählte ihm von mir . Da ließ er mich zu sich kommen . Hast du gesehen , wie schön , wie gut seine Augen sind ? Er richtete sie auf mein Angesicht , als ob er mir durch Leib und Seele schauen wolle . Dann fragte er mich , ob es mir recht sei , mein Kind zu den Dschamikun zu begleiten und dort zu bleiben , so lange es mir gefalle . Wie glücklich mich das machte ! Ich nahm sie an , die neue Heimat , die mir so lieb geboten wurde . Ich mag sie nicht verlassen , so