die Geschichte manches Tages merkwürdig und unvergeßlich macht . Einen solchen Tag verschaffte uns neulich ein Besuch , den ich wahrlich nicht vermuthet , von dem ich mir das Angenehme nicht versprochen hätte , das er mir gewährte . Calpurnia war bei uns . Ich kann dir nicht beschreiben , wie seltsam mir zu Muthe war , als Agathokles in mein Zimmer trat , um sie mir anzukündigen . Ich fühlte , daß meine innere Bewegung sich in meinen Zügen malte ; Agathokles bemerkte es wohl , und eine innige Umarmung sollte mich beruhigen . » Empfange sie gütig , meine Geliebte ! Sie ist , trotz ihrer von uns verschiedenen Denkart , ein edles Mädchen . « Ich faßte mich schnell . Daß Agathokles es wünschte , war mir genug , und daß sie ihn geliebt , verloren , und an mich verloren hatte , stimmte mein Herz zu ihrem Vortheil . Ich fühlte , daß ich in einer Schuld gegen sie war , und daß ich ihr durch die größte Freundlichkeit und Zuvorkommung nur einen kleinen Theil derselben abtragen konnte . So empfing ich sie , und was ich um meiner selbst willen gewünscht hatte , gelang mir vollkommen . Sie ward mir gut . O gewiß , zwei Herzen , die sich so genau , so innig in ihrer Liebe für ein Drittes begegnen , denen ein gleiches Urbild von Liebenswürdigkeit vorschwebt , können unmöglich anders , als ähnlich fühlen . Wie ganz anders erschien sie mir nun damals , wie sie mich zum erstenmale sah ! Noch war sie reizend im höchsten Grade , aber dieser Reiz hatte nicht mehr den Anstrich von Leichtsinn und Flatterhaftigkeit , der mich einst so empörte . Es war ein leichter Schleier von Ernst darüber gebreitet , und manchmal glaubte ich sogar ein Wölkchen der Wehmuth in ihren schönen Augen schwimmen zu sehen . Ach wenn ich dachte , diese sanfte Trauer könnte einem verlorenen Gute gelten , das ich ihr entrissen hatte , dann schwoll mein Herz von Mitleid , und ich hätte ihr um den Hals fallen , und das anmuthige Wesen um Vergebung bitten können . Noch zwei Tage klangen die süßen Gefühle in uns nach , die Calpurniens und ihres Bruders , eines sehr edlen Jünglings , Umgang in uns geweckt hatte . Ich sah , daß Agathokles froher athmete , seit dem seinem Herzen die Versicherung ward , ein liebenswürdiges Wesen , das sich vielleicht von ihm gekränkt glauben konnte , habe diesen Wahn aufgegeben , und ihre Achtung sey ihm unverloren . Auch sein Vater fährt fort , ihn mit großer Güte und Liebe zu behandeln , er war schon zweimal bei uns , und es scheint , als ob die Natur mit ihren einfachen Freuden ihr unverjährbares Recht selbst über die allzuverfeinerten , von ihr entfremdeten Menschen ausübte . Er scheint , so wie Calpurnia , sich auf dem Lande zu gefallen ; vielleicht ist es eben um der Neuheit der Gegenstände und des scharfen Contrastes willen . Die größte , die reinste Freude war uns noch vorbehalten . Am schwersten unter allen ertrug Agathokles seine Trennung von Constantin . Ich sah deutlich , wie dieser Gedanke an seinem Herzen nagte , und seine stillsten , süßesten Freuden störte . Seine Liebe hielt diese Spannung nicht mehr länger aus , er suchte einen Anlaß , den ersten Schritt zur Versöhnung thun zu können , so sehr auch das Recht auf seiner Seite war . Es fand sich keiner , und so that er ihn denn endlich unveranlaßt , weil er liebte . Er schrieb an den Fürsten , und ich konnte wohl bemerken , wie gespannt sein ganzes Wesen auf den Erfolg dieses Briefes war . Er hatte acht Tage festgesetzt , binnen welchen er die Antwort erwarten wollte . Am Abend des Zweiten gingen wir durch thauende Gefilde von einem Spaziergange in unser Haus zurück , als plötzlich aus dem nahen Gebüsch Constantin hervorstürzte , und heftig an Agathokles Brust sank . Fest , innig , als wollten sie sich für die Ewigkeit halten , umschlangen sich die beiden Freunde , kein Laut entweihte die stille Feier dieser Scene . Endlich richtete sich Constantin auf , er wollte Etwas von Verzeihung , von Entschuldigung sagen - Agathokles legte ihm den Finger auf den Mund . » Still davon , mein Getreuer ! Laß uns das Vergangene völlig vergessen . Du liebst mich noch , du hast mich nicht aus deinem Herzen geschlossen - das ist Alles , was ich zu wissen brauche , um ganz glücklich zu seyn . « Sie umarmten sich von Neuem . Ich sah Thränen in Agathokles Augen , die untergehende Sonne hatte nie aus schöneren Tropfen wiedergestrahlt . Ich war tief bewegt , meine Hände falteten sich unwillkührlich , und ich bemerkte erst , daß ich in betender Stellung dagestanden hatte , als Agathokles zu mir trat , den Arm um mich schlang , und Constantin meine Hand mit herzlichem Drucke ergriff . In ihrer Mitte kehrte ich in die Villa zurück . Constantin blieb drei Tage bei uns , und nie habe ich meinen Agathokles so glücklich gesehen , als in diesen drei Tagen . So wächst meine Zufriedenheit mit jedem Tage , und in frohen Ahnungen sieht mein Herz noch schönern Zeiten entgegen . Dich noch einmal zu sehen , ist jetzt der einzige heftige Wunsch meiner sonst stillen beglückten Brust , und wer weiß , ob es mir nicht moglich wird , in Gesellschaft meines Agathokles den nächsten Frühling in deine Arme zu eilen ? Dann bin ich vollkommen glücklich . 86. Calpurnia an Lucius Piso . Nikomedien , im Sept . 303 . Was wird sich noch mit mir zutragen ? Wohin wird das launenhafte Schicksal mich noch führen ? Sulpicia ist todt ! Ihr trauriges freudenloses Daseyn ist geendigt . Was ich längst als gewiß voraus sah , war nun geschehen , es überraschte mich nicht - aber es schmerzte mich tief