und er sank in das liebe Auge , wie ein Frommer in das Auge , unter welchem man Gott abbildet . Wie leicht und dünn ist ein Blick und ein erinnerter ! Kaum das Alpenröschen ist er , das der Mensch von der höchsten Stelle seines Lebens herunterbringt . Aber doch hält der Mensch unter der Masse von Massen und Weltkugeln sich gern an die kleine , die ein Augenlid bedeckt , an einen verhauchten , kaum entstandenen Blick - und auf dem himmlischen Nichts ruht sein Paradies mit allen Bäumen fest ! So sind Geister ; denn da die Unsichtbarkeit ihre Welt ist , so ist ein Nichts leicht ihre Sichtbarkeit ! Am Morgen lag Sonnenschein und Seligkeit um ihn her . Alle Blüten zu Zankäpfeln waren abgefallen . Die Morgenstunde hat Gold , aber das reinste , im Mund ; die Sonne scheidet das in Schlacken vererzte Gemüt ; das finstere Übermaß , besonders des Hasses , hört auf . Walt sah sich um im Morgenlicht , fand sich wie von einem Arm aus den Wolken durch alle übereinanderstehenden Wolken des Lebens durchgehoben ins Blau - Wer liebt , vergibt , wenigstens den Rest dem Rest ; er fragte sich , wie er denn gestern , gerade am Heimkehr-Feste , so gegen den armen Bruder aufbrausen können . » Jawohl den armen Bruder « , fuhr er fort ; » denn er hat gewiß keine Geliebte , deren Liebesblick ihm wie ein Lebensbrennpunkt im Herzen bleibt . « Nun ging er ganz ins Einzelne und stellte sich - nach seinem Instinkte , der ihn stets in die fremde Seele trieb und in ihr über sie hinzuschauen zwang - an Vults Stelle , wie dieser nichts habe , nichts wisse ( vom Wasserfalle nämlich ) , wie er alles oder vieles so sehr gut meine , besonders für Walt , wie er nur herrschsüchtig hart verfahre usw. In dieser Gesinnung beschloß er , zum Bruder zu gehen und kein Wort zu sagen über die Essig-Sache , sondern bloß mit seiner Hand eine schon im Mutterleib verknüpft gewesene anzufassen und einiges gelassen zu besprechen , besonders was die bevorstehende Wahl eines neuen Erbamts betreffe . Vult war verreiset . Ein Briefchen an Walt war an die Tür gesiegelt : » Bester ! Ich reisete heute flüchtig ab , um in Rosenhof mein versprochenes Konzert zu blasen . Künftig arbeit ' ich viel fleißiger ; denn wirklich tu ' ich für unsern Gesamt-Roman zu wenig , besonders da ich gar nichts dafür tue . Es entgeht uns nicht , daß ich lieber spreche im reißendsten Strome mich schwemmend - als schreibe . Gut aber ists nicht , weder für die Literatur noch das Honorar . In Schulen gilt sonst Rechen- und Schreib-Meister für einen ; ein trefflicher Buch-Schreibmeister hingegen ist selten ein Rechenmeister ; leider bin ich nicht einmal einer von beiden und brauche doch Geld . Adieu ! v. H. « » Der gehetzte Bruder ! « sagte Walt , » so muß er sich jetzt das Geschenk erpfeifen , das er mir so spaßhaft in die Hände gespielt ; warum fall ' ich immer so heftig aus und drücke den Guten ? « Er faßte den ernstlichen Vorsatz , künftig seinem Sturm- und Poltergeiste ganz anders den Zügel anzuziehen . - Aber Rosenhof warf bald heiteres Licht auf alles und heiligte fast den Flötenspieler , den er in den nachschimmernden Auen des schönsten Morgens mit Glanz besprützt umherwaten sah . Wackerer als je betrat er nun seine Notariats-Gänge wieder , die sich gegen das Ende seines Erbamts immer häufiger auftaten . Es war ihm ganz einerlei - so freudig ging sein Puls - , worüber er ein Instrument aufsetzte , ob über die Verlassenschaft eines Hofpredigers oder über eine angebohrte Öl-Tonne oder über eine Wette : immer dacht ' er an das Haus des Generals oder an den Wasserfall oder an Leipzig , und es konnte ihm gleichgültig sein ( denn er gab nicht darauf acht ) , was er niederschrieb als offner kaiserlicher Notar . So glänzend-umsponnen vom Nachsommer des Herzens , kam er aus dem September und dem Notariat endlich in den Oktober hinüber , wo er vor den Kabelschen Testaments-Exekutoren die Rechnung über das bisherige Erbamt abzulegen hatte , vor welcher ihm nicht im geringsten bange war ; denn Winas Blick hatte in ihm einen so feurigen Herzschlag entzündet , daß er mit einem solchen Frühlings-Pulse vermochte , in jeder äußern Kälte des Schicksals warm zu bleiben . Sein Vater Lukas hatte ihn neuerlich in mehreren Kopien von Brief-Originalen ( die der Schulze behielt , weil im Briefschreiben das Original das schlechtere ist ) seine Angst vor dem Notariats- Hintergrund und die Beteurung seiner » Herbeikunft « wissen lassen . Walten wurde die Wiederholung desselben dürren Gedankens , die so manchen frischen erdrückte , sehr zur Last , und er wünschte nichts weiter als die alte Freiheit , an hundert Dinge zu denken . » Warum ist denn ein Irrweg so verdrießlich « , sagt ' er , » als bloß weil man so lange , bis man den rechten wieder erwischt , immer die abgeschabte platte Idee des Wegs besehen und behalten muß ! « Die gemeinen Qualen des Lebens belasten weniger unter ihrer Geburt als während ihrer Schwangerschaft , und der eigentliche Leidenstag geht 24 Stunden oder Zeiten früher an als der äußere . Der erste Schritt , den Walt am anberaumten Morgen ins Rathaus tat , machte ihn zu einem andern Menschen , nämlich zum alten - die Sache war für ihn vorbei , denn sie war so nahe . Zu bald kam er im Vorzimmer an , harrte aber vergnügt und machte einen Polymeter , worin er einige gute Gruppen besang , die in halberhobener Arbeit am Ratsofen mit aller der Wärme dargestellt waren , welche die Jahreszeit an einem kalten Ofen erlaubt . Tanz-Horen , Füllhörner voll Heu , Fruchtschnüre oder -stricke , Büschel von dicken festen Blumen oder Obst und