, die ein Kunstwerk , sei es Bild , Dichtung oder Musik , nie entbehren kann , ohne aufzuhören , ein Kunstwerk zu sein . Es ist diese Ruhe jene allseitige Übereinstimmung aller Teile zu einem Ganzen , erzeugt durch jene Besonnenheit , die in höchster kunstliebender Begeisterung nie fehlen darf , durch jenes Schweben über dem Kunstwerke und das ordnende Überschauen desselben , wie stark auch Empfindungen oder Taten in demselben stürmen mögen , die das Kunstschaffen des Menschen dem Schaffen Gottes ähnlich macht , und Maß und Ordnung blicken läßt , die uns so entzücken . Bewegung regt an , Ruhe erfüllt , und so entsteht jener Abschluß in der Seele , den wir Schönheit nennen . Es ist nicht zu zweifeln , daß sich andere vielleicht anderes bei diesen Worten denken , daß dieses Andere gut oder besser als das Meinige sein kann - gewöhnlich geht es mit solchen Gangwörtern so , daß jeder seinen eigenen Sinn hinein legt . Das beste ist , daß die schaffende Kraft in der Regel nicht nach solchen aufgestellten Sätzen wirkt , sondern das Rechte trifft , weil sie die Kraft ist , und es desto sicherer trifft , je mehr sie sich auf ihrem eigentümlichen Wege naturgemäß ausbildet . Für das Verständnis der Kunst , für solche , welche ihre Werke beschauen und sich darüber besprechen , sind Auslegungen derselben Einkleidung ihres Wesens in Worte eine sehr nützliche Sache , nur muß man die Worte nicht zum Hauptgegenstande machen und auf einen Sinn , den man ihnen beilegt , nicht so bestehen , daß man alles verdammt , was nicht nach diesem Sinne ist . Sonst müßte man ja den größten und einzigen Künstler am meisten tadeln , Gott , der so unzählige Gestaltungen erschaffen hat , und dessen Werke ja wirklich von Menschen untergeordneten Geistes getadelt werden , die meinen , sie hätten es anders gemacht . « Bei diesen Worten kam Gustav in den Saal . Die Dämmerung hatte schon stark zugenommen , es regnete aber noch Immer nicht . » Dieser steht noch auf demselben Stande , auf welchem Ihr früher gestanden seid « , sagte mein Gastfreund , auf Gustav weisend , der auf ihn zuging . » Wie meinst du das , Vater ? « fragte der Knabe . » Wir redeten von Kunst , « antwortete mein Gastfreund , » und da behaupte ich , daß du noch nicht in der Lage bist , Kunstwerke so erkennen und beurteilen zu können wie unser Gast hier . « » Wohl , das behaupte ich selber , « sagte Gustav , » er ist darum auch teilweise mein Lehrer , und wenn er in der Erkenntnis der Kunst dir und Eustach und der Mutter nachstrebt , so werde ich meines Teils ihm wieder nachstreben . « » Das ist gut , « sagte mein Gastfreund , » aber das ist es nicht so ganz , wovon wir sprachen , allein es tut nichts zur Sache , und gehört auch nicht zur Wesenheit . « Mit diesen Worten , gleichsam um ferneren Fragen vorzubeugen , trat er an ein Fenster , und wir mit ihm . Wir betrachteten eine Weile die Erscheinung vor uns , die über dem immer dunkler werdenden Gefilde immer großartiger wurde , und gingen dann , da der Abend beinahe in Finsternis übergehen wollte , und die Stunde des Abendessens gekommen war , über die Marmortreppe in das Speisezimmer hinunter . Das Gewitter war in der Nacht ausgebrochen , hatte einen Teil derselben mit Donnern und einen Teil mit bloßem Regen erfüllt , und machte dann einem sehr schönen und heiteren Morgen Platz . Das erste , was ich an diesem Tage tat , war , daß ich zu dem marmornen Standbilde ging . Ich hatte es gestern , da wir über die Treppe hinabstiegen , nicht mehr deutlich und nur von einem Blitze oberflächlich beleuchtet gesehen . Die Finsternis war auf der Treppe schon zu groß gewesen . Heute stand es in der ruhigen und klaren Helle des Tages , welche das Glasdach auf die Treppe sendete , schmucklos und einfach da . Ich hatte nicht gedacht , daß das Bild so groß sei . Ich stellte mich ihm gegenüber und betrachtete es lange . Mein Gastfreund hatte recht , ich konnte keine eigentliche einzelne Schönheit entdecken , was wir im neuen Sinne Schönheit heißen , und ich erinnerte mich auf der Treppe sogar , daß ich oft von einem Buche oder von einem Schauspiele , ja von einem Bilde sagen gehört hatte , es sei voller Schönheiten , und dem Standbilde gegenüber fiel mir ein , wie unrecht entweder ein solcher Spruch sei , oder , wenn er berechtigt ist , wie arm ein Werk sei , das nur Schönheiten hat , selbst dann , wenn es voll von ihnen ist , und das nicht selber eine Schönheit ist ; denn ein großes Werk , das sah ich jetzt ein , hat keine Schönheiten , und um so weniger , je einheitlicher und einziger es ist . Ich geriet sogar auf den Gedanken und auf die Erfahrung , die ich mir nie klar gemacht hatte , daß , wenn man sagt , dieser Mann , diese Frau habe eine schöne Stimme , schöne Augen , einen schönen Mund , eben damit zugleich gesagt ist , das andere sei nicht so schön ; denn sonst würde man nicht einzelnes herausheben . Was bei einem lebenden Menschen gilt , dachte ich , gilt bei einem Kunstwerke nicht , bei welchem alle Teile gleich schön sein müssen , so daß keiner auffällt , sonst ist es eben als Kunstwerk nicht rein , und ist im strengsten Sinne genommen keines . Dessenohngeachtet , daß ich , oder vielmehr eben darum , weil ich keine einzelnen Schönheiten an dem Standbilde zu entdecken vermochte , machte es , wie ich mir jetzt ganz klar bewußt war , wieder einen außerordentlichen Eindruck auf mich . Der Eindruck war