aus seinem Zimmer die enge Treppe , auf welcher Marie in jener stürmischen Herbstnacht sich aus dem Schloß gestohlen hatte , hinab in den Garten , durch den Garten nach dem Gitterthor , welches neben dem Schloß auf den Hof führte und von dem man nur noch ein paar Schritte zu dem kleinen Thore hatte , vor welchem ihn der Wagen erwarten sollte . Der nächtliche Himmel war mit Wolkendunst bedeckt , durch welchen nur spärliche Sterne leuchteten ; es war so finster , daß Oswald , bis sich sein Auge an das Dunkel gewöhnt hatte , den so bekannten Weg mit Vorsicht gehen mußte , um nicht rechts oder links in den Graben zu gerathen . Plötzlich tauchte ein großer Gegenstand vor ihm auf , und in demselben Augenblick rief eine tiefe rauhe Stimme : qui vive ! Moi , antwortete Oswald . Er sah die undeutlichen Umrisse einer langen Gestalt , die ihm die Thür des Wagens öffnete und den Schlag herabließ . Sobald er eingestiegen war , wurde die Thür hinter ihm geschlossen und sofort zogen auch die Pferde an ; er konnte nicht erkennen , ob die Gestalt neben dem Kutscher Platz genommen hatte , oder der Kutscher selbst war . Kutscher und Pferde mußten den Weg sehr genau kennen , oder in dunkler Nacht so gut sehen können , wie am hellen Tage ; denn der Wagen bewegte sich mit einer Schnelligkeit , gegen die selbst ein ungeduldiger Liebender nichts hätte einwenden können . Der Weg war gut , und wenn auch hie und da ein Stein im Geleise lag , so hing der Wagen in so vortrefflichen Federn , daß man den dadurch verursachten Stoß kaum spürte . Oswald lehnte sich in die schwellenden Kissen . Der weiche Sammet schien einen feinen Wohlgeruch auszuströmen , der den engen Raum erfüllte , wie das Boudoir einer hübschen Frau . Ja , es war Oswald , als ob es dasselbe Parfüm sei , das Melitta immer benutzte . Und plötzlich war es ihm , als säße Melitta neben ihm , als berühre ihre warme weiche Hand seine Hand , als fühlte er das Wehen ihres Athems an seiner Stirn , als legten sich ihre Lippen leicht wie ein Hauch auf seinen Mund . Und vor diesem wonnigen Traum sank die Wirklichkeit in Nichts . Oswald vergaß , was er vorhatte ; er dachte nicht daran , was seiner harrte ; er wußte nicht mehr , wo er war - und nur sie , sie allein erfüllte seine Seele . Wie eine Sturmfluth von Seligkeit überkam ihn die Erinnerung an ihren Liebreiz , ihre Güte , ihre holde Rede und ihren süßen Kuß . Mit wunderbarer Klarheit zogen die köstlichen Bilder der einzig wonnigen Stunden , die er an ihrer Seite , zu ihren Füßen verlebt hatte , durch seine Erinnerung , von jener ersten Begegnung auf dem Rasenplatze hinter dem Schlosse von Grenwitz bis zu dem Augenblick , wo sie , mit Thränen in den lieben Augen , sich von ihm wandte in jener Nacht unseligen Angedenkens , wo der Dämon der Eifersucht die scharfen Krallen in sein zuckendes Herz schlug . Vergieb mir , Melitta ; vergieb mir ! stöhnte er , seinen Kopf in die Kissen drückend . Da plötzlich hielt der Wagen . Die Thür wurde aufgerissen ; die lange Gestalt , die ihm den Schlag herabgelassen hatte , half ihm aussteigen , reichte ihm die Hand , führte ihn einige Stufen hinauf zu einer großen Fensterthür , durch deren rothe Vorhänge ein mattes Licht schimmerte . Die Thür that sich auf , und Oswald sah sich in dem Gartensaal von Melitta ' s Schloß und Melitta schlang ihre Arme um seinen Hals und Melitta ' s Stimme flüsterte : vergieb mir , Oswald ! vergieb mir ! Du Grausamer ! sagte Melitta , als der erste wilde Sturm des Entzückens mit seinen Thränenschauern der Wonne vorübergebraust war ; wie hast Du nur so viele Tage Dein Herz vor mir verschließen können , und wußtest doch , daß ich da draußen stand und um Einlaß bettelte ! Aber ich will Dich nicht schelten . Du bist ja hier und nun ist Alles wieder gut . Sie legte ihren Kopf an seine Brust und schaute durch Thränen lächelnd zu ihm empor ; nicht wahr , lieb ' Herz , nun ist Alles wieder gut ? nun ist Melitta wieder , was sie Dir vorher war , was sie Dir ewig sein wird , trotz aller hübschen sechszehnjährigen Mädchen , sie mögen Emilie heißen oder - Melitta ! Oder Melitta ! denn es giebt nur eine Melitta und wenn tausend so hießen und diese eine bin ich . Und daß Du diesen wichtigen Umstand vergessen konntest , welche Umstände hast Du mir dadurch bereitet , mir und dem alten armen Baumann ! Ich will von mir nichts sagen , denn Leid will Freud und Freud will Leid haben , und wenn man rechtschaffen liebt , kommt es auf ein paar Thränen , ein paar durchwachte Nächte , ein paar angefangene und wieder zerrissene Briefe mehr oder weniger nicht an ; aber der arme Baumann ! Denke Dir nur ! ich war am ersten Tage ganz ruhig , denn ich dachte : er wird schon kommen , und Dich um Verzeihung bitten ; als Du aber nicht kamst , nicht am zweiten , nicht am dritten Tage , da sank mir der Muth und ich mag wohl recht trostlos ausgesehen haben , denn wie ich hier , den Kopf aufgestützt , saß , fühlte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter und als ich aufschaue , steht der gute alte Baumann da und sagt : soll ich einmal nachsehen , wo er so lange bleibt ? - Ach ja , lieber Baumann , sagte ich . Da ging die treue Seele , ohne weiter ein Wort zu sagen fort , und kam erst spät am Abend wieder . Hat Er ihn gesehen ? - Zu Befehl