Fenstern je näher je mehr ein flackernder Lichtschimmer den Nebel durchdringt , so als ob angstzitternde Menschen von Zimmer zu Zimmer irrten . Wer war da oben krank , wer vielleicht - tot ? Als er um die Friedhofsmauer bog , rollte von der Pfarre her ein Fuhrwerk ihm entgegen . Doktor Brands wohlbekannte Chaise . Mit einem Satz war Dezimus am Schlag , das fahle Laternenlicht fiel auf seine qualverzerrten Züge . » Sie kommen zu spät , armer Freund , « rief der alte Familienarzt ihm zu . » Wer , wer ? « stieß Dezimus hervor . Die Pferde zogen an , Dezimus , der sich an den Schlag geklammert hatte , wurde zu Boden geschleudert ; die Antwort verhallte . Er raffte sich auf und eilte nach der Pfarre . Die Haustür stand offen , doch mochte sein Schritt gehört worden sein , denn auf dem Treppenabsatz trat Rose ihm entgegen . Die blühende , fröhliche Rose , fahl wie ein Gespenst , mit gläsernen Augen , von Schauern geschüttelt , auf den Wangen eiskalte Tränen und eiskalte Schweißtropfen auf der Stirn . Ja , krank auch sie , aber Gott sei gelobt , noch lebend . Ohne einen Laut sank sie an seine Brust . » Der Vater ? « flüsterte er . Sie schüttelte den Kopf . Die Mutter also , seine Mutter ! An den Bruder geschmiegt , von seinem Arm umfangen , trat Rose in das Krankenzimmer . Der Vater saß auf dem Bettrande , die Hände der sterbenden Gattin in den seinen . Ihre Augen waren geschlossen , die Züge friedvoll wie in der ersten Stunde nach vollbrachter Erdenqual . Doch lebte sie noch und liebte auch noch . Denn als sie das Nahen der Kinder spürte , schlug sie den Blick in die Höhe , und ein letztes Lächeln flog über ihr gutes Gesicht . Sie sanken vor dem Bett auf die Knie . Die Sterbende machte eine unruhige Bewegung , indem sie auf ihren Trauring deutete , richtete dann einen flehenden Blick zu ihrem Konstantin hinüber und senkte mit dem Ausdruck freudiger Erfüllung die Lider , als der Vater die Rechte des Sohnes und die der Tochter ineinander und die halberstarrten Mutterhände auf die Häupter der Verlobten legte . Und so im Segen tat das fröhlichste Mutterherz seinen letzten Schlag . Eine und die nämliche Minute hatte die Liebenden einander zu eigen gegeben und ihnen die älteste Liebe geraubt . Dezimus fühlte nicht seinen großen Gewinn , er fühlte nur seinen großen Verlust ; den ersten von den Schmerzen , die ein Glücklicher trägt bis in das Grab . Sein Brautstand Eine jähe Bewegung unterbrach die heilige Stille , in welcher die Verlobten , die kalten Segenshände der Mutter und die warmen des Vaters auf ihren Häuptern , dem Entatmen lauschten . Rose war ohnmächtig zusammengesunken . Als Dezimus sie in seine Arme nahm , um sie in ihre Kammer zu tragen , bemerkte er Lydia , die still zu Füßen des Sterbebettes gestanden hatte . Sie folgte ihm , um die gebotenen Belebungsmittel anzuwenden ; tröstend flüsterte sie ihm zu , daß sie keinen Anfall der herrschenden Krankheit befürchte , da diese unter anderen Symptomen aufzutreten pflege . » Sterben sehen ist schwer - und diese Mutter ! « sagte sie . Dezimus kehrte in das Totenzimmer zurück , als eben der Vater der treuen Gefährtin zum letzten Lebewohl die Hand drückte . Er war so ruhig wie alle Tage . » Ich komme bald , meine Hanna , « sagte er leise , und Dezimus las in seinen erschöpften Zügen , daß diese Zuversicht nicht trügen werde . » Nimm auch du Abschied , « wendete er sich darauf zu dem Sohn , » du darfst dieses Zimmer nicht wieder betreten . « Während der Jüngling die toten Lippen und Hände küßte , öffnete der Greis die Fenster und drängte den Widerstrebenden dann aus der Tür , die er verschloß und deren Schlüssel er zu sich steckte . » Es ist unsere Pflicht , « sprach er , » voranzugehen mit dem Beispiel der strengen Vorsicht , die wir von anderen fordern müssen , selbst wenn sie , wie hier wahrscheinlich , nicht vonnöten wäre . « Während eines Ganges durch den Garten erzählte er dem Sohne darauf den leidvollen Vorgang , der erst in der vorigen Nacht mit einem Schüttelfrost seinen Anfang genommen und dessen Ende , ohne Schmerzgefühl , schon nach zwölf Stunden eine Lähmung auf die sanfteste Weise vorbereitet hatte . Es war daher glaublich , daß , durch Sorgen und Mühen der letzten Tage beschleunigt , es lediglich der Lauf der Natur war , der sich an der Greisin erfüllt hatte . Wenn es aber auch der Beginn der Epidemie gewesen wäre , so gebührte Gott zweifach Dank für diese rasche Erlösung ohne Qual und Angst , in Klarheit und Freudigkeit bis zum letzten Augenblick . Sie hatte vollbracht ! Des Greises Sorge galt der Tochter , die erst vollbringen lernen sollte . » Sie ist dein geworden , mein Sohn , früher , als ich gedacht , wolle Gott nicht zu früh ! « sagte er , » führe sie an fester Hand treu durch das Leben ! « Mit dem Händedruck , der statt des Dankesworts des Vaters Rede erwiderte , betraten sie Rosens blumengeschmücktes Mädchenzimmer . Sie lag auf ihrem Bett in Lydias Armen . Das Leben schien ihr in Übermaß zurückgekehrt ; das Gesicht flammte , nach Atem ringend wendete sie sich ruhelos hin und wieder . Plötzlich richtete sie mit starrem Blick den Kopf in die Höhe , und ein Blutstrom entquoll ihrem Munde . So in Todesschmerz begann und in Todesängsten endete Dezimus Freys Verlobungsstunde . Spät in der Nacht kehrte er mit Doktor Brand , den er zu Hülfe geholt , aus der Stadt zurück . Die Geliebte lag einer Schlafenden gleich , doch mit nur halbgeschlossenen Augen ; Glut und Blutung waren gestillt ; die