Angriffskriegen , um diese Last los zu werden . « Welche Regierung konnte einen Vorschlag , wie der Franzose ihn plante , ablehnen , ohne sich als eroberungssüchtig zu entlarven ? Welches Volk würde gegen solche Ablehnung nicht revoltieren ? Der Plan mußte gelingen . Friedrich teilte meine Zuversicht nicht : » Vor Allem bezweifle ich , « sagte er , » daß Napoleon diesen Vorsatz auch aufrichtig hegt . Und wenn auch : der Druck der Kriegspartei würde ihn an der Ausführung hindern . Überhaupt werden die Throninhaber an der Bethätigung solcher , aus der Schablone fallender großer Willensmeinungen von ihrer Umgebung immer gehindert . Zweitens läßt sich einem lebenden Wesen nicht so mir nichts , dir nichts befehlen , daß es aufhöre zu sein . Da setzt es sich zur Wehr . « » Von welchem lebenden Wesen sprichst Du ? « » Von der Armee . Dieselbe ist ein Organismus und als solcher lebensentfaltungs- und selbsterhaltungskräftig . Gegenwärtig steht dieser Organismus gerade in seiner Blüte , und wie Du siehst - das allgemeine Wehrsystem soll ja auch in anderen Ländern eingeführt werden - ist er eben im Begriffe , sich mächtig auszubreiten . « - » Und dennoch willst Du dagegen ankämpfen ? « » Ja , aber nicht , indem ich hintrete und ihm sage : Stirb , Ungeheuer ! denn auf das hin würde mir besagter Organismus kaum den Gefallen erweisen , sich tot hinzustrecken . Sondern ich kämpfe dagegen , indem ich für ein anderes , noch ganz schwach aufkeimendes Lebensgebilde eintrete , welches , indem es an Kraft und Ausdehnung zunimmt , das andere verdrängen soll . Daß ich in solchen naturwissenschaftlichen Metaphern spreche - daran bist Du ursprünglich schuld Martha . Du warst es , welche mich zuerst verleitete , die Werke der modernen Naturforscher zu studieren . Dadurch ist mir die Einsicht aufgegangen , daß auch die Erscheinungen des sozialen Lebens nur dann in ihrer Entstehung verstanden und in ihrem künftigen Verlauf vorausgesehen werden können , wenn man sie als unter dem Einfluß ewiger Gesetze stehend auffaßt . Davon haben die meisten Politiker und hohen Würdenträger keinen blauen Dunst - das löbliche Militär schon gar nicht . Vor einigen Jahren wäre es mir auch nicht in den Sinn gekommen . « Wir wohnten im Grand-Hôtel auf dem Boulevard des Capucines . Dasselbe war zumeist mit Engländern und Amerikanern gefüllt . Landsleute trafen wir nur wenige : der Österreicher ist nicht reiselustig . Wir suchten übrigens auch keinen Anschluß : meine Trauer war noch nicht abgelegt und wir hegten keinen Wunsch nach geselliger Unterhaltung . Meinen Sohn Rudolf hatte ich natürlich bei mir . Er war jetzt acht Jahre alt und ein wunderbar gescheites Männchen . Wir hatten einen jungen Engländer aufgenommen , der bei dem Kleinen halb Hofmeister- , halb Kindermädchenstelle vertrat . Zu unseren langen Stationen im Ausstellungspalast , sowie auch unseren zahlreichen Ausflügen in die Umgebung , konnten wir den Rudi doch nicht immer mitnehmen und die Zeit des Lernens war ja auch schon für ihn gekommen . Neu - neu - neu war mir diese ganze hier erschlossene Welt ! All ' die von den vier Himmelsgegenden zusammengekommenen Menschen , von überall her die reichsten und vornehmsten ; diese Feste , dieser Aufwand , dieses Gewimmel ... ich war förmlich betäubt davon . Aber so interessant und genußreich es mir auch war , diese überraschenden und überwältigenden Eindrücke in mich aufzunehmen , so sehnte ich mich im Stillen doch wieder aus dem Getöse hinaus , nach irgend einem abgelegenen , friedlichen Plätzchen , wo ich mit Friedrich und meinem Kinde - meinen Kindern , ich sah ja wieder Mutterfreuden entgegen - in ruhiger Zurückgezogenheit hätte leben können . Es ist doch sonderbar - ich finde es in den roten Heften öfters bestätigt - , wie in der Abgeschlossenheit die Sehnsucht nach Ereignissen und Thaten , nach Erlebnissen und Vergnügungen entsteht und mitten in diesen wieder die Sehnsucht nach Einsamkeit und Ruhe . Von der großen Welt hielten wir uns fern . Nur bei unserem Gesandten Metternich hatten wir einen Besuch abgestattet und dabei erwähnt , daß wir unserer Familientrauer wegen keine Einführung bei Hofe und in die Gesellschaft wünschten . Dagegen suchten wir die Bekanntschaft einiger hervorragender politischer und litterarischer Persönlichkeiten ; teils aus persönlichem Interesse und zu geistiger Anregung , teils im Hinblick auf Friedrichs » Dienst « . Trotz der geringen Hoffnungen , die er auf einen greifbaren Erfolg seiner Bestrebungen hatte , verlor er diese niemals aus dem Auge , und er setzte sich mit verschiedenen einflußreichen Personen in Verkehr , von welchen er Förderung seiner Sache , oder mindestens Auskunft über deren Stand erhalten konnte . Wir haben uns damals ein eigenes Büchelchen angelegt - wir nannten es » Friedenspolitik « - in welches sämtliche , auf diesen Gegenstand bezügliche Urkunden , Notizen , Artikel u.s.w. abschriftlich eingetragen wurden . Auch die Geschichte der Friedensidee , soweit wir von derselben Kenntnis erlangten , haben wir da zu Protokoll gebracht . Daneben die Aussprüche verschiedener Philosophen , Dichter , Juristen und Schriftsteller über » Krieg und Frieden « . Es war bald zu einem stattlichen Bändchen herangewachsen und im Lauf der Zeit - ich habe diese Buchführung bis auf den heutigen Tag fvrtgesetzt - sind sogar mehrere Bändchen daraus geworden . Wenn man das mit den Bibliotheken vergleicht , die mit Werken strategischen Inhalts gefüllt sind , mit den ungezählten tausenden von Bänden , welche Kriegsgeschichte , Kriegsstudium und Kriegsverherrlichung enthalten , mit den militärwissenschaftlichen und militärtechnischen Lehrbüchern und Leitfäden über Rekrutenabrichtung und Ballistik , mit den Schlachtenchroniken und Generalstabsberichten , Soldatenliedern und Kriegsgesängen : ja dann freilich könnte einen der Vergleich mit den paar Heftchen Friedenslitteratur kleinmütig machen - vorausgesetzt , daß man die Kraft und den Gehalt - namentlich den Zukunftsgehalt - eines Dinges nach dessen Ausdehnung bemessen wollte . Wenn man aber bedenkt , daß eine Samenkapsel in sich die virtuelle Möglichkeit birgt , einen Wald entstehen zu machen , der ganze