in der Gegenwart auf ; unter den Menschen , wie sie ihn im Leben umgaben , sah er das Gnadenreiche geschehen , und wie er es lebendig geschaut , brachte er es auf die Tafel . Heutzutage sind jene Geschichten etwas ganz Entferntes , das als für sich bestehend und in die Gegenwart nicht eintretend , nur in der Erinnerung ein mattes Leben mühsam behauptet , und vergebens ringt der Künstler nach lebendiger Anschauung , da , mag er es sich auch selbst nicht gestehen , sein innerer Sinn durch das weltliche Forttreiben verflacht ist . - Ebenso fade und lächerlich ist es aber hiernach , wenn man den alten Malern Unkenntnis des Kostüms vorwirft und darin die Ursache findet , warum sie nur die Trachten ihrer Zeit in ihren Gemälden aufstellten , als wenn unsere jungen Maler sich mühen , die abenteuerlichsten geschmackwidrigsten Trachten des Mittelalters in ihren Abbildungen heiliger Geschichten anzubringen , dadurch aber zeigen , daß sie das , was sie abzubilden unternommen , nicht unmittelbar im Leben anschauten , sondern sich mit dem Reflex davon begnügten , wie er ihnen im Gemälde des alten Meisters aufging . Eben daher , mein lieber Johannes , weil die Gegenwart zu profan , um nicht mit jenen frommen Legenden im häßlichen Widerspruch zu stehen , weil niemand imstande ist , sich jene Wunder als unter uns geschehen vorzustellen , eben daher würde allerdings die Darstellung in unserem modernen Kostüm uns abgeschmackt , fratzenhaft , ja frevelig bedünken . Ließe es aber die ewige Macht geschehen , daß vor aller unser Augen nun wirklich ein Wunder geschehe , so würde es durchaus unzulässig sein , das Kostüm der Zeit zu ändern , so wie die jungen Maler nun freilich , wollen sie einen Stützpunkt finden , darauf bedacht sein müssen , in alten Begebenheiten das Kostüm des jedesmaligen Zeitalters , so wie es erforschlich , richtig zu beobachten . - Recht , wiederhole ich noch einmal , recht hatte der Maler dieses Bildes , daß er die Gegenwart andeutete , und eben jene Staffage , die Ihr , lieber Johannes , verwerflich findet , erfüllt mich mit frommen heiligen Schauern , da ich selbst einzutreten wähne in das enge Gemach des Hauses zu Neapel , wo sich erst vor ein paar Jahren das Wunder der Erweckung jenes Jünglings begab . « - Kreisler wurde durch die Worte des Abts zu Betrachtungen mancherlei Art veranlaßt ; er mußte ihm in vielem recht geben , nur meinte er doch , daß , was die höhere Frömmigkeit der alten Zeit und die Verderbtheit der jetzigen betreffe , aus dem Abt gar zu sehr der Mönch spreche , der Zeichen , Wunder , Verzückungen verlange und wirklich schaue , deren ein frommer kindlicher Sinn , dem die krampfhafte Ekstase eines berauschenden Kultus fremd bleibe , nicht bedürfe , um wahrhafte christliche Tugend zu üben ; und eben diese Tugend sei keineswegs von der Erde verschwunden , und könne dies wirklich geschehen , so würde die ewige Macht , die uns aufgegeben und dem finstern Dämon freie Willkür gegönnt , uns auch durch kein Mirakel zurückbringen wollen auf den rechten Weg . - Alle diese Betrachtungen behielt indessen Kreisler für sich und betrachtete schweigend noch immer das Bild . Aber immer mehr traten auch , wie bei näherem und näherem Anschauen , die Züge des Mörders aus dem Hintergrunde hervor , und Kreisler überzeugte sich , daß das lebendige Original der Gestalt niemand anders sein könne als Prinz Hektor . » Mich dünkt , « begann Kreisler , » mich dünkt , hochehrwürdiger Herr , ich erblicke dort im Hintergrunde einen wackern Freischützen , der es abgesehen hat auf das edelste Tier , nämlich auf den Menschen , den er pirscht auf mannigfache Weise . Er hat diesmal , wie ich sehe , ein treffliches wohlgeschliffnes Fangeisen zur Hand genommen und gut getroffen , mit dem Schießgewehr hapert ' s aber merklich , da er vor nicht langer Zeit auf dem Anstand einen muntren Hirsch garstig fehlte . - In der Tat , mich gelüstet ' s gar sehr nach dem Curriculum vitae dieses entschlossenen Weidmanns , sei es auch nur ein epitomatischer Auszug aus demselben , der mir schon zeigen könnte , wo ich eigentlich meine Stelle finde , und ob es nicht geraten , mich nur gleich an die heilige Jungfrau zu wenden wegen eines mir vielleicht nötigen Frei- und Schutzbriefes ! « - » Laßt , « sprach der Abt , » laßt nur die Zeit hingehn , Kapellmeister ! mich sollt ' es wundern , wenn Euch nicht in kurzem so manches klar würde , das jetzt noch in trübem Dunkel liegt . - Es kann sich noch vieles Euern Wünschen , die ich erst jetzt erkannt , gar freudig fügen . Seltsam - ja , so viel kann ich Euch wohl sagen - seltsam genug scheint es , daß man in Sieghartshof über Euch im gröbsten Irrtum ist . Meister Abraham mag vielleicht der einzige sein , der Euer Innres durchschaut . « » Meister Abraham , « rief Kreisler , » Ihr kennt den Alten , hochehrwürdiger Herr ? « » Ihr , « erwiderte der Abt lächelnd , » Ihr vergeßt , daß unsere schöne Orgel ihre neue wirkungsvolle Struktur der Geschicklichkeit Meister Abrahams zu verdanken hat ! - Doch künftig mehr ! - Wartet nur in Geduld der Dinge , die da kommen werden . « - Kreisler beurlaubte sich beim Abt ; er wollte hinab in den Park , um so manchen Gedanken nachzuhängen , die ihn durchkreuzten ; doch als er schon die Treppe hinabgestiegen war , hörte er hinter sich herrufen : » Domine , domine Capellmeistere ! - paucis te volo ! « - Es war der Pater Hilarius , welcher versicherte , daß er mit höchster Ungeduld auf das Ende der langen Konferenz mit dem Abt gewartet . Soeben habe er sein Kellermeisteramt verrichtet und den herrlichsten Leistenwein abgezogen , der seit