die dargebotene Hand mit Höflichkeit küssen ; er wurde aber wohlmeinend an eine volle Brust gezogen , mit kräftigen Armen , denen sich nicht widerstehen ließ , umschlungen und drei bis vier Mal schallend geküßt , indem er die noch immer fließenden Thränen warm an seiner Wange fühlte . Diese unverkennbaren Zeichen des Wohlwollens brachten auch ein Gefühl der Rührung bei ihm hervor . Frau Base , sagte er , Sie haben Ihren Sinn gegen mich christlich geändert . Er war ja ein Narr , antwortete seine Verwandte , indem sie ihre Thränen trocknete ; er bildete sich in seinem überstudirten Kopfe ja nur dummes Zeug von mir ein . Ich habe es immer gut mit Ihm gemeint , so wie mein alter , guter seliger Mann . So ist mein Oheim gestorben ? fragte der Arzt mit Bestürzung . Ja wohl , erwiederte die Wittwe , und bis zum letzten Augenblicke seines Lebens hat er nicht aufgehört an Ihn zu denken , für ihn zu sorgen , und ich kann es Ihm sagen , wie Er von Jena weggegangen war und Niemand wußte , wo Er geblieben wäre , haben wir oft bitterlich geweint und es bereut , daß wir Ihn so in die Welt hatten hinein laufen lassen , und mein Alter sagte oft : Es ist zu hart , daß wir ihm nicht geschrieben haben ; der arme Mensch hat alles Vertrauen zu uns verloren , wir hätten ihm seinen Fehler vergeben sollen ; wer weiß , in welchem Elende er umgekommen ist . Solche traurige Gedanken hatten wir über ihn , und nun , Gottlob ! finde ich Ihn hier ausgeputzt wie den Großtürken . Der Pfarrer und seine Familie umstanden die beiden sich erkennenden Verwandten , und es gelang dem Ersten endlich , einige Ordnung in die Gespräche zu bringen . Die Frau Professorin wurde , so bald sie als solche erkannt war , eingeladen , auf dem Sopha neben ihrem Neffen Platz zu nehmen , wogegen sie sich nicht sträubte . Das junge Mädchen in ihrer Begleitung wurde von ihr als ihre Tochter bezeichnet und gesellte sich zu den Töchtern des Predigers , auf deren Aufforderung sie den großen Strohhut abnahm und ein feines , blasses Gesicht mit großen blauen Augen zeigte , die sie schüchtern beinah nach jeder Bewegung auf die Mutter richtete , die ziemlich streng das Betragen der Tochter zu regeln schien ; starke Flechten von hellblonden Haaren vollendeten das Bild des jungen Mädchens , das im Ganzen einen angenehmen Eindruck hervorbrachte . Als diese Gäste Platz genommen hatten , sah sich der Pfarrer verlegen nach dem Schulzen und seiner Mutter um , die er nicht zu seiner Gesellschaft zählen und auch als Verwandte der Fremden nicht beleidigen wollte . Sie waren aber schon bereit , sich zurück zu ziehen ; denn wenn sie auch ihre vornehmen Verwandten mit Stolz betrachteten , so wußten sie doch , daß sie sich dem Geistlichen nicht als Gesellschaft aufdrängen konnten . Der Arzt konnte sich noch immer in das , was ihm begegnet war , nicht recht finden , und der Prediger suchte das Gespräch auf die Angelegenheiten und auf die Begebenheiten der Frau Professorin zu leiten . Sie war , wie alle Leute ohne Erziehung , gleich bereit , auf Beides offenherzig und umständlich einzugehen , und erzählte : Wie ich in Gießen vor funfzehn Jahren eintraf und nach meinem Vaterlande zurückkehren wollte , beschädigte ich mich beim Absteigen vom Wagen so stark am Fuße , daß ich nicht weiter konnte und einige Wochen da bleiben mußte , um das Bein zu heilen . Während der Zeit hatte ich einige gute Freunde gefunden , die mir sagten , ein gewisser Professor , der sich vor lauter Gelehrsamkeit um nichts Anders bekümmern könne , suche eine Haushälterin , auf deren Treue er sich verlassen könne , denn er sei ein Mann von Vermögen . Ich sagte zu mir , was willst du zu Hause machen ? Das Bauernleben bist du doch nicht mehr gewohnt und suchst dann doch wohl wieder einen Dienst , also besser gleich hier geblieben . So geschah es dann und ich nahm die Stelle bei dem guten alten Manne an ; aber , lieber Herr Prediger , was war bei dem für eine Wirthschaft ! Jeder bestahl ihn , Jeder betrog ihn , seine Kollegia wurden ihm nicht bezahlt , sein Geld nahmen ihm Heuchler und Betrüger ab , kurz , es ging Alles drunter und drüber . Ich konnte das nicht mit ansehen . Zu seinem Besten zankte ich mich mit ihm alle Tage , aber es half nichts , er konnte sich nicht ändern . Ich stellte ihm hundert Mal vor , daß er auf diesem Wege ein verlorner Mann sei , und rieth ihm , eine Frau zu nehmen , die Gewalt über ihn habe und ihn in Ordnung halten könne , denn ich als seine Haushälterin könne darin nichts thun . Seine Blutsauger lachten mich nur aus , wenn ich sein Geld eintreiben wollte ; er sah Alles ein , gab mir Recht , aber konnte sich immer nicht entschließen . Endlich hatten wir uns ein Mal wieder tüchtig gezankt und ich sagte ihm , wenn er keine Frau nehmen wolle , so würde ich auch nicht bei ihm bleiben , denn ich könne die unordentliche Wirthschaft nicht länger mit ansehen . Da sagte der gute Mann , was brauche ich denn in der Ferne zu suchen , was mir so nahe im Wege liegt . Wir können uns ja gleich selber heirathen , meine gute Leonore , wenn es nöthig ist , eine Frau zu nehmen , um Ordnung im Hause zu haben . Ich war anfänglich ganz bestürzt über seine Rede ; wie ich es aber gehörig überlegt , fand ich , daß er ganz recht hätte . Ich erkundigte mich , ob er nahe Verwandte habe . Niemanden , sagte er , als einen Schwestersohn , der bald hieher auf die Universität kommen