Pension des Fräulein Bär vorüberreite ; Frau von Sylow , daß er , in seinen Mantel gehüllt , mehrere Nächte stundenlang vor dem Hause auf- und abpatrouillirt sei ; Hortense Barnewitz flüsterte der Comtesse Stilow in ' s Ohr : Jetzt weiß ich , weshalb der arme Felix Hals über Kopf nach Italien geschickt wurde , und Comtesse Stilow meinte darauf : Sie sollen sehen , liebe Hortense , es dauert nicht acht Tage , so ist Helene , die für immer verbannt schien , wieder bei ihren Eltern . Ein Lächeln des Triumphes erhellte aber Aller Gesichter , als die Prophezeiung der zahnlosen Comtesse Stilow nun wirklich in Erfüllung ging und Helene Grenwitz aus ihrem bescheidenen Stübchen in der Pension des Fräulein Bär in die stattlichen Räume des Hôtel Grenwitz übersiedelte . Merkwürdigerweise schien der alte Baron , der diesen Schritt früher so dringend gewünscht hatte , jetzt am wenigsten darüber erfreut . Der alte Herr war in der letzten Zeit ausnehmend launisch , widerspruchsvoll und heftig gewesen , daß man den sonst so gutmüthigen , freundlichen Mann kaum wieder erkannte , und Jedermann die arme Anna-Maria , die dieses Kreuz mit so christlicher Geduld und Sanftmuth trug , bedauerte und bewunderte . Ach , glaube mir , liebe Helene , sagte die Baronin zu ihrer Tochter , als sie Beide am ersten Abend auf dem Sopha im Salon saßen , nachdem der Baron das Gemach verlassen hatte , um zu Bett zu gehen ; es ist jetzt recht schwer mit Deinem Vater auszukommen , und ich bedarf Deiner freundlichen Stütze mehr als je . Malte ist noch zu jung , und ich fürchte zu herzlos , als daß ich zu ihm Vertrauen haben könnte . Ich bin so lange gewohnt , Alles allein zu tragen , daß ich mich in das Glück , eine Freundin und Vertraute zu haben , kaum zu finden weiß ; und die Baronin vergoß Thränen , während sie ihre Nähsachen zusammenpackte , um dem Gemahl in das eheliche Schlafgemach zu folgen . In der That schien das Verhältniß zwischen Mutter und Tochter sich für die Zukunft viel günstiger als früher gestalten zu wollen . Sie handelten sich wie zwei Gegner , die ihre Stärke gegenseitig erprobt und gefunden haben , daß sie doch besser thun , Hand in Hand zu gehen . Fürst Waldernberg war , seitdem Helene wieder im Elternhause weilte , fast allabendlicher Gast . Anna-Maria sorgte dafür , daß der Fürst und Helene stets möglichst ungestört blieben ; und da in diesen Kreisen die älteren Herrschaften ihre Zeit schlechterdings nur mit Kartenspielen hinzubringen vermochten , und jüngere Leute selten eingeladen wurden , so gelang ihr das meistens ganz vortrefflich . Der Fürst und Helene waren in dem kleinen einfenstrigen Boudoir , neben dem großen dreifenstrigen Salon , wo die Kartentische standen , oft stundenlang allein , bis man zur Tafel ging , wo sie dann , während die Andern die Glücksfälle des Spiels eifrig durchsprachen , wiederum so ziemlich auf sich selbst angewiesen waren . Es sprach für die conversationellen Talente des Fürsten , daß die junge anspruchsvolle Dame seiner Unterhaltung nicht müde wurde . Und doch konnte sie , was er vorbrachte , für gewöhnlich nicht eigentlich interessant nennen , jedenfalls nicht die Art , wie er es vorbrachte . Niemals hörte sie ihn in lebhafterem Ton und schnellerem Tempo sprechen ; es war immer derselbe monotone Silbenfall , wie wenn die einzelnen Worte Soldaten und die Sätze Sectionen wären , die in gleichmäßigem Schritt und Tritt vorbeimarschirten . Helene fand es deshalb auch bezeichnend , daß der Fürst sich am liebsten der französischen Sprache bediente , obgleich er auch das Deutsche correct und fließend sprach . Manchmal meinte sie , der Umstand , daß die Unterhaltung fast ausschließlich in dem fremden Idiom geführt wurde , trüge wesentlich dazu bei , ihr die Fremdartigkeit dieses Geistes weniger fühlbar zu machen . Dazu kam , daß der Fürst , wie in seinem Aeußern , so in seiner Denk- und Empfindungsweise , Russe und nicht Deutscher war . Die Erinnerungen seiner Kindheit , seiner Knaben- und Jünglingsjahre , bis auf die kurze Zeit , die er in Paris und jetzt nun in Deutschland verlebt hatte , waren russisch . Er war Page an dem Hofe des Kaisers Nikolaus gewesen , und der tägliche Anblick dieses prächtigen Monarchen , mit dem er sogar , wie man behauptete , besonders in Gestalt und Haltung , eine gewisse Aehnlichkeit hatte , nicht ohne Einfluß auf seinen Charakter geblieben , wie er selbst sagte . Seine militärische Erziehung hatte er in der Cadettenanstalt des Michailow ' schen Palastes erhalten , desselben Palastes , durch dessen gewaltige Räume in jener schauerlichen Nacht der Kaisermord dröhnend schritt , als die Gemahlin Pauls I. , erschreckt durch das dumpfe Getöse verworrener Männerstimmen und des Waffengeklirres , die jüngsten Großfürsten Nikolaus und Michael aus den Betten riß , um mit ihnen durch die langen Zimmerreichen zu der Wohnung des Kaisers zu eilen ; ihr der finstere Graf Pahlen entgegentrat , sie halb mit Gewalt nach ihren Zimmern zurücknöthigte , und bedächtig die Thür schloß : Restez tranquille , Madame ; il n ' y a pas de danger pour vous . Aehnliche Geschichten wußte der Fürst gar manche zu erzählen und sie verfehlten ihre Wirkung nicht auf das Gemüth des phantastischen Mädchens . Es war damit wie mit den Abenteuern , mit denen der kriegerische Mohr die Seele des venetianischen Patricierkindes berauschte . Desdemona mochte vor dem Blut , das in jenen Erzählungen in Strömen floß , schaudern ; aber der Held erschien ihr nur um desto bewundernswerther , und wenn es Helenen aus diesen Palasterinnerungen des russischen Pagen auch oft eisig kalt anwehte , so bestrickte sie doch das Geheimnißvolle und Schauerliche derselben mit einem unwiderstehlichen Zauber . Sie träumte sich in ein Leben hinein , im Vergleich mit welchem das Leben , das sie jetzt führte , gar kleinlich und kläglich erschien . Sie sah sich als