wollen . Niemand beschreibt den wilden Schmerz Hippolits bei solchen Anlässen . Seit er als Hausgenosse Gabrielen in ihren häuslichen Verhältnissen genauer beobachten konnte , stieg sein Gefühl für sie bis zur Anbetung ; er hätte sein Leben hinbluten mögen , um ihr einen frohen Augenblick zu erkaufen . Keins der unzähligen Opfer , welche sie ihrer Pflicht täglich brachte , entging seinem Scharfblick . Und wenn sie dann mit ihrem schuldlosen Lächeln , in milder Heiterkeit vor ihm stand , mit Leichtigkeit und Sorgfalt nur auf das Vergnügen ihrer nächsten Umgebungen bedacht schien , so hätte er vor ihr in den Staub sinken mögen , wie vor einer himmlischen Erscheinung . » Nein ! sie ist nicht von dieser Welt ! « rief er oft in die schweigende Nacht , wenn er mit sich allein den eben verlebten Tag überdachte , » sie gehört nicht zu uns . Sie ist ein Engel , der , uns zum Vorbild , einige Zeit unter uns wandeln muß ; weder Wonne noch Schmerzen , wie wir sie empfinden , können das Gemüth dieser Heiligen berühren ! « Aengstlicher als je zuvor bewachte er den Sturm in seiner Brust , kein Wort , kein Blick durfte ihn verrathen . Nur wenn er ganz unbeachtet sich glaubte , wagte er es zuweilen , ihr Kleid zu berühren , eine Blume aufzunehmen , welche sie achtlos liegen ließ , oder an den Platz sich hinzuwerfen , den sie eben verlassen hatte . Wenn sie auf Spaziergängen ihren Schawl ihm anvertraute , oder wenn er vollends ihren Gesang mit seiner Flöte begleitete ; und ihr Hauch an seiner Wange streifte , dann erbebte er in Seligkeit , aber er schwieg und wagte nicht , die Augen zu erheben , damit sie nicht an ihm zu Verräthern würden . So vergingen einige Wochen . Am Ende derselben sah Gabriele sich mit ihren beiden jungen Gesellschafterinnen und Hippoliten fast immer allein , denn Moritz , der noch nie eine der unzähligen Thorheiten seines Lebens so schmerzlich bereut hatte , als den Entschluß , nach Schloß Aarheim zu gehen , schämte sich doch , durch seine Abreise vor der dazu bestimmten Zeit , dieses einzugestehen . Er wählte lieber einen Mittelweg , der seiner Schwäche besser zusagte . Er war nie zu Hause , machte Besuche zehn Meilen in die Runde , suchte die in der Umgegend wohnenden Mineralogen auf , und unternahm mit ihnen kleine Reisen ; denn für dieses Lieblingsfach seines Wissens blieb seine Vorliebe beständig sich gleich . Hippolit begleitete ihn selten , seine Unwissenheit im mineralogischen Fache diente ihm meistens zur Entschuldigung , und da Moritz die gewohnte Erheiterung in seiner Gesellschaft jetzt weder suchte noch fand , so erlaubte er ihm recht gern , zum Schutz und Zeitvertreib der Damen zu Hause zu bleiben . Er that sich noch dabei auf seinen Scharfblick etwas zu gute , der ihm eine entstehende Leidenschaft Hippolits zu der schönen Ida entdecken ließ . In besonders aufgeweckten Momenten ermangelte er auch nicht , seinen jungen Freund mit dieser Vermuthung zu necken , und dessen aus andern Gründen sehr verlegnes Läugnen bestärkte ihn in dem Glauben daran , statt ihm denselben zu rauben . Ruhig von innen und außen , sahe Gabriele den Herbst herannahen . Moritzens Gegenwart trat jetzt sehr selten störend ein und sie zählte wirklich Tage und Wochen , die ihr ein recht anmuthiges Bild der früher an der Hand der Mutter verlebten glücklichen Jugend gewährten . Das Schloß war voll Reliquien jener Zeit . Zeichnungen , Bücher , Musikalien , was nur die geliebte Verklärte berührt hatte , ward von Gabrielen zusammengetragen , aufbewahrt , in ihrem Geiste benutzt . Musikalische Uebungen , gemeinschaftliches Zeichnen , geistige Beschäftigungen aller Art , ließen dem kleinen Kreise keine rauschendern Freuden vermissen . Ida und Bella wurden gar nicht gewahr , in welcher fast gänzlichen Einsamkeit sie sich eigentlich befanden . Ihre Begriffe , ihr Wissen , ihre Ansichten von der Welt und über das Leben erweiterten sich mit jedem Tage , sie wußten nicht wie ? Denn sie erhielten keinen eigentlichen Unterricht , der in der Stadt im Hause ihrer Mutter sie oft bis zum Sterben langweilte . Auch Hippolit , obgleich er im eigentlichen geordneten Wissen sich über Gabrielen erheben durfte , fühlte dennoch , wie im Umgange mit ihr alles , was er jemals gelernt hatte , ihm erst zur Wahrheit wurde , weil es in das wirkliche Leben verflochten ward , statt daß es sonst nur kalt und todt ihm eben zur Hand gewesen war , wie etwa ein Lexikon , in welchem man aufsucht , was man für den Augenblick braucht . Hätte Gabriele jemals ahnen können , wie schwer der junge Freund , an dessen geistigem Entwickeln sie so innig sich freute , für jede selig mit ihr verlebte Stunde in der Einsamkeit unter den wüthendsten Qualen glühender , hoffnungsloser Leidenschaft büßen mußte ! Aber ihrem unbefangnen Sinn kam nie ein solcher Gedanke . Sein durchaus vorsichtiges Benehmen hatte längst jede Erinnerung an jenen unbewachten Augenblick in der Laube verlöscht , und wenn auch in seltnen Momenten ein Wort , ein Blick ihm entschlüpfte , der sie daran hätte erinnern können , so war Gabriele weder eitel noch argwöhnisch genug , dieses zu bemerken . Er ward ihr mit jedem Tage lieber , wie aller Frauen wird , was sie sorgsam pflegen und erziehen . Die sichtbare Veredlung seines Wesens , sein eigentliches Selbst war ihr Werk , das mußte sie mit freudigem Stolz sich gestehen , und dabei pries sie dankbar die Gelegenheit , die ihr ward , ihm so zu vergelten . Freilich vergingen Tage , in denen auch Hippolit der Gegenwart sich hingab wie ein Kind , ihm genügte dann , sie zu sehen , zu hören , von ihr angelächelt zu werden . Aber wenn nun Moritz nach einiger Abwesenheit zu Hause kam , wenn dieser es wagte , Gabrielen vertraulich zu begrüßen , und nun plötzlich der