, darüber nachzudenken , was ich tun wollte . Je untunlicher es mir schien , mein Versprechen zu halten , je weniger ich das Wesen , welches ich mir zur Seite fühlte und das sich nun sanft an mich lehnte , auch nur in Gedanken beleidigen mochte , desto dringender ward auf der anderen Seite die Überzeugung , daß ich am Ende doch mein Wort nicht brechen dürfe , da mich Judith nur im Vertrauen auf dasselbe in jener Nacht entlassen , und ich zögerte nicht , mir einzubilden , daß der Wortbruch sie kränken und ihr weh tun würde . Ich mochte um alles in der Welt gerade vor ihr nicht unmännlich als einer erscheinen , welcher aus Furcht ein Versprechen gäbe und aus Furcht dasselbe bräche . Da fand ich einen sehr klugen Ausweg , wie ich dachte , der mich wenigstens vor mir selbst rechtfertigen sollte . Ich brauchte nur bei dem Schulmeister zu wohnen , so war ich nicht im Dorfe , und wenn ich am Tage dieses besuchte , so mußte ich Judith nicht sehen , welche sich nur meinen nächtlichen und geheimen Besuch während eines Aufenthaltes im Dorfe ausbedungen hatte . Als wir daher in des Schulmeisters Haus ankamen und dort die Muhme mit einem Sohne und zwei Töchtern vorfanden , welche uns erwarteten und mich mit dem Fuhrwerk gleich mitnehmen wollten , erklärte ich unversehens , hierbleiben zu wollen , und die alte Katherine eilte , mir ein Unterkommen zu bereiten , indessen Anna , die ganz ermüdet und angegriffen war und von Husten befallen wurde , sich sogleich zu Bett begeben mußte . Sie führte mich an einen artig eingerichteten Tisch , auf welchem ihre Bücher und Arbeitssachen , auch Papier und Schreibzeug lagen , setzte Licht darauf und sagte lächelnd : » Mein Vater bleibt alle Abend bei mir , bis ich eingeschlafen bin , und liest mir manchmal etwas vor . Hier kannst du dich vielleicht so lange beschäftigen . Sieh , hier mache ich etwas für dich ! « und sie zeigte mir eine Stickerei zu einer kleinen Mappe , welche sie nach jener Blumenzeichnung verfertigte , die ich vor mehreren Jahren in der Weinlaube gemacht und ihr geschenkt hatte . Das naive Bild hing über ihrem Tische . Dann gab sie mir die Hand und sagte wehmütig leise und doch so freundlich : » Gut ' Nacht ! « und ich sagte ebenso leise : » Gut ' Nacht ! « Einige Augenblicke nachher , als sie gegangen , kam der Schulmeister herein , und ich sah , daß er ein schön eingebundenes Andachtsbuch mitnahm , als er sich wieder entfernte , um in Annas Zimmer zu gehen . Ich hingegen beschaute alle Sächelchen , welche auf dem Tische lagen , spielte mit ihrer Schere und konnte mir gar nicht ernstlich denken , daß irgendeine Gefahr für Anna sein sollte . Viertes Kapitel Judith Da ich in dem Hause meines Liebchens zu Gaste war , so erwachte ich am Morgen sehr früh , noch eh eine Seele sich regte . Ich machte das Fenster auf und sah lange auf den See hinaus , dessen waldige Uferhöhen vom Morgenrote beglänzt lagen , indessen der späte Mond noch am Himmel stand und sich ziemlich kräftig im dunklen Wasser spiegelte . Ich sah ihn nach und nach erbleichen vor der Sonne , welche nun die gelben Kronen der Bäume vergoldete und einen zarten Schimmer über den erblauenden See warf . Zugleich aber begann die Luft sich wieder zu verhüllen , ein leiser Nebel zog sich erst wie ein Silberschleier um alle Gegenstände , und indem er ein glänzendes Bild um das andere auslöschte , daß sich rings ein Reigen von aufleuchtendem Scheiden und Verschwinden bewegte , wurde der Nebel plötzlich so dicht , daß ich nur noch das Gärtchen vor mir sehen konnte , und zuletzt verhüllte er auch dieses und drang feucht an das Fenster . Ich schloß dieses zu , trat aus der Kammer und fand die alte Katherine in der Küche an dem traulichen hellen Feuer . Ich plauderte lange mit ihr ; sie ergoß sich in zärtlichen Klagen über Annas bedenklichen Zustand , berichtete mir , seit wann derselbe begonnen , ohne daß ich jedoch über seine eigentliche Beschaffenheit klar wurde , da sie sich mancher dunklen und geheimnisvollen Anspielung bediente . Dann begann sie mit rührender , aber ganz trefflicher Beredsamkeit das Lob Annas zu verkünden und ihr bisheriges Leben zu beschauen bis in die Kinderjahre zurück , und ich sah deutlich vor mir das dreijährige Engelchen umherspringen , in genau beschriebener Kleidung , aber freilich auch ein frühes und leidenvolles Krankenlager , auf welches das kleine Wesen dann jahrelang gelegt wurde , so daß ich nun ein schlohweißes , länglichgestrecktes Leichnamchen erblickte , mit geduldigem , klugem und immer lächelndem Angesicht . Doch das kranke Reis erholte sich , der wunderbare Ausdruck der durch das Leiden hervorgebrachten frühen Weisheit verschwand wieder in seine unbekannte Heimat , und ein rosig unbefangenes Kind blühte , als ob nichts vorgefallen wäre , der Zeit entgegen , wo ich es zuerst sah . Endlich zeigte sich der Schulmeister , welcher , da seine Tochter nun des Morgens im Bette bleiben mußte und länger schlief als sonst , sich des frühen Aufstehens auch nicht mehr freute und in seiner Zeiteinteilung ganz nach derjenigen seines kranken Kindes richtete . Nach einer guten Weile erschien auch Anna und nahm ihr besonders vorgeschriebenes Frühstück , indessen wir das gewöhnliche verzehrten . Es verbreitete sich dadurch eine gewisse Wehmut über den Tisch , welche nach und nach in eine ernste Beschaulichkeit überging , als wir drei sitzen blieben und uns unterhielten . Der Schulmeister nahm ein Buch , die Nachfolge Christi von Thomas a Kempis , und las einige Seiten daraus vor , indessen Anna ihre Stickerei vornahm . Dann hob ihr Vater über das Gelesene ein Gespräch an und suchte mich an demselben zu beteiligen und nach der herkömmlichen Weise meine Urteilskraft :