er mag wollen oder nicht , dem blutigen Legaten gleicht , der den Zehnten zum Tode führen läßt , nicht , weil er schuldiger ist , als die anderen neun , sondern , weil er der Zehnte ist . Das aber wird , wie gesagt , nicht dem Katheder-Logiker offenbar , der zufrieden lächelt , wenn er nur mit dem Satze der Identität und dem vom Widerspruche nicht in Conflict geräth ; auch dem Richter nicht , dem der Fall in seiner Vereinzelung , aus dem Zusammenhange herausgerissen , vorliegt , und der nun urtheilen soll , wo er nicht einmal die Theile in seiner Hand hat , geschweige denn den sichtbar unsichtbaren Faden , auf den die Theile mit Nothwendigkeit gereiht sind . Sie beide gleichen dem Laien , der ein Gemälde nur nach der Wirkung beurtheilt , nicht dem Kenner , der weiß , wie es entstanden ist , welche Farben der Maler auf der Palette hatte , wie er sie mischte , wie er den Pinsel führte , welche Schwierigkeiten er überwinden mußte und wie und wodurch er sie überwunden hat , oder weshalb er sein Ziel nicht erreichte . Und wie die wahre Kritik nur die schöpferische ist , welche aus den Geheimnissen der Kunst heraus urtheilt , und also auch nur der Künstler wahrhaft Kritik üben kann , so können die Handlungen der Menschen auch nur von Menschen beurtheilt werden , von denen das Wort des alten Weisen gilt , daß ihnen nichts Menschliches fremd sei , weil sie der Menschheit ganzen Jammer schaudernd an sich selbst und an ihren Mitbrüdern erfahren . Dazu aber gehört , wie gesagt , ein fühlend Herz und ein sehend Auge und dann das Dritte , ohne welches man auch mit fühlendem Herzen und sehendem Auge nicht viel erfährt , nämlich - Erfahrung , ich meine volle , reiche Gelegenheit , Herz und Auge zu erproben und zu üben . Wer hätte diese Gelegenheit mehr aus erster Hand als der Vorsteher einer Anstalt , in welcher , nach den Worten des Philosophen , das Unrecht zu seinem Recht kommen soll ? der Director einer Strafanstalt ? er und der Arzt der Anstalt , wenn sie Freunde sind , wenn sie , von denselben Gesichtspunkten ausgehend , Hand in Hand nach demselben Ziele streben ? Sie und nur sie allein erfahren , was kein noch so gewissenhafter Richter erfährt , wie der Mensch , den die Menschheit für immer oder eine zeitlang ausgestoßen , wurde , was er geworden ist ; warum er , von solchen Eltern geboren , in solchen Verhältnissen aufgewachsen , in einer solchen kritischen Lage so und nicht anders handeln konnte . Dann aber , wenn der Director , der nothwendig der Beichtiger des Verbrechers wird , die Geschichte seines Lebens bis in die Einzelheiten erfahren , wenn der Arzt die Leberkrankheit , an der der Mensch seit Jahren litt , constatirt hat , dann sprechen Beide , wenn sie conferiren , nicht mehr von dem Rechte des Unrechtes , das hier geübt werden soll , dann sprechen sie nur noch davon , ob dem Aermsten noch zu helfen ist und wie ihm geholfen werden kann ; dann sehen sie Beide in der sogenannten Strafanstalt abwechselnd nur noch eine Besserungsanstalt und ein Krankenhaus . Sind doch - und dies ist ein unendlich wichtiger Punkt , zu dessen Erkenntniß die Physiologie die Jurisprudenz noch einmal zwingen wird - sind doch fast Alle , die hierher kommen , krank im gewöhnlichen Sinne ; fast Alle leiden sie an mehr oder weniger schweren organischen Fehlern , fast das Gehirn Aller ist unter dem Durchschnittsmaaß des Gehirns , welches ein normaler Mensch zu einer normalen Thätigkeit , zu einem Leben , das ihn nicht mit dem Gesetze in Conflict bringen soll , braucht . Und wie könnte es anders sein ? Fast ohne Ausnahme sind sie die Kinder der Noth , des Elends , der moralischen und physischen Verkommenheit , die Parias der Gesellschaft , welche in ihrem brutalen Egoismus an dem Unreinen mit zusammengerafften Kleidern und gerümpften Nasen vorüberstreift , und , sobald er sich ihr in den Weg stellt , mit grausamer Gewalt ihn von sich stößt ! Recht des Unrechts ! Hochmuth des Pharisäerthums ! Es wird die Zeit kommen , wo man diese Erfindung der Philosophen mit jener der Theologen , daß der Tod der Sünde Sold sei , auf eine Stufe stellt und Gott dankt , daß man endlich aus der Nacht der Unwissenheit aufgewacht ist , die solche Monstrositäten erzeugte ! Der Tag wird kommen , aber nicht so bald . Noch stecken wir tief in dem Schlamm des Mittelalters ; noch ist nicht abzusehen , wann diese Sündfluth von Blut und Thränen verlaufen sein wird . Wie weit auch der Blick einzelner erleuchteter Köpfe hinein in die kommenden Jahrhunderte trägt - der Fortschritt der Menschheit ist unendlich langsam . Wohin wir in unserer Zeit sehen - überall die unschönen Reste einer Vergangenheit , die wir längst überwunden glauben . Unser Herrscherthum , unsere Adels-Institutionen , unsere religiösen Verhältnisse , unsere Beamtenwirthschaft , unsere Heereseinrichtungen , unsere Arbeiterzustände - überall das kaum versteckte , grundbarbarische Verhältniß zwischen Herrn und Sklaven , zwischen der dominirenden und der unterdrückten Kaste ; überall die bange Wahl , ob wir Hammer sein wollen oder Amboß . Was man uns lehrt , was wir erfahren , was wir um uns her sehen , - Alles scheint zu beweisen , daß es kein Drittes giebt . Und doch ist eine tiefere Verkennung des wahren Verhältnisses nicht denkbar , und doch giebt es nicht nur ein Drittes , sondern es giebt dieses Dritte einzig und allein , oder vielmehr dieses scheinbar Dritte ist das wirklich Einzige , das Urverhältniß sowohl in der Natur als im Menschendasein , das ja auch nur ein Stück Natur ist . Nicht Hammer oder Amboß - Hammer und Amboß muß es heißen , denn jedwedes Ding und jeder Mensch in jedem Augenblicke ist Beides zu gleicher