dem man von Dem , was unverhüllt sich zeigte , ahnend ins Verborgene folgte . Melanie besaß heute noch mehr Anziehung als je ; denn sie hatte warten , sich sehnen , sich vor sich selbst demüthigen müssen . Diese Sehnsucht malte sich in ihren Augen , die feuchter als sonst strahlten . Auf der kleinen , edlen Stirn und an den hohen , frei leuchtenden Schläfen lag ein Ernst , der ihr sonst fremd war . Sie hatte das freie Spiel ihrer Coquetterie schon dadurch verloren , daß sie heute mehr des Gastes als ihrer selbst eingedenk sein mußte . Wie malte sie sich nicht den Tag über aus , was sie Alles vom Prinzen schon wußte und noch im Laufe des Tages erfuhr ! Wie verlor sie sich in Möglichkeiten der Zukunft ! Wie überdachte sie die Abenteuer , die schon von dem Prinzen alle erzählt wurden ! Wie natürlich fand sie diesen geheimnißvollen Besuch auf einem Schlosse , das er mit seinem wahren Namen nicht sehen mochte , um nicht vor Denen gedemüthigt zu werden , die hier das elende Geld zu Herren gemacht hatte ! Wie hatte sie diese Gläubiger im Laufe des Tages verspottet , wenn sie rechneten und maßen , ob sie wol vorziehen sollten , selbst diese Herrschaft anzukaufen oder sich in ihr Deficit ruhig zu ergeben ! Wie entschieden hatte sie jeden Besuch für heute zurückgewiesen , um dem unglücklichen jungen Fürsten die Demüthigung zu ersparen , Menschen zu sehen , zu deren Untergebenen ihn der Leichtsinn seines Vaters gemacht hatte ! Bartusch hatte die größte Mühe gehabt , diese Ablehnungen so höflich wie möglich einzukleiden ... Dankmar , seine bedenklichen Handschuhe allmälig ganz unbelauscht ausziehend , begann mit Entschuldigungen über seine Garderobe , die nur für eine plötzliche Geschäftsreise eingerichtet wäre ... Als er dafür von den Damen die holdseligste Absolution in Empfang genommen hatte , sagte er : Meinem Bruder muß ich die bittersten Vorwürfe machen , daß er mich von dem Glück einer Bekanntschaft niemals unterhalten hat , die er mir vielleicht nicht gönnte . Seit wann kennen Sie ihn ? Seit einigen Wochen , erwiderte Melanie ... ungläubig lächelnd und mit den Augen blinzelnd , als müßte sie sich beherrschen , nicht laut in Lachen auszubrechen . Dann entschuldigt ihn , sagte Dankmar , meine längere Abwesenheit . Finden Sie , daß wir uns ähnlich sehen ? Erstaunlich , sagte die Mutter . Zwar ist mir Herr Wildungen nur aus größern Gesellschaften , die wir gaben , erinnerlich , allein meinst du nicht , Melanie - die Augen - ich meine die Augen - Warum nicht gar ! sagte Melanie . Es ist eine große Ähnlichkeit da , aber der Ausdruck und die Art ist eine völlig andere . Von den Augen zumal , Mutter , darfst du nicht reden . Siegbert ' s Augen haben einen schönen frommen , leuchtenden Glanz ; entsinnst du dich des Bildes von Leidenfrost , auf dem ich und Herr Siegbert verspottet sein sollen ? Man erkennt die verklärte Stimmung einer nur zu regen Begeisterung bei ihm , aber die Ihrigen , mein Herr , sind etwas unheimlich , etwas bös ; man möchte ihnen kein Vertrauen schenken .... Dankmar bedankte sich für eine Rüge , die doch nichts als eine coquette Schmeichelei war . Das Gemälde von Leidenfrost war ihm aber unbekannt . Ein Gemälde , auf dem Melanie und sein Bruder verspottet wären ? Sein Bruder verspottet ? Verspottet von dem ihm wohlbekannten , Siegbert befreundeten Leidenfrost ? Darüber verfiel er in eine wahre , gar nicht erkünstelte Verlegenheit und wußte nicht , was er dazu sagen sollte . Die Justizräthin , diese Verlegenheit vollkommen durchschauend , nahm das Wort und entschuldigte den so kleinen Cirkel , mit dem man ihn begrüße . Sie hätte ihn anfangs für menschenscheu gehalten . Man hätte ihn hier und dort allein lustwandeln sehen ; zum Schlosse empor hätte er nie blicken mögen ... so wäre es gekommen ... daß ... Sie lieben die Einsamkeit , unterbrach Melanie die ehrliche Mutter , die nicht gut Komödie spielen konnte . Es ist bekannt , Mutter ! Herr ... Herr ... Herr Wildungen sind ein Einsiedler . Dankmar mußte sich im Stillen sagen , daß bei ihm gerade das Gegentheil stattfand ; doch gelang es seiner Situation mehr als ihm selbst , sich die schwermüthige Miene zu geben , die Melanie ' s Ausspruch voraussetzte ... Als er lächelnd verlegen niederblickte , sagte Melanie rasch : Kennen Sie den Prinzen Egon ? Den Prinzen ? - Ich kenne ihn ... sagte Dankmar nach einem Moment fast ohne Überlegung . Wie , fuhr Melanie elektrisirt auf , Sie kennen Jemanden , den Niemand kennt ? Wo ich gefragt habe : Wer ist Prinz Egon ? Wie ist er ? Wo ist er ? Nirgend hab ' ich eine klare und deutliche Antwort bekommen . Es ist der Mann der Sage , der Anekdote , der Fiction . Und Sie wollen ihn kennen ? Dankmar fühlte wol , daß er sich hatte fangen lassen . Aber einmal im Netze , beschloß er , das Netz auch nicht mehr zu zerreißen und lieber von der Möglichkeit , ihn selbst für Egon zu halten , die Vortheile zu ziehen , die sich ihm vielleicht noch im Laufe des Abends darbieten würden . Es ist zu weitläufig , sagte er , Ihnen zu erzählen , wo ich den jungen unglücklichen Erben dieses Fürstenthums kennen lernte , aber ich kenne ihn . Melanie biß sich , um nicht zu lachen , auf die Lippen . Sie erröthete und stützte sinnend das Kinn auf ihre Arme , die sie im Schooß zusammenlegte . Von unten herauf blitzte aus ihren Augen ein Feuer , das gleichsam zu sagen schien : Ich bin viel auf den Fluren umhergeflattert , ich froher Schmetterling , aber von allen Huldigungen , die ich empfing und als Siegerin zurückwies , könnte mich keine mehr zur Sklavin machen , als