eine gesegnete Mahlzeit gewünscht hatte , begab man sich paarweise in Lewins Zimmer , wo nun Punsch und Krausgebackenes herumgereicht wurde . » Und nun , liebe Laacke , singen Sie uns was ; aber nichts Trauriges , nicht wahr , Ulrikchen , nichts Trauriges ? « Ulrike stimmte bei , worauf Mamsell Laacke bemerkte , daß sie nichts Trauriges singen wolle , aber auch nichts Heiteres . Das Heitere widerstände ihr , weil es flach und unbedeutend sei ; sie liebe das Gefühlvolle , und man solle immer nur das singen , was der eigenen Natur entspräche . Denn » in unserer Stimme ruht unser Herz « . Es wurden nun Lewins Noten einer wiederholten Durchsuchung unterworfen , bis endlich ein paar Opernarien gefunden waren , in denen der vielgerühmte Tenor des Herrn Ziebold mitwirken konnte . Mamsell Laacke überreichte ihm ein himmelblau brochiertes Heft , auf dessen Titelblatt zu lesen stand : » Fanchon , das Leiermädchen , von Friedrich Heinrich Himmel , Klavierauszug , Akt II « ; darunter ein Bildnis Fanchons , kurzärmlig , mit Kopftuch und einer Art Mandoline in der Hand . Nichts konnte , alles in allem erwogen , willkommener sein als das . Ein Duett hat immer etwas von dem Reize einer dramatischen Szene . Die Laacke intonierte und begann , während Herr Ziebold seine Linke auf die niedrige Stuhllehne legte : » In heitrer Abendsonne Strahlen , Dort , wo die Alpenrose keimt , Laß ich die liebe Hütte malen , Wo meine Kindheit ich verträumt . Daß eine Grille nie dich lenke , Die nur gemeine Seelen kränkt ; Entehren jemals die Geschenke Von dem , der uns sein Herz geschenkt ? « Nachdem diese letzte Zeile nicht nur dreimal wiederholt , sondern seitens der gefühlvollen Laacke auch mit besonderem Nachdruck vorgetragen worden war , fiel der Tenor Ziebolds ein , und beide sangen nun die Schlußstrophe : » Die Liebe teilet unbefangen , Was einem nur das Glück beschied , Und zwischen Geben und Empfangen Macht Liebe keinen Unterschied . « Ziebold hatte von alter Zeit her eine Force im Tremulando und erzielte damit auch heute eine solche Wirkung , daß die bis dahin kühle Stimmung umschlug und die Gefühle allgemeiner Menschenliebe wenigstens momentan zum Durchbruch kamen . Der Abend war jetzt entschieden auf seiner Höhe . Frau Hulen empfand dies und schlug deshalb unverzüglich eine Wanderpolonaise vor , die denn auch , durch alle Zimmer hin , unter geschickter Umkreisung des stehengebliebenen Eßtisches ausgeführt wurde . Zum Schluß aber spielte die Laacke zu hastig und ließ absichtlich einige Takte aus . » Bin ich eingeladen , um auf diesem Klimperkasten dieser froschäugigen Mamsell Ulrike zum Tanze aufzuspielen ? « So drängten sich die Fragen , und der letzte Moment des Festes war wieder ein Mißakkord . Eine Viertelstunde später gingen die Paare nach verschiedenen Seiten hin die Klosterstraße hinunter , die Ziebolds links , auf den Hohen Steinweg zu . » Das ist nun das letzte Mal gewesen « , sagte Frau Ziebold , » du bringst mich nicht mehr hin . Ich habe nicht Lust , mit Mamsell Laacke auf demselben Sofa zu sitzen . Und dies alberne Ding , die Ulrike ! Sah mich an , als hätte sie mich noch nie gesehen ; ich glaube gar , sie dachte , daß ich sie zuerst grüßen sollte . Und wie steht es denn ? Sie hilft uns nicht , aber wir helfen ihr . Das gelbe Mohrkleid und die Zuckerzange lagern nun schon in die zehnte Woche . « Hier hielt die Sprecherin , denn die Luft ging scharf , einen Augenblick inne , um Atem zu schöpfen . Dann aber fuhr sie fort : » Und nun gar diese Mannsbilder ! Ich weiß wirklich nicht , wer unausstehlicher ist , dieser Klemm , der nur drei Stücke auf seiner Leier hat , oder dieser Schimmelpenning , der aussieht , als habe er die Gerechtigkeit erfunden . « Ziebold lachte und sagte : » Du vergißt Grünebergen ; war er nicht dein Tischnachbar ? « » Freilich war er das ; aber glaubst du , daß er ein Wort mit mir gesprochen hätte ? Und warum nicht ! Weil er ein alter Narr ist und immer das liebe Töchterchen angafft und auf den Prinzen wartet , der sie mit einer goldenen Kutsche abholen soll . Und dann nimm es mir nicht übel , Ziebold , die Hulen ist eine gute Frau , aber was waren das für Pielen ? Semmelstücke , und das bißchen Mohn kratzig und multrig . « Die Grünebergs hielten sich derweilen rechts . Als sie um die Ecke der Stralauer Straße bogen , sagte Ulrike : » Ich weiß eigentlich nicht recht , was der Hulen beikommt ? Immer so , als ob sie keine arme Frau wäre ; drei Gerichte und Krausgebackenes und Punsch . Mir gefällt es nicht , und ich finde es unrecht . Und dann immer in zwei Stuben , als ob ihr alle beide gehörten ! Wenn ich eine Stube vermiete , so habe ich sie vermietet ; der junge Herr von Vitzewitz , der mir das letzte Mal aufmachte , als ich klingelte , weil die Hulen nicht zu Hause war , würde sich doch sehr wundern , wenn er diese Mamsell Laacke mit ihren langen knöchernen Fingern auf seinem Klavier hätte herumhantieren sehen . Und diese Singerei ! Da hör ich doch lieber die Kurrende . Aber es soll immer so was sein . Ein bißchen Blindekuh oder ein paar Kartenkunststücke , das ist ihr nicht genug ... Und was für Menschen ! Er , Ziebold , das muß wahr sein , ist ein kulanter Mann , und man merkt es ihm an , daß es ihm nicht an der Wiege gesungen worden ist . Aber diese Person , seine Frau ! Immer in Seide und mit Korallenohrbommeln ; ich mag nicht wissen , wem sie gehören . Sie muß doch Mitte Vierzig sein ,