fähig zu hoffen ; doch nun war nicht nur sie , sondern zugleich mit ihr jede Spur von Raimunds jetzigem Leben ihr verschwunden , und sie fand eine Art grausamer Freude darin , sich ihrem Kummer und jeder Besorglichkeit ohne Schonung gegen sich selbst hinzugeben . Auch die gegenwärtige Stimmung ihres Vaters trug in dieser Zeit nicht wenig dazu bei , sie in Angst und Unruhe zu versetzen . Dieser war freilich weit milder und freundlicher gegen sie geworden , als er es bald nach der Auflösung ihres Verhältnisses zu Sir Charles gewesen war ; die Liebe zu seinem einzigen Kinde schien nicht nur in dem Gemüthe des Alten wieder erwacht , sondern sie äußerte sich zuweilen ganz eigen , auf eine Weise , die bei seiner gewohnten Heftigkeit um so rührender erschien , je mehr sie gegen die rauhe Behandlung abstach , die Vicktorine früher von ihm zu erdulden gehabt hatte . Eben diese Veränderung in seinem Wesen , deren Grund sie vergebens zu errathen suchte , erweckte aber in Vicktorinens , dem Vater kindlich ergebenem Gemüthe Besorgnisse , die nicht ganz ungegründet zu seyn schienen . Kleeborn war viel bleicher und dabei viel stiller als sonst , auch oft in Gedanken versunken und dabei recht von Herzen betrübt . Der alte Müller kehrte noch immer nicht von Amsterdam zurück und Vicktorine glaubte zu bemerken , daß ihres Vaters trübe Stimmung mit der verlängerten Abwesenheit desselben in Zusammenhang stünde ; doch aus leicht zu errathenden Gründen vermied sie es , hierüber eine Frage zu wagen . Die drückendste Schwüle hatte einen ganzen langen Sommertag hindurch auf der Natur gelastet , schwere Ungewitter stiegen im Laufe desselben aus allen Himmelsgegenden auf und standen , oft kämpfend , einander gegenüber . Die hohen Linden vor dem Hause beugten sich krachend vor des Sturmes Gewalt , vom schwarzumzogenen Himmel stürzten Wolkenbrüchen ähnliche Regenströme herab , gelbe Blitze umspielten die hohen Wipfel der uralten Bäume , und die Erde schien in ihren Vesten vor der lauten Stimme des Donners zu erzittern . Dann ward es wieder Friede in der Natur , die kämpfenden Elemente schienen versöhnt bis neue Wolkengebürge sich aufthürmten , neue Donner diese zerrissen und der eben beendete Kampf sich noch furchtbarer von neuem entflammte . Doch die Strahlen der dem Untergange sich nahenden Sonne zertheilten endlich den Wolkenschleier , der sie fast den ganzen Tag über verhüllt hatte . Zurückgerollt zu beiden Seiten , bildete er ein hochgewölbtes , in den glühendsten Farben prangendes Flammenthor , in dessen Mitte die Siegerin sich langsam dem Horizonte zuneigte . Jede einzelne Woge des breiten majestätisch hinrollenden Stromes prangte in goldigem Purpur , Myriaden zerstreuter Edelsteine blitzten auf der grünen Erde , jedes Blatt , jede Blume , jeder Grashalm glänzte in mehr als königlicher Pracht , berauschende Düfte entströmten den blühenden Orangenbäumen auf der Terrasse , den Levkoyenbeeten , den dunkeln Nachtviolen , und drüben im Osten strahlten drei Regenbogen dicht neben einander , in so hoher seltner Farbenpracht , daß man nicht unterscheiden konnte , welcher der Abglanz des andern sey . Es war als wollten sie mit jenem westlichen , immer glühender sich wölbenden Thore wetteifern , unter welchem die Sonne immer tiefer sich senkte . » O welch ein Abend ! « sprach tiefaufathmend Angelika , indem sie , auf Vicktorinens Arm gelehnt , unter die hohen Säulen vor dem Hause hinaustrat . » Laß mich hier Luft schöpfen , ich habe den Tag über ihrer so wenig gehabt , die Brust war mir so enge . Laß mich jetzt in langen Zügen die balsamisch erquickende Kühle trinken . « Sorgsam führte Vicktorine die aetherisch verklärte Gestalt einem bequemen Sitze unter den Säulen zu und nahm schweigend ihr zur Seite Platz . In Andacht und stiller Bewunderung versunken , blickten beide eine Weile hinaus in die wundervolle Pracht , welche sie umgab . » Siehst Du im Osten den Bogen des Friedens ? der ewigen Hoffnung ? « sprach endlich Angelika , » und täuscht mein Auge mich vielleicht - es thut es jetzt zuweilen - oder sind es wirklich ihrer drei ? « » Es sind ihrer drei , « erwiederte Vicktorine , die jetzt mit immer steigender Besorgniß den ungewöhnlich strahlenden Glanz der Augen ihrer Freundin gewahr wurde , welche den ganzen Tag über von der schwülen Luft sehr bedrückt gewesen war . » Es sind wirklich ihrer drei , « wiederholte Anlika . » Wunderbar ! nie zuvor habe ich diese seltne Pracht gesehen . Und dort die Sonne ! Liebe Vicktorine , welch ein Bild meines kurzen Lebens war dieser Tag . Immer mußte ich daran denken . Zuerst der trübe beklemmende Morgen . Dann die kurzen Sonnenblicke , der Regen , das Ungewitter , und nun die köstliche himmlische Ruhe dieses glanzerfüllten Abends ! Sieh ' , Liebe , ist es nicht als wolle dort im Westen der Himmel sich öffnen , und uns einen Blick in das Reich seiner Herrlichkeit gewähren ? und die untergehende Sonne , will sie uns nicht nach Osten hinweisen , wo sie noch immer wieder aufgehen wird , wenn sie mir schon lange nicht mehr leuchtet ? Nach dem Osten , den sie jetzt , indem sie von uns Abschied nimmt , so überherrlich mit dem tröstlichen Bilde schmückt , das Gott einst der vor seinem Zorne zagenden Erde gab , und dem Menschen dabei zu hoffen gebot . Und nun kommt bald die milde ernste Nacht mit ihren Sternen am Himmel heraufgezogen . Dann schlummern wir in Frieden - und träumen auch wohl . « » Sprich nicht so viel , meine Angelika , « bat Vicktorine , » komm , Liebe , komm ins Haus , Du bist matt und erschöpft . « » O nein ! o nein ! « rief Angelika mit ungewohnter Lebhaftigkeit . » Mir ist wohl , unbeschreiblich wohl , mir ist wie noch nie in meinem Leben . Sey nicht besorgt um mich , « setzte sie schmeichelnd hinzu ,