der ersten Weihe eingepflanzte Stolz , der bei manchem bekanntlich in Hochmuth übergehen kann , konnte sich in diese Erlasse , in die Form dieser Fragen und Antworten nicht finden . Als er im Unmuth über den officiellen Regierungsstil einmal fast gegen ein Viertelhundert Briefe im Zeitraum von zwei Monaten gar nicht geöffnet hatte und ihm doch über die Dinge , die er nun versäumte , über die Menschen , die er durch die Nichtbeachtung ihrer Angelegenheiten in die peinlichste Noth versetzte , zuletzt so himmelangst wurde , daß ihm die Briefe in Gestalt händeringender Weiber und Kinder Nachts am Bette erschienen und er nicht mehr schlafen konnte , da schickte er sämmtliches aufgehäufte Material an den damaligen Kirchenfürsten der Provinz mit der Bitte , ihn vor dem hohen Gubernium zu entschuldigen oder ihm wenigstens für sein kurzgefaßtes Mittel , sich nicht ärgern zu wollen , die möglichst lindeste Strafe zu erwirken . Der damalige Kirchenfürst war im Sinne der Regierung gestimmt , doch nicht ohne Wohlwollen für seine Angehörigen ; so erfolgte eine friedliche Vermittelung . Die Dechanatsgeschäfte wurden dem Freiherrn Franz von Asselyn einfach abgenommen gegen eine Vergütung an seinen Stellvertreter . Der nominelle Dechant war indessen bei alledem doch feinen freiern Anschauungen über die Stellung der Kirche zur Religion , Wissenschaft und zum Vaterlande nicht untreu geworden . Für die jetzt angebahnte mittelalterliche Reaction fehlte ihm alle verwandte Gemüthsstimmung . Er sah sogar etwas in ihr , dem der Stolz und die dynastische Treue des deutschen Adels sich fern halten sollte . Er mochte nicht den Protestantismus , hätte aber gern eine katholische Kirche gehabt , in der Licht und Aufklärung , alle Künste und Wissenschaften , die den Menschengeist , vorzugsweise den deutschen , ehren , Platz behalten hätten . Diese Gesinnung mit Eifer zu verfolgen , für sie zu kämpfen , zu leiden , dazu fehlte ihm leider der Aufschwung . Er begnügte sich , seinerseits das zu sein und auch zu scheinen , was er war . Er ließ sich die Minerva nicht von seinem Ofen wegnehmen , bis des Winters , wenn geheizt wurde . Daß es darüber Anfeindungen gab , verstand sich bei der zunehmenden Liebe zur Dunkelheit und Angeberei von selbst . Einstweilen versöhnte er die Gegner durch sein edles Herz . Seine Wohlthätigkeit war grenzenlos und wenn man an seiner Rechtgläubigkeit zweifelte , konnte er sagen : Ich erzog euch ja einen Heiligen und wer weiß ob nicht außerdem noch einen St.-Georg , wenigstens einen vorm Appell- und Cassationsgerichtshofe ! Er meinte Bonaventura und Benno , die er beide hatte ausbilden lassen und wie seine Söhne liebte . Diese Aeußerung hatte der Dechant auch noch heute wiederholt gethan , als er bei seinem immer gewählten , heute sogar festlich gewesenen Tische mitten unter Donner , Blitz und Regen mehrere der tonangebenden Geistlichen der Umgegend zu Gaste hatte . Mit Einschluß der Frau von Gülpen , seiner nunmehr schon fast der » goldenen Hochzeit « , wie er oft scherzte , sich nähernden Wirthschaftsführerin , hätte die Tafel beinahe aus dreizehn Personen bestanden . Sein alter Diener , der Sternseher - er hieß Joseph Windhack und hatte einst bei einem tüchtigen Lehrer der Astronomie , einem österreichischen Exjesuiten in Wien , seine Carrière im Dienen und im Sternsehen begonnen - , hätte diese Herausforderung der Schicksalsmächte ebenso wenig geduldet wie Frau von Gülpen . Es waren an die immer offene Tafel des Gastfreiesten der Gastfreien heute statt neun elf geistliche Herren gekommen , unter ihnen sogar ein Mönch . Jetzt blieb der Oberst von Hülleshoven , der mürrische Sonderling , aus . Nun half nichts , Frau von Gülpen mußte die zwölf Herren allein lassen und sich von der Tafel ganz zurückziehen , wodurch sie insofern einen Vortheil gewann , als sie desto umsichtiger erstens die Ordnung der verschiedenen Gänge dirigiren und zweitens die gerade zwischen einem pikanten Hors d ' oeuvre und dem Rindfleisch ankommende Lucinde empfangen konnte . Auf eine kurze Vorbereitung und erst einleitende Anweisung für ihre Stellung war Lucinde gleich in dem oben citirten Briefchen angewiesen gewesen . Daß diese so kurz ausfallen würde , hätte vielleicht Petronella von Gülpen selbst nicht geglaubt ; denn Lucinde war über die Aehnlichkeit der Gesellschafterin des Dechanten mit ihrer alten verschollenen » Frau Hauptmännin « sogleich wie sprachlos geworden , hatte allem zugestimmt und sich nur erst auf ihrem Zimmer zu sammeln gesucht ... Das Diner war vorüber . Der Dechant erschöpft von Tischgesprächen , wie er sie nicht liebte . Hatten diese Collegen sich heute nicht gerüstet zu der Conferenz , die Nachmittags beim Stadtpfarrer stattfinden sollte , als gält ' es einen Wettkampf mit den Kriegsmanövern ! Es waren nicht einmal die Zeloten , die der Dechant bei sich sah , aber alle standen unter dem Druck der Eiferer ... und der Mönch , ein Franciscaner , den einer der Herren mitgebracht hatte , war einer der berühmtesten unter den Drängern und Stürmern und ein geistvoller Mann dazu . Wie griff das alles den Dechanten an , ihn , der die Gewohnheit des alten Exjesuitenschülers , seines einst aus Wien mitgebrachten Dieners , Joseph Windhack , Abends auf einer Plateforme des Schlößchens sich um den Lauf und die Stellung der Gestirne zu bekümmern , so gern zum Anlaß nahm , von ihnen beiden zu sagen , daß sie ja überhaupt mehr im Sirius lebten als auf dieser kleinen Erde , dieser Tellus , die nicht einmal ein eigenes Licht hätte , sondern das ihrige von der Sonne und dem armseligen Monde borgen müßte , ja daß die Sonne wieder ein Fixstern untergeordneten Ranges wäre und mit dem Sirius in gar keine Vergleichung kommen könnte , welcher Sirius wiederum seinerseits ... Weiter ging er wenigstens in seinen Ketzereien heute an der Tafel nicht , wo das Gespräch auf den Sirius gekommen war und den Mönch veranlaßt hatte , über die Kassiopeia und die Farbe der Sterne überhaupt zu sprechen , worüber sich Windhack beinahe vergessen und beim Serviren ins